Beate Uhse ist insolvent Tod durch Liebesentzug

Beate Uhse war einst der größte Erotik-Konzern Europas - jetzt ist er insolvent. Ein Grund für den Absturz: Die Wünsche der wichtigen weiblichen Kundschaft wurden nicht ausreichend befriedigt.

Von


Mit Beate Uhse ist das älteste deutsche Erotik-Unternehmen pleite. Gegründet kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, entwickelte sich die Firma zu Europas größtem Erotik-Konzern. Doch nach seiner stärksten Phase in den Siebziger- und Achtzigerjahren folgte der Niedergang.

Was war der Grundstein des Erfolges?

Zunächst hatte Beate Uhse einen Zukunftsmarkt vor sich: Der Ursprung des Erotik-Unternehmens lag nach dem Zweiten Weltkrieg in der Aufklärungsarbeit über Sexualität. Die Luftwaffenpilotin Uhse fuhr 1946 zunächst mit dem Fahrrad durch Schleswig-Holstein und informierte Frauen über Verhütung. Ungewollte Schwangerschaften bedeuteten nach dem Krieg für viele Frauen schwere Schicksalsschläge. Damals fand Uhses Aufklärungsheft "Schrift X" großen Absatz.

Zwei Jahre später begann Uhse in Flensburg mit ihrem zweiten Mann Walter Rotermund den Versandhandel von Aufklärungsschriften. Später verschickte sie auch Kondome, schon 1960 gab es eine Million Uhse-Kunden. Im Jahr 1961 setzte das Unternehmen 7,3 Millionen Mark um. Ein Jahr später eröffnete Beate Uhse in Flensburg ihr "Institut für Ehehygiene" als ersten Sex-Shop Deutschlands.

Fotostrecke

11  Bilder
Insolvenz von Beate Uhse: Ende Legende

In den Sechziger- und Siebzigerjahren wuchs die Nachfrage - getrieben auch durch die sexuelle Revolution. 1971 gab es in der Bundesrepublik bereits 25 Beate-Uhse-Shops.

Mitte des Jahrzehnts gab der Gesetzgeber die bis dahin regulierte Pornografie frei. Daraufhin erlebte die gesamte Branche einen riesigen Aufschwung, immer mehr Sex-Shops entstanden. Auch der Versandhandel mit Filmen, Dessous und Sexspielzeug boomte.

Wie war das Unternehmen organisiert?

1981 wurde die Beate Uhse AG gegründet. Dabei wurde das Geschäft aufgeteilt. Die Söhne der Unternehmensgründerin, Klaus Uhse und Dirk Rotermund, führten Versand und Verlag. Beate Rotermund-Uhse und ihr Sohn Ulrich übernahmen die Fachgeschäfte, die Sexkinos und den Filmverleih. Beide Unternehmen entwickelten sich losgelöst voneinander.

In den Achtzigerjahren expandierte das Unternehmen stark in der Fläche und eröffnete immer neue Läden. Nach dem Mauerfall 1989 profitierte Beate Uhse stark von der Nachfrage aus dem Osten. Das Unternehmen verteilte seine Kataloge an die Bürger und eröffnete zahlreiche Sex-Shops in den fünf neuen Ländern. Beate Uhse entwickelte sich zu Europas größtem Erotik-Konzern und einer der bekanntesten Marken Deutschlands.

Zehn Jahre später, am 27. Mai 1999, folgte der Gang an die Börse. Zunächst stieg der Kurs des Unternehmens rasant. Die Aktie zum Preis von 7,20 Euro war zum Start 64-fach überzeichnet. Nach dem höchsten Stand bei rund 25 Euro ging es allerdings nur noch bergab.

Womit begann der Niedergang?

1999 startete auch die Expansion ins Ausland. Dabei machte sich langsam die Konkurrenz aus dem Internet bemerkbar. Schon kurz nach dem Börsengang wurde ein Fünftel des Geschäfts über das Internet abgewickelt.

Den Niedergang ihrer Firma musste die Unternehmensgründerin nicht mehr miterleben. Beate Rotermund-Uhse verstarb am 16. Juli 2001 im Alter von 81 Jahren.

Ab Anfang der Zweitausenderjahre wuchs die Konkurrenz mit kostenlosen Videoclips aus dem Netz. Der Umsatz mit Sexfilmen ging wegen des Gratisangebots zurück. Auch im Onlinehandel machten sich immer neue Wettbewerber breit, die sich durch trendige Präsentation von dem Traditionsunternehmen abhoben.

Womit wollte Beate Uhse gegensteuern?

Das Unternehmen Beate Uhse versuchte, neue Zielgruppen zu erschließen und wandte sich zunächst verstärkt den Bedürfnissen der weiblichen Kunden zu. So eröffnete 2004 in Hamburg der erste Sex-Shop nur für Frauen. In den Folgejahren wurden sie die wichtigste Zielgruppe. Durch Partnerschaften mit Modeketten und Drogeriemärkten wollte das Unternehmen endgültig raus aus der Schmuddelecke.

Seit 2006 hatte der Konzern mit Umsatz- und Gewinnrückgängen im Kataloggeschäft und in einem Teil der Filialen zu kämpfen. Davon konnte sich das Unternehmen nicht mehr richtig erholen - auch der Aktienkurs brach ein. Es folgen Vorstandswechsel und diverse Restrukturierungsmaßnahmen. Laut Branchenexperten ist Beate Uhse zu spät in den E-Commerce eingestiegen.

Dabei entwickelte sich der Internethandel zunächst positiv. 2010 machte Beate Uhse mit dem Onlinegeschäft knapp 45 Millionen Euro Umsatz. Vier Jahre später betrug er rund 51 Millionen Euro, während im Filialgeschäft 44 Millionen Euro erlöst wurden.

SPIEGEL.TV: Erotik aus der Gartenlaube - Sexshop von Annerose Koschinski

SPIEGEL.TV

Allerdings machten Erotik-Händler wie Eis.de Beate Uhse ab 2006 verstärkt Konkurrenz. Auch sie setzen auf Frauen als Kunden. Aber auch der Onlinehändler Amazon bietet ein einschlägiges Sortiment. Im Jahr 2013 startete der Onlineshop Amorelie, der ebenfalls mit lifestyliger Anmutung die Zielgruppe Frauen und Paare ins Visier nimmt.

Beate Uhse veränderte mehrfach das Sortiment, das Logo wurde feminisiert, doch der Niedergang konnte nicht gestoppt werden. Viele Kunden verbinden mit dem Unternehmen ein leicht angeschmuddeltes Image von Porno, Rotlicht und Bahnhofsviertel.

Seit 2015 steckt der Konzern in den roten Zahlen. Das Kataloggeschäft von Beate Uhse konnte sich bis zuletzt nicht erholen. Es war nicht mehr zeitgemäß. Am Valentinstag 2016 erschien der letzte "Beate-Uhse"-Katalog, eine Ära ging zu Ende. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten setzten sich fort. Der Jahresbericht für 2016 musste mehrfach verschoben werden, Umsatz- und Gewinnprognosen wurden nach unten korrigiert.

Wie soll es weitergehen?

Der erst im April berufene Vorstandsvorsitzende Michael Specht hatte im Juni seinen Finanzchef gefeuert und mit einer Unternehmensberatung den Finanzbereich und das Rechnungswesen gründlich durchleuchtet.

Schließlich stellte die Holding des Erotik-Händlers Insolvenzantrag. Wegen Finanzierungsproblemen bei einer Anleihe droht die Zahlungsunfähigkeit.

Der heutige Vorstand analysiert die Fehler der Vergangenheit: "Die Gruppe hat in den letzten Jahren unter zahlreichen Managementwechseln und strategischen Fehlentscheidungen gelitten. Der Ausbau des Onlinehandels wurde zögerlich und unsystematisch betrieben, wichtige Entwicklungen im stationären Handel wurden verpasst, die Produktpolitik war nicht strategisch, sondern zufällig und reaktiv."

Zudem hätten die Online-Verkaufskanäle und die Filialen jeweils ein Eigenleben geführt und kein nahtlos übergreifendes Einkaufserlebnis geboten, hieß es weiter.

Vorstandschef Specht will nun mit dem Insolvenzantrag in Eigenregie die Unternehmensgruppe als Ganzes sanieren. Zunächst soll der Betrieb weitergehen. "Wir haben damit einen Weg eingeschlagen, bei dem wir sehr zuversichtlich sind, die Unternehmensgruppe als Ganzes sanieren zu können", sagte Specht.

Die Zukunft hängt vor allem von den Großaktionären ab, allen voran vom niederländischen Unternehmer Gerard Cok und den schleswig-holsteinischen Sparkassen. "Die wesentlichen Gläubiger des Unternehmens stehen der Sanierung im Rahmen eines Eigenverwaltungsverfahrens positiv gegenüber und haben ihre Unterstützung für den Sanierungsprozess zugesagt", heißt es in der Mitteilung des Unternehmens. Das dürfte die letzte Chance sein.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels hieß es, dass der Großhandel mit der Marke "Orion" seit 1981 zum Unternehmen Beate Uhse gehörte. Tatsächlich firmierte das Versandgeschäft erst 1984 in Orion um. Auch der Großhandel wurde erst später gegründet.

Mit Material von dpa und Reuters



insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pfaffenwinkel 15.12.2017
1. Beate Uhse
war für uns 68er mal das Tor zur sexuellen Freiheit. Aber es gehörte seinerzeit Mut dazu, in so ein Geschäft zu gehen, die meisten taten es heimlich.
rainerwäscher 15.12.2017
2.
Zitat von Pfaffenwinkelwar für uns 68er mal das Tor zur sexuellen Freiheit. Aber es gehörte seinerzeit Mut dazu, in so ein Geschäft zu gehen, die meisten taten es heimlich.
Begehrt und legendär der Katalog ohne Absender auf dem Umschlag aber erkennbar aus Flensburg. Damals hatte man halt nichts Besseres. Obsolet seit jeder Internet hat. Filme gibt es jetzt gratis und der nach einer weiblichen Kriegerkaste benannte Onlinehändler hat mittlerweile ein größeres und preiswerteres Angebot an Erotikartikeln.
capote 15.12.2017
3. Der richtige Riecher...
Das ist wie bei einer Mode-Boutique, wenn man den richtige Riecher fürs Sortiment hat, kann man sich doll und uhsig verdienen, wenn nicht, nützen Läden und Internet nichts. Dröge Kaufleute und Controller werden den Laden nicht sanieren, dass denen das Gespür für das "richtige" Sortiment abgeht, haben die bewiesen und werden alles neue Geld genau wie bisher verdummbeuteln.
frantonis 15.12.2017
4. Damals wollte man die Läden
in den Einkaufspassagen los werden. Jetzt hat sich Gott sei Dank das Problem von selbst gelöst. Die Pornoindustrie frisst sich selbst auf.
foomen 15.12.2017
5. Gang zur Börse = Orthmann = Lizenz zum Gelddrucken = ....
Der Beitrag zum Niedergang war schon mal im Spiegel.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.