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Bericht zur Finanzkrise: US-Senat rechnet mit Deutscher Bank ab

"Eine Schlangengrube voller Gier, Interessenkonflikte und Missetaten" - mit scharfen Worten prangert ein US-Senatsausschuss die Rolle der Banken in der Finanzkrise an. Auch die Deutsche Bank wird gebrandmarkt: Ein ganzes Kapitel widmet sich ihren riskanten Hypothekengeschäften.

Deutsche-Bank-Zentrale in Frankfurt: Wetten in einem kollabierenden Markt Zur Großansicht
REUTERS

Deutsche-Bank-Zentrale in Frankfurt: Wetten in einem kollabierenden Markt

Washington - Längst sprudeln bei der Deutschen Bank, Goldman Sachs und anderen Großbanken wieder die Gewinne - doch die Politik ist noch immer mit der Aufarbeitung der Finanzkrise beschäftigt. Ein Ausschuss des US-Senats stellt in einem nun veröffentlichten Bericht auch die Deutsche Bank an den Pranger - vor allem deren Hypothekengeschäfte.

Die Berichterstatter werfen dem Frankfurter Geldhaus vor, mit seinem Verhalten die Finanzkrise befeuert zu haben. Konkret soll die Deutsche Bank wissentlich problematische Hypotheken zu verbrieften Schuldpapieren, sogenannten CDOs, gebündelt und an Investoren verkauft haben. Die Finanzkrise wurde durch den Zusammenbruch des Markts für solche "Schrottpapiere" ausgelöst.

Rund 639 Seiten umfasst der Bericht - allein 46 davon sind der Deutschen Bank gewidmet. In einer "Fallstudie" analysieren die Autoren, wie die Bank noch angesichts eines zusammenbrechenden Hypothekenmarkts ein neues CDO herausgeben konnte. Es trug den schillernden Namen "Gemstone 7" - Edelstein 7.

Wie riskant CDOs wie Gemstone waren, wusste der oberste CDO-Händler der Bank, Greg Lippmann, laut dem Bericht schon frühzeitig. Lippmann soll Mitte 2006 intern mehrfach Kollegen vor Risiken auf dem Hypothekenmarkt gewarnt haben. Er sprach demnach von "Mist", der auf dem Markt sei. Lippman hat das Institut inzwischen verlassen und arbeitet bei einem Hedgefonds.

In E-Mails, die der Senatsausschuss auswertete, nannte Lippmann die Bank eine "CDO-Maschine" und bezeichnete die Hypothekenpapiere als Schneeballsystem. Als der Ausschuss den Händler interviewte, sagte er jedoch, er habe diese Beschreibungen benutzt, um seine negative Meinung über den Markt zu verteidigen.

Der Bericht fasst fünf zentrale Ergebnisse zur Analyse der Praktiken der Deutschen Bank zusammen:

  • Zwischen Ende 2006 und 2007 verkauften die Deutsche Bank und andere Investmentbanken weiterhin CDOs, obwohl der Zusammenbruch des Hypothekenmarkts bereits begonnen hatte. Allein die Deutsche Bank gab in diesem Zeitraum 15 neue CDOs mit einem Volumen von fast 11,5 Milliarden Dollar aus.
  • Die Investmentbanken hatten trotz der steigenden Risiken hohe Anreize, neue CDOs herauszugeben, weil sie für jedes neue Papier Gebühren zwischen fünf und zehn Millionen Dollar kassierten.
  • Obwohl die Deutsche Bank in langfristige Immobilienpapiere investierte, erlaubte sie ihrem Chef-CDO-Händler zugleich, mit einem Investment von fünf Milliarden auf einen Zusammenbruch des Hypothekenmarkts zu wetten. Dies führte für die Bank unterm Strich zu Gewinnen von rund 1,5 Milliarden Dollar.
  • Bis 2007 hielten die Deutsche Bank und ein mit ihr kooperierender Hedgefonds langfristige Hypotheken-Investments von mehr als 25 Milliarden Dollar, denen eine kurzfristige Spekulation von fünf Milliarden entgegenstand. Insgesamt führte das 2007 zu Verlusten von rund 4,5 Milliarden Dollar.
  • Trotz eines kollabierenden Marktes verkaufte die Deutsche Bank aggressiv das CDO "Gemstone 7" mit einem Volumen von 1,1 Milliarden Dollar. Dies enthielt Immobilienpapiere, die der Chef-CDO-Händler der Bank als "Mist" und "Schweine" verunglimpfte - und die heute praktisch wertlos sind.

Ein Sprecher der Deutschen Bank in Frankfurt sagte, der Bericht zeige zu Recht auf, dass es innerhalb der Bank unterschiedliche Ansichten zum US-Immobilienmarkt gegeben habe - eine Tatsache, die auch der Bericht anerkennt. Diese Ansichten seien aber gegenüber dem Markt jederzeit offen und transparent kommuniziert worden. "Die Deutsche Bank war trotz der negativen Meinung einiger Mitarbeiter am US-Immobilienmarkt investiert und erlitt signifikante Verluste."

Der jetzt veröffentlichte Bericht ist das Ergebnis einer immensen Fleißarbeit: Zwei Jahre arbeitete der Senatsausschuss daran, Millionen Dokumente wurden ausgewertet. Noch deutlich kritischer als die Deutsche Bank wird dabei die US-Investmentbank Goldman Sachs beurteilt.

"Goldman profitierte auf Kosten der Kunden"

Goldman ist in den Augen der Autoren ein Nutznießer der Finanzkrise. Die Bank habe Kunden getäuscht und die Märkte manipuliert, hieß es. "Als Goldman Sachs erkannte, dass der Hypothekenmarkt am Kippen war, haben sie Anstrengungen unternommen, um von dem Einbruch auf Kosten ihrer Klienten zu profitieren." Goldman habe bestimmte Finanzpapiere entwickelt und verkauft, die den Kunden beim Einbruch der Immobilienpreise große Verluste und der Bank gleichzeitig Gewinne eingebracht hätten, sagte der Co-Vorsitzende des Senatsausschusses, Tom Coburn.

Sein Kollege Carl Levin erklärte, der Report mache schäbige, riskante, betrügerische Praktiken bei vielen großen Finanzinstitutionen deutlich. "Bei unseren Untersuchungen sind wir auf eine Schlangengrube voller Gier, Interessenkonflikte und Missetaten gestoßen." Gleichzeitig warf Levin den Aufsichtsbehörden und einzelnen Politikern Versagen vor. Auch die Rating-Agenturen Moody's und Standard & Poor's werden in dem Bericht scharf kritisiert.

Senator Levin hatte sich bereits im April vergangenen Jahres in einer Anhörung mit Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein angelegt. Mehrfach unterstellte er der Bank wiederholt "dreckige Geschäfte".

"Obwohl wir beim Großteil des Berichts anderer Meinung sind, nehmen wir die Themen, die der Ausschuss aufgegriffen hat, sehr ernst", sagte ein Sprecher von Goldman Sachs. Die Bank hatte im vergangenen Jahr 550 Millionen Dollar gezahlt, um Vorwürfe aus der Welt zu schaffen, sie habe Investoren bei einem Geschäft mit Hypothekenpapieren übers Ohr gehauen. Das Institut räumte ein, es habe Investoren unzureichend informiert und verordnete sich mittlerweile ein neues Regelwerk.

mmq/böl/dab/dpa/Reuters

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insgesamt 125 Beiträge
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1. Hmmmm....
blue_plasma, 14.04.2011
Was einem beim Lesen des Artikels so wütend macht ist, dass sich nichts geändert hat und auch ändern wird und gerade heute Ackermann als gefährlich bezeichnet wurde.
2. Die "tollen Berater"
belohorizonte 14.04.2011
unserer Regierung ( siehe Griechenland Option/Empfehlung ). Der Deutsche Bank Kazige Ackermann darf weiter sich die Rolle eines anerkannten internen + advisers + mimmen. Die ticken nicht richtig. Ist Deutschland noch zu retten ? Wirkt ja hochkriminell. Gleichzeitig legal abgesichert. Der herrscht in gewissen Stadtvierteln Palermos mehr Unfrieden. Mglw. mehr Ehre und Anstand. Gut, dass nunmehr Ross und Reiter ins Blickfeld der Oeffentlichkeit gezerrt werden.
3. "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.
Koltschak 14.04.2011
Denn mit dem Maß, mit dem ihr messet wird euch gemessen werden." Und ich rechne mit der US-Finanzindustrie und dem FEDex-Chef Greenspan ab! Das gibt dann ein Rascheln im Blätterteig!
4. Oh Wunder, oh Wunder!
TheBlind, 14.04.2011
Hi ! Waren es doch gerade die Angelsachsen die sich gegen schärfere Banken"gesetze" ausgesprochen haben. Dennoch, komisch schon das man jetzt erst anfängt nachzudenken. Hat Ackermann und Co. nun auch diesen Herrschaften ins Trinkwasser gepinkelt? Cu.
5. richtig...
raju1956 14.04.2011
Zitat von blue_plasmaWas einem beim Lesen des Artikels so wütend macht ist, dass sich nichts geändert hat und auch ändern wird und gerade heute Ackermann als gefährlich bezeichnet wurde.
Richtig! Es hat sich leider wirklich nichts geändert, was auch stark an unserer Regierung liegt. Da wurde den Bankern ja noch das Geld in den H... geschoben!
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Die Deutsche Bank ist das größte Geldinstitut Deutschlands und beschreibt sich selbst als "eine führende globale Investmentbank" mit starkem Privatkundengeschäft. Mehr als 80.000 Mitarbeiter gehören weltweit zu dem Konzern, der in 72 Ländern tätig ist. Die Bank, an deren Spitze Josef Ackermann steht, verdiente im Jahr 2010 nach Steuern 2,3 Milliarden Euro. Der bisherige Rekord lag im Geschäftsjahr 2007, als am Ende 6,5 Milliarden Euro unterm Strich standen.

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