Von Michael Kröger
New York/Washington - Paolo Pellegrini könnte als Kronzeuge der Verteidigung von Goldman Sachs in die Geschichte eingehen. Laut einem Vernehmungsprotokoll, das der US-Fernsehsender CNBC am Mittwoch veröffentlichte, entkräftete der frühere enge Mitarbeiter des Hedgefonds-Managers John Paulson den Vorwurf der US-Börsenaufsicht SEC gegen die US-Bank. Diese wirft Goldman Sachs vor, wichtige Informationen über ein Investmentprodukt verschwiegen zu haben, darunter die maßgebliche Rolle, die der Hedgefonds Paulson & Co. bei der Portfolio-Auswahl spielte. Dieser Hedgefonds - einer der größten der Welt - habe einen Absturz dieser Werte bewusst einkalkuliert, um dann davon zu profitieren.
Pellegrini erklärte nun laut Vernehmungsprotokoll, er habe dem Finanzmakler ACA früh verdeutlicht, dass Paulson bei dem von Goldman aufgelegten Investmentpapier namens "Abacus 2007 - AC1" eine Leerverkaufsstrategie verfolge, also auf den Wertverlust wetten würde. ACA hatte "Abacus" später dennoch mit einem Gütesiegel versehen.
Er selbst habe sich mindestens drei Mal mit der ACA-Managerin Laura Schwartz getroffen und ihr die Details des von Paulson mitgeplanten Portfolios dargelegt, erklärte Pellegrini laut CNBC. Dabei habe er auch erklärt, welche Leerverkäufe Paulson vornehmen wolle. Eines dieser Treffen habe in einer Ski-Hütte in Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming stattgefunden.
Bei Leerverkäufen leiht sich der Verkäufer Wertpapiere und verkauft sie zum aktuellen Preis, weil er davon ausgeht, dass er sie zum Ende der Leihfrist billiger zurückkaufen und die Differenz als Gewinn verbuchen kann. Auf die Frage des SEC-Ermittlers, ob Pellegrini denn die Leerverkäufe von "Abacus"-Papieren explizit erwähnt habe, antwortete der Zeuge laut CNBC: "Ja, das war der Zweck des Treffens."
Pellegrinis Aussage wird indirekt auch durch einen Brief untermauert, den Paulson laut "Los Angeles Times" an seine Anleger gesandt hatte. Darin habe er noch einmal versichert, dass seine Firma zu keinem Zeitpunkt unehrlich gehandelt habe: "Wir haben jederzeit offen unsere Einschätzung vertreten und haben nie das Gegenteil von dem verkündet, was wir gedacht haben."
"Abacus 2007 - AC1", ein Kreditkonstrukt aus sogenannten Collateralized Debt Obligations (CDO, siehe Kasten links), war von dem damals 27-jährigen Goldman-Sachs-Jungstar Fabrice Tourre kreiert worden. Laut Klage der SEC hat Tourre erst dank des Gütesiegels von ACA unter anderem die deutsche Mittelstandsbank IKB dazu bewegen können, sich im April 2007 mit rund 150 Millionen Dollar bei "Abacus" zu engagieren - Geld, das schon Monate später komplett verloren war.
"Das nimmt ihnen den Wind aus den Segeln"
Der Crash war laut SEC kalkuliert. Goldman Sachs
habe gewusst, dass die Papiere schnell an Wert verlieren würden, lautet der Vorwurf. Denn die in "Abacus" enthaltenen Investments seien ja von Paulson mitgestaltet worden. Der habe bewusst zweitklassige Hypothekenanleihen gewählt, dann dagegen gewettet und bei dem Zusammenbruch abkassiert. Die 66-seitige Marketingbroschüre zu "Abacus", die Goldman an die Interessenten verschickte, erwähnt Paulson mit keinem Wort.
Der Verdacht der SEC-Ermittler reichte aber noch weiter: Danach habe Goldman ACA sogar mitgeteilt, dass Paulson auf eine Wertsteigerung von "Abacus" gewettet habe.
Die Aussagen Pellegrinis und Paulsons könnten die Anklage nun nachhaltig erschüttern. "Das nimmt ihnen den Wind aus den Segeln", erklärte Marcel Cahan, Rechtsprofessor an der New York University der "LA Times". Er beginne sich zu fragen, warum die Regierung so aggressiv vorgegangen sei.
Die Schwäche der Anklage nutzt auch Goldman-Chef Lloyd Blankfein, um die SEC und die US-Regierung zu attackieren. In Gesprächen mit Kunden weise er den Vorwurf des Betrugs "sehr aggressiv" zurück, berichtete die "Financial Times" unter Berufung auf eine Person, die Blankfein am Mittwoch angerufen hatte. "Er hat das Gefühl, dass die Regierung ihn erledigen will, dass sie angegriffen werden und das Ganze komplett politisch motiviert ist." Blankfein meine, die Klage der Börsenaufsicht "schadet Amerika".
Blankfein wettert gegen US-Regierung
Auf andere habe er kämpferisch gewirkt und den Eindruck erweckt, als wolle er den Fall vor Gericht ausfechten, berichtete das Blatt weiter. Ziel der Gespräche sei es gewesen, bei den Geschäftspartnern um Vertrauen zu werben. Goldman war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.
US-Präsident Barack Obama bestreitet vehement, eine politisch motivierte Kampagne gegen Goldman Sachs zu führen. Die SEC habe nie mit der US-Regierung über den Fall gesprochen, sagte Obama am Mittwoch in einem Interview mit CNBC. Hochrangige republikanische Abgeordnete im Repräsentantenhaus hatten am Vortag erklärt, der Zeitpunkt der Veröffentlichung der Vorwürfe werfe Fragen zur Unabhängigkeit der SEC auf.
Die Börsenaufsicht hatte den Fall am vergangenen Freitag publik gemacht, als im Senat die Debatte über neue Regeln für die Finanzbranche begann. Abgeordnete der Demokraten erklärten daraufhin, die Vorkommnisse zeigten, dass eine schärfere Regulierung notwendig sei. SEC-Chefin Mary Schapiro sagte am Dienstag, die Ermittlungen gegen Goldman seien "absolut nicht" politisch motiviert.
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