Von Christian Teevs
Berlin - Die Deutschen sind ein Volk der Nörgler, das hat gerade erst eine internationale Studie gezeigt. Die Quengelei zeigt sich auch an der Zapfsäule. Nach Herzenslust wird da gejammert: über die Abzocke der Tankstellenbetreiber, die Steuern - und den angeblich viel zu hohen Benzinpreis.
Doch mal angenommen, alles sei wirklich so schlimm: Warum tanken die Verbraucher dann nicht beim billigsten Anbieter? Ausgerechnet die deutschen Billigheimer, die sonst fleißig Preise vergleichen und lieber beim Discounter einkaufen als beim Feinkosthändler, meiden die günstigeren freien Tankstellen.
Die Mineralölkonzerne, die den Benzinmarkt beherrschen, verweisen genüsslich darauf: Obwohl sie nur 50 Prozent der Tankstellen besitzen, verkaufen sie jährlich rund 65 Prozent der deutschen Kraftstoffe. Mit anderen Worten: Die Kunden hätten durchaus Alternativen - nutzen diese aber nicht.
Eine Studie des Kartellamts hat nun ergeben, dass die Marktverhältnisse tatsächlich zu überhöhten Benzinpreisen führen. Die Konzerne sprächen ihre Preise zwar nicht ab, verstünden sich aber auch ohne Worte, sagte der oberste Wettbewerbshüter Andreas Mundt.
Wirksame Strafen kann das Kartellamt nach diesem Ergebnis nicht verhängen. Mundt verweist daher auf die Politik - die Regierung müsse die Preise im Sinne der Verbraucher beeinflussen. Wie das konkret geschehen soll, ist unklar. Vor allem die FDP hat einiges vorgeschlagen, erntet dafür aber bislang nur ein müdes Lächeln von den Koalitionspartnern CDU und CSU. Experten sind ebenfalls skeptisch, ob sich die Vorschläge umsetzen lassen.
Die Deutschen fahren zu Shell oder Aral - auch wenn es da teurer ist
Aber vielleicht ist alles auch ganz anders. Denn ganz unschuldig sind die Verbraucher nicht am schwachen Wettbewerb auf dem Benzinmarkt. Warum nur steuern sie immer wieder die Tankstellen der großen Ketten an - obwohl es viele andere Angebote gibt?
Das Auto ist nun mal der Deutschen liebstes Kind. Und für das möchte der Großteil der Autofahrer nur das Beste - sprich einen angeblichen Premiumkraftstoff von einer Markentankstelle. Die Verbraucher tanken also bei Shell, Aral oder Esso, auch wenn bei der freien Konkurrenz gegenüber der Sprit zwei Cent billiger ist.
Dabei kann eigentlich keinem verborgen geblieben sein, dass alle Tankstellen die gleichen Kraftstoffe anbieten. Auch die privaten Konkurrenten beziehen ihr Benzin und ihren Diesel von den Shell-Raffinerien. Es ist der gleich Sprit - und doch tankt die Mehrheit lieber bei den Schwergewichten der Branche.
Erklären lässt sich das vor allem mit Gewohnheit und Markentreue. Viele Kunden steuern immer wieder die gleiche Kette an, manche sogar immer dieselbe Tankstelle - auch wenn das nur selten rational ist.
Es wird ein Extra an Leistung suggeriert
Klar ist aber auch: Mit der Trägheit der Verbraucher kann man nicht alles erklären, so würde man die Konzerne vorschnell aus der Verantwortung entlassen. Denn in ihrer Werbung versprechen die Marktführer dem Kunden ja tatsächlich ein besseres Produkt. "V-Power", "Fuel Save", "Ultimate Diesel" - die klangvollen Namen von Aral, Shell und Co. suggerieren ein Extra an Leistung, das sich laut Experten kaum messen lässt.
"Die Qualität der Kraftstoffe ist zwar wirklich höher", sagt Bruno Schulwitz von der Gesellschaft für Mineralöl-Analytik. "Der wirkliche Nutzen ist aber nicht eins zu eins zu messen." Wenn man den Premiumsprit aber mit marktüblichen Qualitätskraftstoffen vergleichen würde, wären die Unterschiede nicht besonders groß. Das tun die Konzerne aber nicht - um mit einem besonders spektakulären Mehrwert werben zu können.
Klaus Picard, Chef des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV), hält auf Nachfrage daran fest, dass die teureren Premiummarken auch besser seien. Zudem müsse es "den Unternehmen doch erlaubt sein, sich hübsch zu machen". Der Kunde würde etwa auch nach dem Erscheinungsbild der Tankstellen entscheiden. "Der Wohlfühlfaktor ist ganz entscheidend."
Öl-Lobby schimpft über populistische Debatte
Und der sei nun mal nicht gegeben, wenn etwa eine veraltete Pumpe beim Tanken rumple. Die Vorwürfe, in Deutschland seien die Preise zu hoch, bezeichnet Picard als populistisch. "Da werden Vorurteile geschürt", schimpft der Lobbyist. Auch der nun vorgelegte Bericht des Kartellamtes enthalte "Ungereimtheiten, Annahmen und einseitige Interpretationen". Dass das Kartellamt den Bericht zur Diskussion freigebe, zeige doch, dass die Behörde selbst unsicher sei, "was die Bewertung unserer Branche betrifft", spottet Picard.
Tatsächlich sind die Unternehmen, die er vertritt, ganz glimpflich davongekommen. Wer erwartet hat, dass die großangekündigte Untersuchung des Kartellamts spürbare Konsequenzen hat, wird enttäuscht. Im Wesentlichen haben die Wettbewerbshüter Belege für Altbekanntes gesammelt (hier finden Sie den ausführlichen Bericht des Kartellamts). Ein "Quantensprung", wie Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) meint, sind die Ergebnisse nicht.
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