Berliner S-Bahn Betriebsratschef weist Bahn Alleinschuld zu

Der Persilschein für die Deutsche Bahn empört nicht nur die Verantwortlichen bei der Berliner S-Bahn: Deren Betriebsratsvorsitzender Heiner Wegner schiebt dem Mutterkonzern sogar die alleinige Verantwortung zu.

Wartung eines Berliner S-Bahn-Zuges: Bauernopfer für falsche Entscheidungen
ddp

Wartung eines Berliner S-Bahn-Zuges: Bauernopfer für falsche Entscheidungen


Berlin - Das Chaos bei der Berliner S-Bahn ist nach Ansicht des Betriebsratsvorsitzenden Heiner Wegner vor allem auf Entscheidungen im Mutterkonzern Deutsche Bahn zurückzuführen. Wie der Eisenbahner im Interview mit der Nachrichtenagentur ddp sagte, mache ihn der am Dienstag vorgelegte Prüfbericht "wütend". Er benenne nicht die wahren Verantwortlichen, sondern schiebe alle Schuld auf die S-Bahn.

Das 60-seitige Papier wurde seit Oktober im DB-Auftrag von der Anwaltskanzlei Gleiss Lutz gefertigt. Befragt wurden Mitarbeiter, ehemalige Mitarbeiter und Manager der Firma. "Absolut nicht nachvollziehbar" ist für Wegner, dass dem Bericht zufolge technische Mängel und systematische Manipulationen von Prüfintervallen Ursachen für das Chaos sind. "Ich finde es schon bemerkenswert, dass man allein die S-Bahn-Führung dafür verantwortlich macht", sagte er. "Die durfte all die Jahre gar keine eigene Entscheidung treffen." Selbst Kleinigkeiten hätten von der DB Stadtverkehr im Mutterkonzern genehmigt werden müssen.

Wegner beklagte, dass gerade am 2007 geschassten S-Bahn-Chef Günter Ruppert "Rufmord" betrieben werde. Dieser sei aber nur ein Bauernopfer für falsche Entscheidungen im Konzern. Die S-Bahn Berlin sei bis 2004 ein erfolgreiches und intaktes Unternehmen gewesen. Ein "schädlicher" neuer Kurs ab 2003 habe aber für zunehmende Schwierigkeiten gesorgt. "Jegliche Kritiker wurden kaltgestellt, auch Ruppert", sagte Wegner.

DB-Aufsichtsrat war über Probleme informiert

Als "regelrecht falsch" bezeichnete der Betriebsrat Aussagen im Bericht, wonach der DB-Aufsichtsrat über die Probleme nicht im Bild war. "Das betrachte ich als schallende Ohrfeige für mich", sagte Wegner. "Der damalige Aufsichtsratschef Herman Graf von der Schulenburg wurde von mir und meinem Vize im Herbst 2008 persönlich über die Missstände informiert." Von der Schulenburg habe ihm allerdings mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen gedroht, sollte er mit Details an die Öffentlichkeit gehen, berichtete Wegner.

Zwar agiere von der Schulenburg nicht mehr im Aufsichtsrat, arbeite aber weiter an verantwortlicher Position im Konzern. Die S-Bahn ist eine Tochter der DB AG. Der aktuelle Verkehrsvertrag zwischen dem Land und der Bahn läuft von 2004 bis 2017.

Auf Kritik stößt der Bericht auch im Verkehrsausschuss des Bundestages. Bei der Verantwortung für Versäumnisse bei Wartung und Prüfung der S-Bahn-Züge seien noch Fragen offen, stellten mehrere Abgeordnete am Mittwoch vor einer Befragung von Bahnchef Rüdiger Grube in dem Gremium fest.

"Wir lassen uns nicht abspeisen mit einem Bericht der Bahn", sagte der Ausschussvorsitzende Winfried Hermann (Grüne) mit Blick auf ein am Vortag vorgelegtes Gutachten einer Anwaltskanzlei. Darin werden vor allem Konstruktionsfehler bei Rädern und Achsen für das monatelange Chaos bei der S-Bahn verantwortlich gemacht. Aber auch das Management habe grobe Pflichtverletzungen begangen.

Hermann äußerte Zweifel, ob die Bahn schon die notwendigen personellen Konsequenzen gezogen habe. "Wie können Aufsichtsräte so ahnungslos sein?", fragte er.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer warnte davor, die Sicherheit und Zuverlässigkeit Renditezielen zu opfern. "Dahinter steht ein unternehmerisches Handeln, das ausschließlich nach kaufmännischen Zielen ausgerichtet ist", kritisierte er. Bei der Bahn, die letztlich auch dem Gemeinwohl verpflichtet sei, könne dies nicht dauerhaft funktionieren. Für mehr Zuverlässigkeit im Schienenverkehr könne mehr Wettbewerb sorgen, aber auch mehr Druck auf die Bahn. "Wir müssen gewährleisten, dass die Bahn pünktlich, schnell, zuverlässig ist", sagte er.

mik/ddp/apn/dpa



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