Nach 64 Jahren Bertelsmann schließt seine Buchclubs

Für den Buchmarkt bedeutet es das Ende einer Ära: Bertelsmann hat das Aus seines deutschsprachigen Buchclub-Geschäfts verkündet. In den neunziger Jahren betrieb der Gütersloher Medienriese 320 Club-Flilialen und hatte sieben Millionen Kunden.

Düsseldorfer Buchclub-Filiale (Archivbild): "Keine wirtschaftliche Perspektive"
DPA

Düsseldorfer Buchclub-Filiale (Archivbild): "Keine wirtschaftliche Perspektive"


Gütersloh - Was sich seit Jahren angedeutet hat, ist jetzt offiziell: Der Medienriese Bertelsmann schließt bis 2015 sein deutschsprachiges Buchclub-Geschäft. Damit ziehe man die Konsequenzen aus der seit Jahren rückläufigen wirtschaftlichen Entwicklung des Buchclubs in Deutschland, Österreich und der Schweiz, teilte die Konzerntochter DirectGroup mit.

Das Unternehmen kappt damit eine seiner Wurzeln: Der 2009 gestorbene Reinhard Mohn hatte die Clubs 1950 als "Bertelsmann Lesering" gegründet, der zum Wachstumsmotor des Konzerns wurde. Das Prinzip: Viele Menschen bestellen regelmäßig ein Buch oder andere Medien und bezahlen dafür durchschnittlich zehn bis 20 Prozent weniger als im regulären Verkauf.

Die erste Filiale wurde unter dem Namen "Bücherstube" am 1. April 1964 in Kiel eröffnet, seine besten Zeiten hatte der Buchclub aber erst Anfang der neunziger Jahre: In Deutschland gab es sieben Millionen Buchclub-Mitglieder und 320 Filialen. Der Umsatz erreichte bis zu 700 Millionen Euro.

Die letzte Filiale schließt in Gütersloh

Heute gibt es nach Angaben der DirectGroup in Deutschland noch 52 Filialen und knapp eine Million Mitglieder, der Umsatz liegt demnach bei 100 Millionen Euro. Außerhalb Deutschlands soll das Buchclub-Geschäft nach 2015 nur noch in der Ukraine und Russland und mit einer 50-Prozent-Beteiligung in Spanien bestehen bleiben. Für die derzeit etwa 520 Beschäftigten soll ein Sozialplan ausgehandelt werden.

"Das Ergebnis der Analyse ist heute auf schmerzliche Weise eindeutig", sagte der Geschäftsführer der Club- und Direktmarketinggeschäfte, Fernado Carro. "Der Club hat keine wirtschaftliche Perspektive. Es gibt keine Aussicht darauf, aus dem Club ein zukunftsfähiges Unternehmen zu machen." Die letzte Filiale im deutschen Sprachraum soll im März 2015 am Stammsitz des Konzerns in Gütersloh geschlossen werden.

Seit Jahren schon stand ein Verkauf der Buchclubs zur Diskussion, nachdem 2008 bereits viele Clubs außerhalb Deutschlands geschlossen wurden. Dabei hatte Bertelsmann vieles versucht: Clubmitglieder mussten seltener ein Buch bestellen und auch Nicht-Mitglieder konnten in den "Zeilenreich"-Läden oder im Internet einkaufen - wenn auch zum normalen Preis. Zudem führte der Konzern einen "digitalen Kiosk" mit Zeitungen und Zeitschriften für Tablets ein. Vor einem Jahr hatte Bertelsmann bereits das Ende der traditionsreichen "Brockhaus"-Enzyklopädie angekündigt.

mxw/dpa/AP/AFP/Reuters



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mertrager 17.06.2014
1. Die Revolution frisst
... ihre Kinder, könnte man sagen. Zu der Ramschatmosphäre und der vermeintlichen Schnäppchenjagd zu deren Miterfindern der "Club" ja gehört, kommt heutzutage der Vertrieb www. Auch wird heute unter Unterhaltung oftmals etwas anderes verstanden als ein gutes Buch. - Der Club hatte ein riesen Potential, das die Manager verspielt haben, statt die eigene Marktmacht gestaltend einzusetzen.
geotie 17.06.2014
2. yoooh
Zeiten ändern sich, neue Giganten kommen. Was soll's. Manchmal ist es doch gut, wenn nicht immer die-/derselbe Gigant seine Geschäfte macht.
espressoli 17.06.2014
3. Drückerkolonnen...
Bleibt zu hoffen, dass mit "den Clubs" auch die letzten Drücker verschwinden, die Bertelsmann - und anderen Buchverlagen - die Kunden ins Haus "geschleppt" haben...
etude 17.06.2014
4. Zweifelhafte Methoden
Ich selbst wurde in den 70ern als Minderjähriger auf dem Nachhauseweg von der Schule von zweifelhaften Straßenwerbern mit noch zweifelhafteren Lockangeboten zur Unterschrift eines Vertrages genötigt. Glücklicherweise gelang es meinem Vater, der damit absolut nicht einverstanden war, dem uneinsichtigen Werber den Vertrag nur 2 Stunden später wieder abzunehmen. Seitdem lasse ich die Finger von 'Clubs' dieser Art.
Erwin Thomasius 17.06.2014
5. Endlich!
Als ich gerade 18 geworden war, bin ich auf eine Werberin des Buchklubs Bertelsmann hereingefallen, die von einem Hotel am Kurfürstendamm aus auf dem Kurfürstendamm auf Kundenfang ging. Sie erzählte mir, ich könne dort alle Bücher bekommen. Nachdem ich unterschrieben hatte, merkte ich, dass ich die meisten Bücher, die ich auch freiwillig gekauft hätte, dort nicht bekommen konnte. Stattdessen musste ich jedes Vierteljahr Bücher aus dem Bertelsmann-Katolog in einem bestimmten Mindestbestellwert kaufen. Bestellte ich nicht, so suchte Bertelsmann für mich Bücher aus uns schickte sie mir zu. Ich musste die unerwünschten Bücher dann bezahlen. Kündigung frühestens nach zwei Jahren, wenn man in einem festgelegten Zeitfenster kündigte. Nun, ich habe daraus gelernt und überlege es mir dreimal, bevor ich meine Unterschrift irgendwo drunter setze.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.