Bertelsmann-Patriarch Mohn Tod eines Wirtschaftsweisen

Mit Reinhard Mohn verliert Deutschland einen seiner größten Unternehmer. Früher und konsequenter als Andere versuchte der Bertelsmann-Patriarch, Gewinnstreben und ethischen Anspruch zu vermählen. "manager magazin"-Autor Klaus Boldt porträtiert einen Mann, der sich unersetzlich gemacht hat.

DDP/ Bertelsmann

Gütersloh - Reinhard Mohn ist tot. Er starb am Sonnabend im Alter von 88 Jahren. Der Wirtschaftsweise aus Gütersloh war einer der bedeutendsten deutschen Unternehmer der Nachkriegszeit und eine der wichtigsten Figuren der internationalen Medienindustrie.

Sein Einfluss reichte freilich weit über die Grenzen seiner Branche hinaus: Wie kein zweiter Manager in Deutschland stellte er sich den Fragen nach der gesellschaftlichen Verantwortung des Unternehmers und entwickelte einen Wertekanon, strebte nach ethischen Prinzipien von allgemeiner Gültigkeit. Heute gehören sie zum Allgemeingut moderner Unternehmensführung.

Seine Ansprüche, die er in zahlreichen Veröffentlichungen formuliert hatte, waren hoch. Dass er sie selbst nicht immer erfüllt hat, wird auch ihm nicht verborgen geblieben sein.

Gesundheitlich angeschlagen, aber immer noch aufrecht und unbeugsam, hatte sich Mohn bereits vor einigen Jahren aus der Öffentlichkeit gänzlich zurückgezogen und seine Frau Elisabeth ("Liz") zur Familiensprecherin ernannt. Er selbst vertiefte sich weiterhin oder vielleicht sogar noch mehr als zuvor in seine Studien zur Unternehmens- und Führungskultur, wanderte stundenlang durch die Gütersloher Gemarkung: ein Management-Philosoph auf Gedankengang.

Regelmäßig mischte er sich unter die Belegschaft der Hauptverwaltung an der Carl-Bertelsmann-Straße 270, wo er gemeinsam mit seinen Leuten in der Kantine sein Mittagessen zu sich nahm. Bertelsmann war sein Leben.

Die Karriere des Mannes, der am 29. Juni 1921 das Licht in Gütersloh als zweitjüngstes von sechs Kindern erblickte, war einzigartig. Schon als 16-Jähriger hatte er in einem Schulaufsatz angekündigt, in seinem späteren Leben "so viel zu leisten, wie nur irgend in meinen Kräften steht". Früh geprägt haben ihn seine Kriegserlebnisse. Als Leutnant der Luftwaffe im Afrika-Korps geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Interniert in einem Lager in Kansas lernte er dort sowohl Englisch als auch amerikanische Managementtechniken. Es waren Erfahrungen, die sein Leben maßgeblich beeinflussten.

Nach einer Buchhändlerlehre und der Rückkehr aus der Gefangenschaft übernahm er die Geschäftsleitung des 1835 gegründeten und damals noch recht unbedeutenden Bertelsmann Druck- und Verlagshauses. Es war ein harter, quälender Beginn: Das Unternehmen war im Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogen und ausgebombt worden.

Waren die ersten Jahre vom Wiederaufbau der Firma gekennzeichnet, gelang Mohn schon bald der geschäftliche Durchbruch: 1950 gründete er den "Bertelsmann-Lesering", aus dem einst der Buchclub entstehen sollte. Die "Club-Idee" mit ihrem ausgeklügelten Direktvertrieb begünstigte den raschen Aufstieg Bertelsmanns.

Ermuntert und ermutigt vom geschäftlichen Erfolg baute Mohn zwei Jahre später eine Lexikonredaktion auf und rief, weitere sechs Jahre später, die Schallplattenfirma Ariola ins Leben. 1969 erwarb Mohn eine erste 25-Prozent-Beteiligung am Hamburger Druck- und Verlagshaus Gruner+Jahr ("Stern", "Brigitte"), die er bis 1976 auf 74,9 Prozent erhöhte. In kurzen Abständen folgten wichtige Expansionsschritte.

Über das Unternehmertum philosophieren wie kein anderer

Bertelsmann bemächtigte sich Dutzender Druckereien und Verlage, zunächst in Deutschland, später in Europa und schließlich in den USA (Bantam Books). Wie hoch die Geschwindigkeit war, die Mohn vorlegte, lässt sich noch heute ermessen: Bertelsmann macht einen Umsatz von 16,1 Milliarden Euro, fast sechsmal mehr als der zweitgrößte deutsche Verlag, die Axel Springer AG Chart zeigen.

1980 legte der Mann, der über das Unternehmertum philosophieren konnte wie kein anderer vor ihm, eine Unternehmensverfassung vor, in die seine Ideen von Führung und Partnerschaftlichkeit eingeflossen und in der die Selbstverwirklichung eines jeden Mitarbeiters als erstrebenswertes Ziel ausdrücklich als Ziel ausgegeben worden war.

Zeit seines Lebens hat Mohn versucht, die Maximen eines gewinnorientierten Kapitalismus und der Sozialverpflichtung des Eigentums miteinander zu versöhnen. Zum 1. April 1969 führte er eine Gewinnbeteiligung für Bertelsmann-Mitarbeiter ein, am 14. März 1977 gründete er die gemeinnützige Bertelsmann Stiftung, die heute über 70 Prozent der Bertelsmann-Anteile hält.

Wie es eine von ihm selbst aufgestellte und bis vor kurzem noch gültige Regel wollte, wechselte Mohn im Alter von 60 Jahren in den Aufsichtsrat. Es war sein Vorstandsvorsitzender Mark Wössner, 70, der den Aufstieg von Bertelsmann zum zeitweise größten Medienkonzern der Welt vollendete, unter anderem durch die Übernahme der weltgrößten Buchverlagsgruppe Random House in New York und den Einstieg bei der größten europäischen Senderkette RTL, die heute zu 90 Prozent in Bertelsmann-Besitz ist.

Mohn selbst hatte im Juni 1991, pünktlich zu seinem 70. Geburtstag und ebenfalls einem strikten Regularium folgend, auch sein Aufsichtsratsmandat zurückgegeben und sich an die Spitze der Bertelsmann Stiftung gesetzt. 1998 zog er sich auch hier zurück.

Den dynastischen Ansprüchen einer Familie stets mit Skepsis und Missbehagen begegnend hatte Mohn 1999 seine Stimmrechtsanteile in Höhe von fast 90 Prozent des Aktienkapitals auf die neue Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH (BVG) übertragen. Prinzipientreu sorgte er dafür, dass die BVG-Gesellschafter nicht nur der eigenen Familie angehörten, sondern, als Korrektiv, auch der amtierende Aufsichtsrats- und Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG sowie ein weiteres Mitglied aus den jeweiligen Gremien, ein Mitarbeitervertreter und dazu ein Mitglied der Familie Mohn.

Missmut über Middelhoff

In seinen letzten Lebensjahren machte Mohn allerdings einiges davon wieder rückgängig, eines Anderen belehrt möglicherweise durch die Aktionen seines späteren Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff, dessen Börsenpläne spürbaren Missmut bei Mohn und seiner Frau Liz ausgelöst hatten und den er 2002 ohne viel Federlesens aus dem Amt entließ.

Zwei Jahre zuvor hatte er sich bereits seines bis dahin besten Mannes entledigt: Mark Wössners. Der selbstbewusste Wössner, der Mohn im Vorstand der Bertelsmann Stiftung abgelöst hatte, hatte die Bedeutung der Familie für den alternden Patriarchen offenkundig unterschätzt, vor allem die Rolle von Mohns zweiter Ehefrau Liz.

Sie hatte den Zugriff, den ihr der familiäre 17,6-Prozent-Anteil am Konzern gewährte, in zunehmendem Maße und sehr beherzt zu nutzen verstanden. Es war nicht zuletzt Liz Mohn, die 2003 dafür Sorge trug, dass im achtköpfigen Vorstand der BVG, die die Stimmrechtsmehrheit an der Bertelsmann AG hält, nunmehr vier statt drei Mohns Platz nehmen sollten.

Als der damalige Aufsichtsratsvorsitzende und frühere Gruner+Jahr-Chef Gerd Schulte-Hillen, eine dem Widerspruch nicht abgeneigte Natur, die neue Zusammensetzung des BVG-Vorstands öffentlich als Abkehr von alten Prinzipien geißelte, wurde er im November 2003 seiner Ämter enthoben.

Das Primat der Familie Mohn kam schließlich kostspielig zur Geltung, als die Bertelsmann AG 2006 den 25,1-Prozent-Anteil ihres Minderheitsgesellschafters Albert Frère für 4,5 Milliarden Euro zurückkaufte. Heute hält die Mohn-Familie 23,1 Prozent der Kapitalanteile, der Rest liegt bei der Bertelsmann Stiftung.

Deutschland verliert mit Mohn eine seiner großen Unternehmerpersönlichkeiten. Der Verlust, den sein Tod für die Bertelsmann AG darstellt, die sich in wirtschaftlich schwieriger Lage befindet, lässt sich nicht ermessen. Reinhard Mohn war nicht nur Stifter und Ideengeber, sondern auch Identifikations- und Integrationsfigur.

Er hat sich unersetzlich gemacht. Die Zukunft wird zeigen, welche Rolle seine Tochter Brigitte, die er in seinem letzten Buch zu seiner geistesverwandten Nachfolgerin gekürt hat, künftig spielen wird.

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