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Gruner+Jahr-Übernahme durch Bertelsmann: Freie Bahn für die Sanierer

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Die vollständige Übernahme von Gruner+Jahr durch Bertelsmann schafft klare Verhältnisse - künftig müssen strategische Entscheidungen nicht mehr aufwendig abgestimmt werden. Für den Traditionsverlag beginnen jetzt schwere Jahre.

Gruner + Jahr: Zeitschriftenkonzern im Wandel Fotos
DPA

Hamburg - Thomas Rabe ist ein nüchterner Typ. Wenn der Bertelsmann-Chef euphorisch wird, ist also Skepsis angebracht. Mit freudig bebender Stimme verkündete Rabe heute Vormittag, dass Bertelsmann zum 1. November Gruner+Jahr vollständig übernimmt. Von einem "Meilenstein" sprach Rabe, von großen Chancen für den Zeitschriftenverlag und von einem Bekenntnis zum Journalismus.

Die Freude in Gütersloh ist groß, zu Recht, denn Gruner+Jahr geht zum Schnäppchenpreis an Gütersloh. Der Kaufpreis für die 25,1 Prozent am Verlag, die bisher der Familie Jahr gehörten, liegt nach Angaben aus Konzernkreisen bei einem niedrigen dreistelligen Millionen-Betrag, aus der Bertelsmann-Kasse fließen offenbar nur 100 Millionen in bar ab, der Rest, so heißt es, werde verrechnet. Die Summen lassen sich schwer vergleichen mit den rund 500 Millionen Euro, auf die die Jahr-Familie das Paket noch vor zwei Jahren angeblich taxierte, als beide Seiten schon einmal über einen Verkauf verhandelten.Damals wäre in Aktien gezahlt worden, die Bewertungsgrundlagen waren schlicht andere. 2012 lehnte Rabe noch ab, das Geschäft hätte sich für Gütersloh nicht gelohnt. Aus heutiger Sicht muss er froh sein, dass aus dem Deal damals nichts wurde. Doch eines ist sicher: An dem Preis lässt sich der Abstieg von Gruner+Jahr ablesen.

Die einzig tröstliche Nachricht, die in dieser Zahl steckt: Bertelsmann muss den Kaufpreis nicht zurückverdienen, indem es Gruner+Jahr jetzt kurz und klein schlägt. Dennoch ist klar: Der Verkauf ist der Auftakt für ein Streichkonzert in den kommenden Jahren. Bertelsmann übernimmt Gruner+Jahr schließlich nicht deshalb, weil Thomas Rabe hier plötzlich Wachstumschancen ausgemacht hat, die in den vergangenen Monaten übersehen worden sind. Vielmehr hat sich bei allen Beteiligten die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Niedergang des Geschäfts so schnell voranschreitet, dass harte Entscheidungen nötig sind.

Bürokratischer Aufwand war enorm

Die kann Bertelsmann tatsächlich besser im Alleingang durchsetzen. Ob die Buchhaltung, das Controlling, die Personalabteilung oder andere Teile der Verwaltung nach Gütersloh verlagert werden, mit Familie Jahr muss Bertelsmann darüber jetzt nicht mehr lange verhandeln, auch nicht über die Frage, ob und zu welchem Preis Teile des Zeitschriftenhauses im Ausland verkauft werden.

Der bürokratische Aufwand der gemeinsamen Eignerschaft war immens und auch für das Management um Vorstandschefin Julia Jäkel kein Vergnügen. Auch wenn Rabe beständig versichert, Gruner+Jahr nicht filetieren zu wollen: Der Verlag wird kleiner werden, und es spricht vieles dafür, dass es nicht bei den schon angekündigten 400 Arbeitsplätzen bleibt, die in den nächsten drei Jahren wegfallen sollen. Aus dem Verlagshaus dürfte auf mittlere Sicht eine schnöde GmbH werden. Einen eigenen Aufsichtsrat braucht es dann nicht mehr, der Vorstand würde zur Geschäftsführung. Es wird um einiges nüchterner zugehen in Hamburg. Die Absage des Henri-Nannen-Preises im nächsten Jahr war auch hierfür ein Vorbote.

Den Ausstieg der Familie Jahr darf man trotz allem nicht überbewerten. Ein Garant für verlegerischen Wagemut und Idealismus sind die Jahrs schon lange nicht mehr. In der Familie führen nicht mehr die Gründer und ihre Nachfolger um Angelika Jahr-Stilcken das Wort. Das Sagen hat dort eine Erbengeneration, die in den Verlag mehr Geld investieren müsste, als sie vermutlich jemals herausbekommt. Die Beteiligung an Gruner+Jahr ist für sie so wenig emotional wie die an Spielkasinos, Hotels und Immobilien.

Viele Millionen nötig

Das ist nicht verwerflich, es ist vermutlich klug, und darin liegt die Tragik. In den nächsten Jahren viele Millionen Euro zu investieren in der Hoffnung, dass Gruner+Jahr im Digitalen irgendwann so viel Geld verdient, wie es im Gedruckten an Erlösen verliert, wäre für die kühl rechnenden Kaufleute unter den Jahr-Erben wohl kaum attraktiv gewesen. Erst recht nicht, solange Bertelsmann Gruner+Jahr im digitalen Geschäft auch noch Konkurrenz macht, etwa beim Aufbau von E-Commerce-Plattformen oder im Bildungsgeschäft.

Thomas Rabe hat nun versichert, Bertelsmann werde die Gruner+Jahr-Führung um Julia Jäkel weiter unterstützen und die erforderlichen Mittel für den Umbau des Verlags bereitstellen. Der Lackmus-Test hierfür wird schon bald kommen, der Verlag hat diverse Großprojekte geplant. Bisher war die Investitionsbereitschaft von Bertelsmann ein ewiges Versprechen. Bekanntermaßen verließen Jäkels Vorgänger Bernd Kundrun und Bernd Buchholz den Chefposten bei Gruner+Jahr, weil sie sich mit Bertelsmann um geplante Investitionen stritten.

Aus der Sicht von Bertelsmann stellte sich das Hamburger Problem freilich immer anders dar: Geld für Investitionen war genug da - allein, in Hamburg gab es keine gescheiten Vorschläge, wie und wo es denn sinnvoll ausgegeben werden könnte. Was sinnvoll ist, wird nun mehr denn je in Gütersloh entschieden.

Der Verlag Gruner+Jahr ist auch mit einer Sperrminorität am SPIEGEL-Verlag beteiligt.

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