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Diskriminierung in Bhutan: Unglück statt Wachstum

Ein Interview aus dem Wirtschaftsmagazin "enorm" von Christiane Langrock-Kögel

Mehr Zufriedenheit statt mehr Wohlstand - aber nicht für alle: Bhutan gilt im Westen als Vorreiter einer alternativen Ökonomie. Aber gleichzeitig unterdrückt das Land eine nepalesische Minderheit.

Weit weg vom Glück: Ein Junge aus Bhutan im Flüchtlingslager Zur Großansicht
REUTERS

Weit weg vom Glück: Ein Junge aus Bhutan im Flüchtlingslager

Zur Person
Lorenzo Pellegrini, 39, kommt aus Italien. Er unterrichtet als außerplanmäßiger Professor am International Institute of Social Studies der Erasmus Universität Rotterdam. Sein Aufsatz heißt "Bhutan: Between Happiness and Horror".
Frage: Herr Pellegrini, wichtiger als ein wachsendes Bruttoinlandsprodukt ist dem König und der Regierung von Bhutan, dass ihre Bürger glücklich sind. In der kleinen, konstitutionellen Monarchie in Südasien misst man darum lieber in der Einheit Bruttonationalglück. Bhutan will außerdem das erste reine Bioanbau-Land der Welt werden und Naturschutz steht höher als jedes Wirtschaftsprojekt. Klingt doch super, oder?

Pellegrini: Sicher, das klingt großartig. Was den Umweltschutz, die Traditionspflege und das Streben nach Glück betrifft, läuft es ja auch gut in Bhutan.

Frage: Sie und Ihr Kollege Luca Tasciotti haben allerdings gerade in einem Aufsatz eine ganz andere Seite des Himalaja-Staates beleuchtet.

Pellegrini: Ja, wir wollten eine Lücke in der Berichterstattung über Bhutan schließen. Denn egal, ob in der wissenschaftlichen Literatur oder der Presse: Alle schreiben immer nur über das Thema Glück. Aber Bhutan hat auch eine Geschichte der Menschenrechtsverletzungen. Der Staat diskriminiert seine nepalesische Minderheit seit den Achtzigerjahren.

Gefunden in
Frage: Glück gibt es dort also nicht für alle?

Pellegrini: Für die Nepalesen zumindest nicht. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts leben sie als dritte große Bevölkerungsgruppe in Bhutan. In den frühen Siebzigerjahren hat der Vater des heutigen Königs das Streben nach Glück als wichtigstes Staatsziel festgeschrieben - und zehn Jahre später die ersten gezielten Maßnahmen ergriffen, die die nepalesische Minderheit diskriminieren. Wer nicht beweisen konnte, dass er schon vor 1958 im Land lebte, dem wurde die Staatsbürgerschaft entzogen. Und wie sollte man das beweisen, in einem Land, in dem in den 50er-Jahren noch weithin Analphabetismus herrschte? Rund 100.000 Nepalesen flohen darum nach Nepal. Viele von ihnen emigrierten dann in Drittländer, aber ein kleiner Teil lebt immer noch in Flüchtlingslagern - ohne Hoffnung, in ihre Heimat Bhutan zurückkehren zu können.

Frage: Wie ist die Situation derer, die in Bhutan geblieben sind?

Pellegrini: Es ist sehr schwer, an aktuelle Informationen über sie heranzukommen. Bhutan ist für Touristen nur eingeschränkt zugänglich. Man muss zum Beispiel eine teure Tagespauschale bezahlen, die Übernachtung, Essen und Reiseführung beinhaltet. Besucher werden auch nur an ausgewählte Punkte des Landes gebracht. Für andere Orte braucht man ein spezielles Visum. Für die Vertriebenen ist sicher das Bitterste, dass der Staat ihnen nie die Möglichkeit zur Rückkehr gegeben hat. Und ich denke, für die Gebliebenen hat sich wenig verbessert.

Frage: Wie eingeschränkt ist ihr Leben?

Pellegrini: Nun, Bhutan ist berühmt für das Bewahren seiner Kultur. Damit ist allerdings nur die Tradition der Ngalongs und der Sarchops gemeint, den beiden buddhistischen Bevölkerungsgruppen. Ihre Traditionen bestimmen die Landeskleidung und die Landessprache. Die nepalesische Minderheit muss sich anpassen.

Frage: Ist das Pflicht?

Pellegrini: Jeder, der öffentliche Gebäude oder Plätze betreten will, muss die Landeskleidung tragen. Ausgenommen Touristen. Und in den Schulen ist die Sprache Nepali verboten. In den Achtigerjahren sind Gesetze in Kraft getreten, die die nepalesische Minderheit diskriminieren. Wer einen Angehörigen der Minderheit heiratet, wird im öffentlichen Dienst nicht mehr befördert. Oder bekommt als Landwirt keine Subventionen. Und das sind einschneidende Maßnahmen, denn in Bhutan sind der öffentliche Sektor und die Landwirtschaft die tragenden Säulen.

Frage: Hat man die Nepalesen nicht früher als zusätzliche Arbeitskräfte begrüßt?

Pellegrini: Man hat die Nepalesen nicht eingeladen, aber es war sehr leicht für sie, ins Land zu kommen. Vor den Fünfzigerjahren gab es ja auch keine Definition, wer bhutanischer Bürger ist. Natürlich müssen Staaten definieren, wer zu ihren Mitgliedern gehört und wer nicht. Das hat immer auch etwas Ausschließendes. Aber in Bhutan hat dieser Prozess extreme Ausmaße angenommen. Und läuft, was die Sache noch schlimmer macht, parallel zum Projekt Bruttonationalglück.

Frage: Wie sind Sie eigentlich auf das Thema gekommen?

Pellegrini: Ich war misstrauisch. Weil von Bhutan immer als Paradies auf Erden gesprochen wird. Die Lobeshymnen sind breit gestreut, sie kommen von der Weltbank, fortschrittlichen Staaten, Wissenschaftlern, Umweltschützern und den Medien. Für mich klang das zu schön, um wahr zu sein. Ich wollte einen ehrlicheren Bericht abgeben über dieses kleine Königreich, das - es tut mir leid - eben doch kein Paradies ist. Wir wären alle nicht glücklicher, wenn wir in Bhutan lebten.

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen"

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Mehr Zufriedenheit statt mehr Wohlstand,
mielforte 13.12.2014
das kann ja nun wirklich niemand ernsthaft wollen! Zufriedenheit ist das Gift des Wettbewerbs und der Nährboden für sozialistische Experimente. In Deutschland ist es ein wenig anders als in Bhutan. Die Minderheit sind die Ostdeutschen und die werden seit 25 Jahren ökonomisch erfolgreich unterdrückt. Der Lohn dieser Unterdrückung sind linke Landesregierungen, wie man unschwer erkennen kann.
2. Wenn einer andere
geo_48 13.12.2014
Wenn einer andere "glücklich" machen will, dann ist höchste Vorsicht geboten. Kommunisten, Nazis, Religiöse und andere Spinner haben den Menschen das Glück versprochen, meist endete das in der Hölle! Butan ist so ein Fall. Rs gibt auch Leute, die überhaupt nicht glücklich wollen! Gelinde gesagt, das Glück der Einzelnen geht der Regierung einen Dreck an!
3. Unzufrieden aber reich?
spuch 13.12.2014
Zu mielfortes Kommentar: Kann das ernsthaft Ihre Alternative sein? Mit allen Folgen der Naturzerstörung, der globalen Erwärmung und den zu Ihrer Lebensvariante gehörenden kollateralschäden bei den ärmsten Bevölkerungsgruppen unserer Erde? Wir sollten unsere Werte nicht nur verbal achten, sondern auch nach ihnen handeln und da ist das Ausrichten alleine auf Wettbewerb alles andere als hilfreich! Wettbewerb (auf den Sie offensichtlich setzen) ist gleichermaßen wie Kooperation (auf die linksorientierte Politiker möglicherweise eher setzen) wesentlich für das Menschsein. Das Zurechtrücken des Bilds über Bhutan finde ich übrigens sehr wichtig. Paradiese auf Erden gibt es nicht und es gibt an keinem Ort der Erde lauter ehrenwerte Menschen. Manchmal will man das glauben, doch die Wirklichkeit holt einen dann wieder ein. Daher vielen Dank für den Denkanstoß!
4. Unzufrieden aber reich?
spuch 13.12.2014
Zu mielfortes Kommentar: Kann das ernsthaft Ihre Alternative sein? Mit allen Folgen der Naturzerstörung, der globalen Erwärmung und den zu Ihrer Lebensvariante gehörenden kollateralschäden bei den ärmsten Bevölkerungsgruppen unserer Erde? Wir sollten unsere Werte nicht nur verbal achten, sondern auch nach ihnen handeln und da ist das Ausrichten alleine auf Wettbewerb alles andere als hilfreich! Wettbewerb (auf den Sie offensichtlich setzen) ist gleichermaßen wie Kooperation (auf die linksorientierte Politiker möglicherweise eher setzen) wesentlich für das Menschsein. Das Zurechtrücken des Bilds über Bhutan finde ich übrigens sehr wichtig. Paradiese auf Erden gibt es nicht und es gibt an keinem Ort der Erde lauter ehrenwerte Menschen. Manchmal will man das glauben, doch die Wirklichkeit holt einen dann wieder ein. Daher vielen Dank für den Denkanstoß!
5.
christian.neiman.7 13.12.2014
Zitat von mielfortedas kann ja nun wirklich niemand ernsthaft wollen! Zufriedenheit ist das Gift des Wettbewerbs und der Nährboden für sozialistische Experimente. In Deutschland ist es ein wenig anders als in Bhutan. Die Minderheit sind die Ostdeutschen und die werden seit 25 Jahren ökonomisch erfolgreich unterdrückt. Der Lohn dieser Unterdrückung sind linke Landesregierungen, wie man unschwer erkennen kann.
Was haben Sie denn geraucht? Es stimmt zwar daß es dem Durchschnittsostdeutschen ökonomisch schlechter geht als dem Durchschnittswestdeutschen, aber daß als Unterdrückung zu bezeichnen ist nun ja, wie soll man sagen, ein amüsanter Kommentar.
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