Bayerische Brauer in Nöten: Die letzte Runde

Von Tobias Lill, München

Bayerns Brauereien stecken in der Krise, jeder fünften droht das Aus. Schuld sind die neuen Trinkgewohnheiten der Bundesbürger: Sie kaufen am liebsten Dosenbier aus Norddeutschland. Ein Streifzug durch das ehemalige Stammland von Hopfen und Malz.

Bayerische Brauereien: Begraben unter der Blechlawine Fotos
dpa

An solchen Frühlingstagen weiß der Münchner, was er an seiner Heimat liebt: Der See im Englischen Garten schimmert in der Sonne. Frisch verliebte Pärchen schippern mit ihren Booten dahin. Nicht weit entfernt im Chinesischen Turm kracht die Blasmusik. In den Maßkrügen der Gäste leuchtet goldener Gerstensaft - natürlich aus Bayern.

Auch auf den Wiesen des Englischen Gartens ist sie noch zu spüren: die bajuwarische Lebensfreude. Es duftet nach Steak und Bratwurst. Auf den Picknick-Decken trinken die Sparsameren ihr Feierabendbier aus den bunt verzierten Glasflaschen ihrer einheimischen Traditionsbrauereien.

Doch die "Mir san mir"-Idylle ist in Gefahr: Denn immer öfter ragen in der Landeshauptstadt wie im gesamten Freistaat Einwegflaschen und Dosen aus den Mülleimern. Mancherorts werden die Naherholungsgebiete gar von einer regelrechten Blechlawine überrollt: Denn pünktlich zur Fußball-WM im vergangenen Sommer hatten mehrere Einzelhandelsketten die lange geschmähte Bierdose in ihre Regale geholt.

Der Discounter Netto etwa bietet seither neben Gerstensaft aus Mehrwegflaschen auch Dosen der Marke Schloss-Pils an: Gerade einmal 29 Cent, plus 25 Cent Pfand, kostet der halbe Liter derzeit. "Die Kundenresonanz liegt über unseren Erwartungen", sagt eine Firmensprecherin.

Dosenbier ist für Bayerns Brauer ein Tabu

Ein Tester des Fachblatts Biertest Online schreibt, das Schloss-Pils sei eines der besten Billigbiere, "welches je meinen Rachen hinunterlief"; doch das Entsetzen bei den Mittelständlern ist groß. "Mit jeder verkauften Dose fällt eine Flasche für die Traditionsbrauereien weg", sagt etwa Walter König. Der Sprecher des Bayerischen Brauerbunds residiert in einem Altbau in der Münchner City. Auf der Straße vor seinem Büro steht ein Bierbrunnen, umrahmt von einem Bassin. An Festtagen sprudelt hier Freibier. Auf dem Regal in Königs Arbeitszimmer stehen Flaschen erlesener Sorten, Dosen sucht man vergebens.

Denn während die großen Abfüller der blechernen Tiefpreis-Plörre ihren Sitz häufig in Nord- und Ostdeutschland haben, ist die Brauwirtschaft im Land der Lederhosen noch immer weitgehend mittelständisch organisiert: Neun von zehn Betrieben sind in Familienhand. Für sie ist Bier in Einwegverpackungen ein Tabu. "Unsere Brauer wollen das nicht", berichtet König. Noch immer liegt die Mehrwegquote beim Gerstensaft bei mehr als 80 Prozent. Ob das allerdings so bleibt, ist fraglich: 2010 stieg der Einweganteil bereits spürbar.

Und selbst Discounter, die bislang aus Imagegründen auf die Umweltkiller aus Alu verzichten, überschwemmen ihre Märkte mit extrem günstigem Bier - nur eben aus Flaschen. Manche Großbrauerei verschleudert die Kiste hier für weniger als sechs Euro. "Da unterbietet jeder jeden", ärgert sich Hans Hartl, Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Bayern. Viele kleinere Brauereien litten massiv unter den Attacken der Bier-Multis. Kein Wunder: Ein Mittelständler kann laut Brauerbund schon bei einem Kastenpreis von unter 14 Euro kaum noch wirtschaftlich arbeiten.

"Keiner will derjenige sein, der den Schlüssel umdreht"

Die Invasion der Billigplörre trifft die Brauer im Süden zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt: 2010 brach der Bierabsatz im Freistaat im Vergleich zum Vorjahr um 700.000 Hektoliter ein. Mit 3,2 Prozent ist das Minus doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.

In der Folge mussten die bayerischen Brauer - trotz gestiegener Exporte - ihre Jahresproduktion um 500.000 auf 22,8 Millionen Hektoliter drosseln. Anfang der neunziger Jahre füllten sie mit rund 30 Millionen Hektoliter fast ein Drittel mehr ab.

Und ein Ende der Krise ist nicht in Sicht: "Für mache könnte es bald sehr eng werden", sagt König. Nicht wenige Mittelständler lebten von der Substanz. "Doch keiner will derjenige sein, der den Schlüssel umdreht", sagt der Bierlobbyist.

Rund ein Drittel aller Brauereien in der EU kommt aus Bayern

Auf den ersten Blick scheint die weiß-blaue Welt allerdings noch in Ordnung zu sein. Denn dem bayerischem Wirtschaftsministerium zufolge hat derzeit mehr als ein Drittel aller Brauereien innerhalb der EU ihren Sitz in der Heimat von König Ludwig. Laut Statistik stieg die Zahl der angemeldeten Braustätten im Freistaat seit 2007 sogar leicht von 629 auf 637.

"Doch das sind Erlebnis- und Gasthofbrauereien", sagt König. Meist steht dort nur der Wirt selbst am kupfernen Sudkessel.

Schätzungen gehen davon aus, dass jeder fünften Brauerei im Freistaat das Aus droht. Tatsächlich sank die Zahl der Betriebe mit mehr als 20 Angestellten bereits - von 161 im Jahr 2001 auf nur mehr 129 Ende 2008. Im selben Zeitraum ging in Bayern ein gutes Sechstel der Arbeitsplätze in der Branche verloren. "Es besteht insgesamt ein erheblicher Konsolidierungsdruck aufgrund des rückläufigen Konsums in Verbindung mit massiven Überkapazitäten", erläutert ein Sprecher des bayerischen Wirtschaftsministeriums.

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insgesamt 130 Beiträge
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1. War on drugs
hier_entlang 01.05.2011
Irgendwann erwischt er halt jeden! ;-) Notfalls sollte eine Biersubstitution mit Wein zum Beispiel möglich sein. Aber warum sollte es ausgerechnet bayrischen Brauereien besser ergehen, als ihren Leidensgenossen in Restdeutschland? Wenn einem urkonservatives Beharren und Festhalten am Reinheitsgebot wichtiger ist, als Kundenwünsche (Stichwort: Biermischgetränke), sollte man sich nicht wundern, wenn der Absatz rückläufig ist.
2. Liebe bayrische Bierbrauer
dashaeseken 01.05.2011
Zitat von sysopBayerns Brauereien stecken in der Krise, jeder fünften droht das Aus. Schuld sind die neuen Trinkgewohnheiten der Bundesbürger: Sie kaufen am liebsten Dosenbier aus Norddeutschland. Ein Streifzug durch das ehemalige Stammland von Hopfen und Malz. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,759255,00.html
ihr seid da genau wie die blauweißen Milchbauern...jahrelang verwöhnt und mit Subventionen überschüttet...und nun kommt langsam Realität und Marktwirtschaft ins Spiel, und das Gejaule beginnt. Angebot und Nachfrage bzw. verfügbares Geld in den Haushalten und die Bierpreise..wenn ich einen Kasten gutes Pils aus dem Osten der Republik für 6 Euro kriegen kann oder die HaLiDo für unter 50 Cent , warum in aller Welt sollte ich dann 10 € für blauweiße Landbrühe ausgeben ? Aus Solidarität ? Ihr übernachtet doch auch nicht in unserem Hotel, wenn es mal schlecht geht. Survival of the fittest...und Klitschen mit 100 hl Jahresvolumen wird sowieso keiner vermissen.
3. Mir kommen gleich die Tränen!
lynx2 01.05.2011
Zitat von sysopBayerns Brauereien stecken in der Krise, jeder fünften droht das Aus. Schuld sind die neuen Trinkgewohnheiten der Bundesbürger: Sie kaufen am liebsten Dosenbier aus Norddeutschland. Ein Streifzug durch das ehemalige Stammland von Hopfen und Malz. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,759255,00.html
Haben die keine Lobby? Ich dachte, Dosenbier gibt's schon gar nicht mehr. Dann nichts wie weg damit. Prohibitives Pfand von 1 € pro Dose. Maulhelden wie Seehofer verlangen PKW-Maut, dann können sie beim Bier gleich weitermachen. Aber eben nur ein Maulheld. Außer heiße Luft kommt da nichts.
4. warum trinken die deutschen weniger bier?
rückfrage 01.05.2011
und warum trinken jetzt die deutschen tatsächlich weniger bier? an den höheren gerstenpreisen kann es angesichts des massenhaften billigbiers ja nicht liegen, sollen es wirklich die verkaufsbeschränkungen sein?
5. Wo war der Autor?
himmehargodsakrament 01.05.2011
Also Dosenbier trinkt hier in Bayern fast keiner. Im Discounter steht zwar die obligatorische Palette. Und wenn man Doserbier braucht fährt man nach Österreich, ohne Pfand.
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