Betrugsvorwurf: Entlastungszeuge erschüttert Goldman-Klage

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Gelingt Goldman Sachs der Befreiungsschlag? Der TV-Sender CNBC zitiert aus Vernehmungsprotokollen, die die Klage der US-Börsenaufsicht SEC ins Wanken bringen könnten. Goldman-Chef Blankfein startet bereits zur Gegenoffensive - und attackiert die US-Regierung.

Goldman-Sachs-Zentrale: "Das nimmt ihnen den Wind aus den Segeln" Zur Großansicht
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Goldman-Sachs-Zentrale: "Das nimmt ihnen den Wind aus den Segeln"

New York/Washington - Paolo Pellegrini könnte als Kronzeuge der Verteidigung von Goldman Sachs in die Geschichte eingehen. Laut einem Vernehmungsprotokoll, das der US-Fernsehsender CNBC am Mittwoch veröffentlichte, entkräftete der frühere enge Mitarbeiter des Hedgefonds-Managers John Paulson den Vorwurf der US-Börsenaufsicht SEC gegen die US-Bank. Diese wirft Goldman Sachs vor, wichtige Informationen über ein Investmentprodukt verschwiegen zu haben, darunter die maßgebliche Rolle, die der Hedgefonds Paulson & Co. bei der Portfolio-Auswahl spielte. Dieser Hedgefonds - einer der größten der Welt - habe einen Absturz dieser Werte bewusst einkalkuliert, um dann davon zu profitieren.

Pellegrini erklärte nun laut Vernehmungsprotokoll, er habe dem Finanzmakler ACA früh verdeutlicht, dass Paulson bei dem von Goldman aufgelegten Investmentpapier namens "Abacus 2007 - AC1" eine Leerverkaufsstrategie verfolge, also auf den Wertverlust wetten würde. ACA hatte "Abacus" später dennoch mit einem Gütesiegel versehen.

Er selbst habe sich mindestens drei Mal mit der ACA-Managerin Laura Schwartz getroffen und ihr die Details des von Paulson mitgeplanten Portfolios dargelegt, erklärte Pellegrini laut CNBC. Dabei habe er auch erklärt, welche Leerverkäufe Paulson vornehmen wolle. Eines dieser Treffen habe in einer Ski-Hütte in Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming stattgefunden.

Bei Leerverkäufen leiht sich der Verkäufer Wertpapiere und verkauft sie zum aktuellen Preis, weil er davon ausgeht, dass er sie zum Ende der Leihfrist billiger zurückkaufen und die Differenz als Gewinn verbuchen kann. Auf die Frage des SEC-Ermittlers, ob Pellegrini denn die Leerverkäufe von "Abacus"-Papieren explizit erwähnt habe, antwortete der Zeuge laut CNBC: "Ja, das war der Zweck des Treffens."

Pellegrinis Aussage wird indirekt auch durch einen Brief untermauert, den Paulson laut "Los Angeles Times" an seine Anleger gesandt hatte. Darin habe er noch einmal versichert, dass seine Firma zu keinem Zeitpunkt unehrlich gehandelt habe: "Wir haben jederzeit offen unsere Einschätzung vertreten und haben nie das Gegenteil von dem verkündet, was wir gedacht haben."

"Abacus 2007 - AC1", ein Kreditkonstrukt aus sogenannten Collateralized Debt Obligations (CDO, siehe Kasten links), war von dem damals 27-jährigen Goldman-Sachs-Jungstar Fabrice Tourre kreiert worden. Laut Klage der SEC hat Tourre erst dank des Gütesiegels von ACA unter anderem die deutsche Mittelstandsbank IKB dazu bewegen können, sich im April 2007 mit rund 150 Millionen Dollar bei "Abacus" zu engagieren - Geld, das schon Monate später komplett verloren war.

"Das nimmt ihnen den Wind aus den Segeln"

Der Crash war laut SEC kalkuliert. Goldman Sachs Chart zeigen habe gewusst, dass die Papiere schnell an Wert verlieren würden, lautet der Vorwurf. Denn die in "Abacus" enthaltenen Investments seien ja von Paulson mitgestaltet worden. Der habe bewusst zweitklassige Hypothekenanleihen gewählt, dann dagegen gewettet und bei dem Zusammenbruch abkassiert. Die 66-seitige Marketingbroschüre zu "Abacus", die Goldman an die Interessenten verschickte, erwähnt Paulson mit keinem Wort.

Der Verdacht der SEC-Ermittler reichte aber noch weiter: Danach habe Goldman ACA sogar mitgeteilt, dass Paulson auf eine Wertsteigerung von "Abacus" gewettet habe.

Die Aussagen Pellegrinis und Paulsons könnten die Anklage nun nachhaltig erschüttern. "Das nimmt ihnen den Wind aus den Segeln", erklärte Marcel Cahan, Rechtsprofessor an der New York University der "LA Times". Er beginne sich zu fragen, warum die Regierung so aggressiv vorgegangen sei.

Die Schwäche der Anklage nutzt auch Goldman-Chef Lloyd Blankfein, um die SEC und die US-Regierung zu attackieren. In Gesprächen mit Kunden weise er den Vorwurf des Betrugs "sehr aggressiv" zurück, berichtete die "Financial Times" unter Berufung auf eine Person, die Blankfein am Mittwoch angerufen hatte. "Er hat das Gefühl, dass die Regierung ihn erledigen will, dass sie angegriffen werden und das Ganze komplett politisch motiviert ist." Blankfein meine, die Klage der Börsenaufsicht "schadet Amerika".

Blankfein wettert gegen US-Regierung

Auf andere habe er kämpferisch gewirkt und den Eindruck erweckt, als wolle er den Fall vor Gericht ausfechten, berichtete das Blatt weiter. Ziel der Gespräche sei es gewesen, bei den Geschäftspartnern um Vertrauen zu werben. Goldman war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

US-Präsident Barack Obama bestreitet vehement, eine politisch motivierte Kampagne gegen Goldman Sachs zu führen. Die SEC habe nie mit der US-Regierung über den Fall gesprochen, sagte Obama am Mittwoch in einem Interview mit CNBC. Hochrangige republikanische Abgeordnete im Repräsentantenhaus hatten am Vortag erklärt, der Zeitpunkt der Veröffentlichung der Vorwürfe werfe Fragen zur Unabhängigkeit der SEC auf.

Die Börsenaufsicht hatte den Fall am vergangenen Freitag publik gemacht, als im Senat die Debatte über neue Regeln für die Finanzbranche begann. Abgeordnete der Demokraten erklärten daraufhin, die Vorkommnisse zeigten, dass eine schärfere Regulierung notwendig sei. SEC-Chefin Mary Schapiro sagte am Dienstag, die Ermittlungen gegen Goldman seien "absolut nicht" politisch motiviert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Na also,
marypastor 22.04.2010
Zitat von sysopGelingt Goldman Sachs der Befreiungsschlag? Der TV-Sender CNBC zitiert aus Vernehmungsprotokollen, die die Klage der US-Börsenaufsicht SEC ins Wanken bringen könnten. Goldman-Chef Blankfein startet bereits zur Gegenoffensive - und attackiert die US-Regierung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,690592,00.html
wer sagtst denn. Die machen dass wieder unter sich aus und keiner war's gewesen.
2. Alles eine Sache des Preises
SaraS 22.04.2010
Aber bei der hier anstehenden Schadens- bzw. Schadensersatzsumme ist wohl auch der teuerste Kronzeuge ein Schnäppchen. Oder glaubt jemand tatsächlich, das Goldman-Sachs verurteilt wird? Ich nicht. Sara
3. .
frubi 22.04.2010
Zitat von sysopGelingt Goldman Sachs der Befreiungsschlag? Der TV-Sender CNBC zitiert aus Vernehmungsprotokollen, die die Klage der US-Börsenaufsicht SEC ins Wanken bringen könnten. Goldman-Chef Blankfein startet bereits zur Gegenoffensive - und attackiert die US-Regierung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,690592,00.html
Wenn ich einmal Kinder haben sollte und die mich dann fragen, ob es einen Gott gibt dann würde ich antworten: Ich kann es nicht genau sagen. Sehr wahrscheinlich nicht. Wenn ich dann gefragt werden sollte, ob es den Teufel gibt, dann gäbe es nur eine Antwort: Ja, mein Schatz. Der arbeitet an der Wall Street.
4. saubere Recherche zu komplexen Themen, bitte
agree o not agree 22.04.2010
Es sei nur angemerkt, dass es immer wieder erstaunlich ist wie wenig Recherche selbst Qualitätsjournale vornehmen. Amerikanisches Wertpapierrecht ist hoch komplex und alle Marktteilnehmer (sollte man voraussetzen/annehmen) sollten im Gegensatz zu "normalen" Leuten eine Ahnung davon haben. Es geht hier um einen "disclosure/non-disclosure" - Fragestellung - Ausgang ungewiss. Eine kleine Recherche hätte auch Folgendes ergeben können - nur ein Beispiel: http://www.businessinsider.com/henry...rmation-2010-4 Weniger Emotion, mehr Fakten - dann wüsste man vielleicht auch eher wo wirklich Regulierung ansetzen kann und noch WICHTIGER - es gibt Risiko!!! Deswegen sind auch einige Produkte (leider immer weniger) nicht für alle Investoren zugänglich. Es geht um ihre Risikotragfähigkeit nicht Renditeerwartung. Diese Frage sollte man übrigens auch jedem Bank"berater" stellen! Und warum hat die SEC den Bericht am Freitag veröffentlicht (währen der Handelszeit?) - richtig, alle Medien waren voll und ein Bericht über die Rolle der SEC zu Betrugsfällen fand keine Beachtung. By the way: Die IKB ist wegen Off- balance sheet- Vehikeln Pleite gegangen (zu wenig Abdeckung der Risiken mit Eigenkapital) wenn ich mich richtig erinnere ... nicht wegen dieser Investition. Letzter Satz: Bin kein unbedingter Fan von GS, bloß wenn ich Poker spielen gehe und verliere rettet mich auch keine Bundesregierung oder ähnliche Institution.
5. In einer Ski Hütte in Jacksons Hole.....
tomcatXXX 22.04.2010
....haben sie sich also getroffen um das Ding auszubaldowern! Wie beim letzten Mal, der eine füllt die Eimer mit Sch...., die gut bezahlte Rating Agentur beschriftet den Dreck mit der Aufschrift "Gold", der dritte dreht den Kehricht den Anlegern an und verdient dicke Boni und Provisionen und der Urheber des Tricks wettet dann noch drauf dass die chausse schief geht und sorgt dafür, dass er sagen kann, er hätte es ja schon vorher gewusst. Dann wird geklagt und Zeter und Mordio geschrien und am Ende zahlt der Steuerzahler den Schaden wenn er die Banken stützen muss wo der Müll gelandet ist zum Zeitpunkt wenn die Sache auffliegt. Ja Leute, wie lange soll das noch so weitergehen?
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CDO
Was sind CDOs?
Als Collateralized Debt Obligation, kurz CDO, bezeichnet man eine bestimmte Klasse Finanzprodukte. In CDOs werden zahlreiche Wertpapiere zu neuen Paketen zusammengeschnürt - Papiere mit hohem Ausfallrisiko werden dabei mit sichereren Anlagen kombiniert.
Wie setzen sie sich zusammen?
CDOs werden in drei Tranchen aufgeteilt: Senior, Mezzanine und Equity. Anleger können die unterschiedlichen Tranchen kaufen und erhalten, je nach Ausfallrisiko, unterschiedliche Zinsen. Das Ausfallrisiko steigt, da die Tranchen im Falle von Abschreibungen nacheinander bedient werden: Besitzer von Senior-Tranchen erhalten vor denen von Mezzanine-Tranchen ihr Geld zurück - und diese vor Besitzern der Equity-Tranche.
Kritik
CDOs sind in der Finanzkrise massiv in die Kritik geraten, denn sie lassen risikobehaftete Kreditforderungen wie sichere Investments aussehen. Zahlreiche Anleger fielen darauf herein.

Die Akteure in der Goldman-Affäre
Goldman Sachs
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Die US-Investmentbank soll Investoren um eine Milliarde Dollar geprellt haben. Die Börsenaufsicht SEC hat eine Zivilklage gegen die Bank eingereicht. Im Zentrum der Klage: Sogenannte "collateralized debt obligations" (CDO). Die fragliche CDO trug den Namen "Abacus 2007-AC1". Dieses "synthetische" Spekulationsvehikel war nichts anderes als ein Portfolio aus weiteren Kunstprodukten: "Credit default swaps" (CDS) - virtuelle Versicherungsverträge, mit denen sich Großbanken gegen Verluste auf dem Immobilienmarkt absicherten.

Der Hedgefonds-Milliardär John Paulson soll von Anfang an auf ein Scheitern von "Abacus" spekuliert haben - und zwar mit dem Wissen der Goldman-Sachs-Verantwortlichen. Die Bank streitet die Vorwürfe als "völlig haltlos" ab und will sich und die eigene Reputation "energisch verteidigen".

Fabrice Tourre
Der aus Frankreich stammende Manager galt als Jungstar bei Goldman Sachs - Spitzname "fabelhafter Fab". Seine Aufgabe war es unter anderem, das "Abacus"-Paket an die Investoren zu verkaufen. Nach Bekanntwerden der Klage tauchte er ab und ließ über seinen Rechtsanwalt jeden Kommentar verweigern.
John Paulson
REUTERS
Der Vorwurf der Börsenaufsicht SEC: Der legendäre Hedgefonds-Milliardär John Paulson soll die Zusammensetzung von "Abacus" zu seinen Gunsten gesteuert haben. Paulson soll demnach von Anfang an auf ein Scheitern des Pakets spekuliert haben - und manipulierte das Portfolio mit Billigung Goldmans entsprechend, indem er nur "schwache" CDS darin gebündelt habe. Er habe, so zitiert die SEC einen Mitarbeiter, auf ein "Wipeout-Szenario" gehofft.
Börsenaufsicht SEC
Die US-Börsenaufsicht wirft Goldman Sachs vor, Investoren hintergangen zu haben, indem die Bank ihnen die Risiken des komplexen Investmentprodukts vorenthalten habe. 22 Seiten mit vernichtenden Fakten, Indizien, E-Mails und internen Memos hat die SEC in ihrer Betrugsklage gegen die Bank und einen Vizepräsidenten zusammengestellt.
Finanzmakler ACA
Die renommierte Finanzfirma verlieh dem CDO ihr Gütesiegel. Was weder ACA noch die Investoren nach Ermittlungen der SEC wussten: Paulson habe von Anfang an auf ein Scheitern des Pakets spekuliert - und das Portfolio mit Billigung Goldmans entsprechend manipuliert, indem er nur "schwache" Kreditausfallversicherungen darin gebündelt habe. Ein früherer enger Mitarbeiter soll laut TV-Berichten aber zu Protokoll gegeben haben, dass ACA über die Leerverkaufstrategie Paulsons sehr wohl informiert worden sei.
IKB
dpa
Einer der Geschädigten war die deutsche IKB. Die Mittelstandsbank investierte rund 150 Millionen Dollar in "Abacus 2007-AC1". Der Deal endete in einem Desaster. Nur Monate später waren die Anlagen wertlos. Die IKB verlor laut Börsenaufsicht SEC fast ihr gesamtes Investment.