Bier-Manufakturen in Franken Wo Frauen brauen

Vier Brauereien für 4000 Menschen - Gräfenberg in Franken ist ein Bier-Paradies. Drei der Manufakturen werden von Frauen geführt. Sie produzieren so wohltuend weit weg vom Massengeschmack, dass das Dorf inzwischen Touristen anlockt.

Aus Gräfenberg berichtet

Christoph Ruf

Langsam wandert die Morgensonne über das Dach der gegenüberliegenden Abfüllanlage. Die ersten Lichtstrahlen dringen ins "Lindenbräu". An der Wand hängen Schwarzweißfotos, Hopfendolden umrahmen Brauerwerkzeug. Hier in ihrer kleinen Gaststube wartet Irene Brehmer-Stockum auf den ersten Ansturm des Tages. Und der wird kommen, wie er jeden Tag kommt, obwohl das "Lindenbräu" in Gräfenberg liegt, einem fränkischen Dorf mit gerade mal 4022 Einwohnern.

Vor allem Wanderer lockt der "5-Seidla-Steig" hierher - auf zehn Kilometern kann man bei fünf Brauereigaststätten einkehren. Vier liegen auf dem Gebiet der Gemeinde Gräfenberg. Und drei werden von Frauen geführt.

Eine der Frauen ist Irene Brehmer-Stockum, die sich jetzt erst mal zielstrebig einen Kaffee einschenkt und zurücklehnt. Small Talk ist nicht ihr Ding, lieber kommt sie gleich zur Sache - und damit zu ihrem Bier. Seit 1900 wird es im "Lindenbräu" hergestellt, und bis heute hat sich an der Prozedur nichts verändert. Obwohl Trendforscher immer wieder dazu raten, das Gebräu mit poppigen Beigaben aufzupeppen. Obwohl es vor ein paar Jahren hieß, Bier müsse hopfiger schmecken als das süffig-malzige, oft bernsteinfarbene "Altfränkische", das hier in der Region gebraut wird. Obwohl die Großen der Branche seit neuestem versuchen, mit möglichst bunten chemischen Mischungen höhere Umsätze in diesem schrumpfenden Markt zu erzielen.

1975 hat jeder Deutsche 150 Liter Bier pro Jahr getrunken, jetzt sind es noch knapp 110 Liter. Viele kleine Privatbrauereien müssen fusionieren oder zumachen. Das alles ist der Chefin des "Lindenbräus" egal - sie macht einfach weiter wie gewohnt, und sie würde auch das seit Generationen überlieferte Rezept niemals ändern.

"Das Einheitsbier können Sie bei einer Blindverkostung kaum unterscheiden, bis auf die ganz herben Sorten", sagt sie. "Hier dagegen kennen die Leute das Bier ihrer Brauerei. Jedes schmeckt anders." So soll es auch bleiben. "Solange wir unsere Nische gefunden haben, können die Großen machen, was sie wollen."

Die wenigsten Biertrinker wissen, wie mannigfaltig sich ihr Getränk im Geschmack unterscheiden kann. Klar, es darf nur aus Wasser, Malz, Hopfen und Hefe bestehen. Doch es gibt billiges und hochwertiges Malz. Es gibt lebende und sterilisierte Hefe. Es gibt große Unterschiede in der Zubereitung, wenn man auf eine lange Lebensdauer achten muss. Die großen Brauer wollen ihre Ware oft für Jahre haltbar machen. Bier aus Gräfenberg muss innerhalb weniger Wochen getrunken werden, weshalb die Meisterinnen aus dem Dorf auf Erhitzung oder Sterilisierung verzichten.

Ihr Bier schmeckt deshalb nuancenreich - und ungeheuer frisch. Wie beim Brot sei das, sagt Brehmer-Stockum: "Da gibt's auch welches, das sich ein Jahr hält. Aber sicher kein gutes."

"Leute, denen nicht egal ist, was sie trinken"

Das sieht auch Elfriede Hofmann so, die in der fünften Generation Bier braut. Sie ist die erste Frau an der Spitze des Betriebes. 1500 Hektoliter werden hier hergestellt - aber kein Supermarkt, kein Getränkemarkt führt das Bier aus dem Vorort Hohenschwärz. "Wir leben von den Selbstabholern und von den Wirtshäusern, die unser Bier haben."

Um die Familie zu ernähren, gibt es auch noch eine Wirtschaft auf der anderen Straßenseite. Dort wird der halbe Liter Bier zum sensationellen Preis von 1,90 Euro verkauft - üblich in einer Region, in der ein opulentes Abendessen etwa sechs Euro kostet und eine Übernachtung im Wirtshaus gerade mal 20 Euro.

Die kleinen Brauereien gehen fair miteinander um. "Man leiht sich schon mal den Leim für die Etiketten", sagt Sigi Friedmann, deren Biermanufaktur am Ortseingang steht. Die Frau käme nicht auf die Idee, eine Wirtschaft zu beliefern, die zu den Abnehmern einer Kollegin gehört. Das sei tabu, sagt die resolute Frau und erzählt, dass sie vor ihrem 14-Stunden-Tagen oft joggen geht, um mit mehr Energie in den Tag zu starten.

Energie braucht sie. Denn die 48-Jährige muss in dem männerdominierten Geschäft viel aushalten. Als sie 1994 den väterlichen Betrieb übernahm, hörte sie immer wieder: "Der Betrieb ist bald bankrott." Am Telefon fragten Vertreter erst nach dem Chef, dann nach dem Braumeister - und legten schließlich wortlos auf, als sie hörten, dass sie beides ist.

Heute sei es nicht mehr ganz so schlimm, sagt sie. Aber die Brauwirtschaft sei noch immer eine Männerdomäne.

Die Braumeisterin beklagt einen härteren Konkurrenzkampf, vor allem seit ein großer Konkurrent aus der Gegend versucht, sein Bier mit Kampfpreisen in die Stammwirtshäuser der Kleinen zu drücken. Friedmann kann da nicht beliebig mithalten. "Es ist eben teurer, wenn man Hopfen und Gerste vom kleinen Bauer kauft", sagt sie. Und es treibe nun mal die Kosten in die Höhe, wenn man Arbeiter im Winter nicht entlasse.

Ihre Tochter will den Betrieb übernehmen und studiert in Weihenstephan Brauereiwissenschaften. Friedmann sieht das mit gemischten Gefühlen. "Eines macht mir Hoffnung", sagt sie. "Es kommen immer häufiger junge Leute, denen es nicht egal ist, was sie trinken."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 18.10.2009
1. Fragen
1. Frage: Ist es ungewöhnlich, dass Frauen Bier brauen? 2. Frage: Wenn ja, warum - hindert sie jemand daran? Ich bin absolut kein Biertrinker, aber wenn ich mal eins trinke, ist es mir soo egal, wer die Brauerei leitet...
moby17 18.10.2009
2. 1,90 € für die Maß Bier?
Das ist selbst in Gräfenberg nur ein Wunschtraum. Es muss wohl für die Halbe heissen. Aber selbst dies ist ein günstiger Preis, wo doch in Nürnberg die Halbe kaum mehr unter 3 Euro zu haben ist, dies allerdings für Tucher Industrieplörre. Man könnte die Gräfenberger Biere für ihren guten Geschmack fast uneingeschränkt loben, wären da nicht die Flatulenzen, die bei regelmässigem Genuss auftreten.
grosseteste 18.10.2009
3. Da werden sich die Gräfenberger aber ärgern ...
Wir Hiltpoltsteiner haben es zwar nie verstanden, aber: Gräfenberg darf sich seit dem Mittelalter Stadt nennen. Auch wenn es trotz seiner vier Brauereien (von denen nur zwei im Hauptort liegen) eher wie ein Dorf aussieht...
2funky 19.10.2009
4. Größe vs Eigenschaft
Zitat von grossetesteWir Hiltpoltsteiner haben es zwar nie verstanden, aber: Gräfenberg darf sich seit dem Mittelalter Stadt nennen. Auch wenn es trotz seiner vier Brauereien (von denen nur zwei im Hauptort liegen) eher wie ein Dorf aussieht...
mmh das Bier schmeckt aber trozdem ... deswegen müssen sich die Gräfenberger nicht ärgern. ;) Quantiät ist nicht gleich Qualiät
Charles Atane, 19.10.2009
5. Industrie-Ethanol
Zitat von DJ Doena1. Frage: Ist es ungewöhnlich, dass Frauen Bier brauen? 2. Frage: Wenn ja, warum - hindert sie jemand daran? Ich bin absolut kein Biertrinker, aber wenn ich mal eins trinke, ist es mir soo egal, wer die Brauerei leitet...
Dass Ihnen das egal ist, ist nicht schlimm, es tut ja auch nicht viel zum Bier. Als Pfälzer Nichtbiertrinker wird Ihnen jedoch vermutlich auch egal sein, welcher Industrie-Ethanol im besagten Ausnahmefall in Ihrem Glas schwappt. InBev und Co. wird's freuen, wenn die allgemeine Geschmacksverarmung den Quantitätsausstoßern neue Kunden zutreibt, auf Kosten der Qualitätsproduzenten.
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