Bilanztricks Spur im Olympus-Skandal führt auch zur Deutschen Bank

In der Olympus-Affäre führt nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen eine Fährte nach Deutschland. Laut internen Firmendokumenten hat die Deutsche Bank eine Überweisung des Kameraherstellers an einen obskuren Berater auf den Cayman Islands ausgeführt. Kostenpunkt: 410 Millionen Dollar.

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Deutsche-Bank-Türme in Frankfurt: Fragwürdige Überweisung
REUTERS

Deutsche-Bank-Türme in Frankfurt: Fragwürdige Überweisung


Hamburg - Die Deutsche Bank gerät in den Dunstkreis des Olympus-Skandals. Wie aus internen Firmendokumenten des Kameraherstellers hervorgeht, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, hat Olympus eine verdächtige Zahlung über Deutschlands führendes Geldhaus abgewickelt.

Es handelt sich nach bisherigem Erkenntnisstand um eine der größten Überweisungen überhaupt in dem Skandal: 410 Millionen Dollar wanderten über die Deutsche Bank zu einem obskuren Finanzberater namens Axam Investments mit Firmensitz auf den Cayman Islands. Die Zahlung war höchstwahrscheinlich Teil gewaltiger Bilanztricksereien, die dazu dienten, Verluste von Olympus zu kaschieren.

"Die Überweisung einer solchen Summe an eine Cayman-Islands-Firma fällt im Rahmen des internationalen und europäischen Geldwäschegesetzes unter eine Reihe von Prüf- und Meldepflichten", sagt Hans-Peter Schwintowski, Experte für Bankrecht an der Berliner Humboldt-Universität. Was das Institut unternommen hat, um diesen nachzukommen, ist nicht bekannt. Die Deutsche Bank und Olympus wollten sich zu dem Vorgang nicht äußern.

Den Unterlagen zufolge fand die Zahlung am 31. März 2010 statt. Im Gegenzug erhielt Olympus von Axam Aktien des britischen Medizintechnik-Spezialisten Gyrus zurück. Große Teile der Firma hatte Olympus schon 2008 übernommen, für insgesamt rund 1,92 Milliarden Dollar. Olympus versuchte durch den Kauf von Gyrus, das Geschäftsfeld Medizintechnik auszuweiten.

Vor kurzem hatte Olympus eingeräumt, im Rahmen dieser Übernahme eine exorbitant hohe Summe an Axam und die New Yorker Schwesterfirma Axes America LLC überwiesen zu haben, die bei dem Deal als Berater fungierten. Eine von Olympus eingesetzte Kommission prüft derzeit, inwieweit diese Honorare dazu gedient haben, Verluste aus früheren Zeiten zu kaschieren.

Insgesamt erhielten Axes und Axam für ihre Beraterdienste letztlich 687 Millionen Dollar, also rund 36 Prozent des Übernahmevolumens; üblicherweise bekommen Berater bei Unternehmensübernahmen ein bis zwei Prozent Honorar. Obendrein wurden beide Firmen kurz nach dem Gyrus-Deal dichtgemacht, wie aus Dokumenten der US-Finanzaufsicht SEC und des Zentralregisters der Cayman Islands hervorgeht. Laut einem internen Prüfbericht der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) gibt es keine Hinweise, dass der Olympus-Konzern die beiden Firmen überprüfen ließ, bevor er begann, mit ihnen Geschäfte zu machen.

Abfolge von Vertragsänderungen und seltsamen Abkommen

Axes kassierte in den Jahren 2006 bis 2007 insgesamt 17 Millionen Dollar Beraterhonorar von Olympus. Die Cayman-Islands-Firma Axam bekam viel mehr. Im September 2008 erhielt sie zunächst 50 Millionen Dollar. Später, nachdem der Gyrus-Deal besiegelt war, bekam sie eine noch viel größere Summe: 620 Millionen Dollar erhielt Axam am 31. März 2010, ausgezahlt in zwei Tranchen, von Olympus Finance UK, einer Tochter des japanischen Konzerns mit Sitz in London. 410 Millionen flossen den Dokumenten zufolge über die Deutsche Bank. Die übrigen 210 Millionen flossen über die britische Bank Barclays; das Institut nahm zu dem Vorgang nicht Stellung.

Die hohe Zahlung hängt laut den internen Dokumenten mit einer Abfolge von seltsamen Vertragsänderungen und immer neuen Abkommen zwischen Olympus, Axes und Axam zusammen. Als Ergebnis des Vertrags-Hin-und-Hers zahlte Olympus dann zunächst einen Teil der Beraterhonorare in Gyrus-Vorzugsaktien. Am 30. September 2008 landeten diese bei Axam, der Wert wurde seinerzeit auf 177 Millionen Dollar beziffert. Zuvor sollen die Unternehmensberatungen KPMG und Weil, Gotshal & Manges (WGM) dem Konzern beide davon abgeraten haben, Honorare in Vorzugsaktien auszuzahlen. Olympus ignorierte die Hinweise. Laut PwC-Bericht holte sich Olympus bei der Berechnung, wie viel die Vorzugsaktien wert sind, keinen externen Rat.

Nur zwei Monate später, am 25. November 2008, meldete sich Axam bei Olympus: Man wolle die Aktien wieder loswerden, hieß es jetzt. Geforderter Verkaufspreis: 532 bis 592 Millionen Dollar, gut das Dreifache des vorigen Werts. Drei Tage später beauftragte Olympus einen externen Dienstleister und ließ den Wert der Aktien schätzen. Dessen Ergebnis: 557 Millionen Dollar. Es folgten weitere Verhandlungsrunden. Am Ende kaufte Olympus die Aktien für 620 Millionen Dollar zurück.

Hatte sich Olympus also über den Tisch ziehen lassen? War der Konzern bei der Prüfung des Aktienwerts nachlässig gewesen? Oder wurde absichtlich der Preis in die Höhe getrieben, weil der Konzern viel Geld zahlen wollte? Vielleicht, um jemanden auszuzahlen, der dem Konzern früher geholfen hatte, Verluste aus der Bilanz auszulagern?

Zumindest wirkte die Geschichte suspekt, auch für Michael Woodford, den damaligen Konzernchef von Olympus, der nach entsprechenden Hinweisen in einer kleinen japanischen Wirtschaftszeitung begann, sich bei den zuständigen Managern über den Axam-Deal zu erkundigen. Besonders bei Hisashi Mori, dem damaligen Vizepräsidenten der Firma, dem Woodford immer wieder Mails schrieb.

In einer davon, am 6. Oktober, wird die Deutsche Bank erwähnt. Und wieder geht es um höchst eigenartige Pannen und Nachlässigkeiten.

Drei Verträge für denselben Deal

In der E-Mail wird Mori mit widersprüchlichen Angaben über den Deal konfrontiert. Woodford schreibt, er habe von Mori ein Abkommen zu dem Aktienrückkauf erhalten; doch in diesem sei der Gesamtpreis nur mit 210 Millionen Dollar beziffert, nicht mit 620 Millionen.

Mori schreibt daraufhin, er müsse sich entschuldigen. Er habe Woodford irrtümlich ein falsches Abkommen geschickt. Es seien insgesamt drei angefertigt worden: das ursprüngliche Abkommen mit Axam und dann noch zwei für die beiden Banken, über die die Zahlung abgewickelt wurde.

Ein Verschleierungsversuch? Mori hat eine andere Erklärung: Eine der Banken habe eine Kopie des Abkommens angefordert, um die Überweisung abzusichern, schreibt er an Woodford. Nur deshalb seien die verschiedenen Dokumente angefertigt worden. Später habe man die Papiere dann aber doch nicht mehr an die Banken schicken müssen. "Es tut mir leid, dass ich dich verwirrt habe", schließt er die E-Mail.

Für die Deutsche Bank und Barclays kann dieser seltsame Schriftverkehr noch sehr unangenehm werden. Zwar wirft ihnen bislang niemand Komplizenschaft vor, doch wird laut "New York Times" mittlerweile gegen mehrere europäische Banken ermittelt. Die Deutsche Bank und Barclays sind jedoch nicht Gegenstand der Ermittlungen der japanischen Behörden.

Bei den Untersuchungen gehe es um die Frage, inwieweit die Institute Olympus dabei geholfen haben, Zahlungen zu kaschieren, die möglicherweise dazu dienten, Verluste aus den Büchern auszulagern. Noch ist unklar, ob die 620-Millionen-Dollar-Zahlung an Axam Teil dieser Ermittlungen ist. Auf jeden Fall werden die Banken nachweisen müssen, dass sie eine ganze Reihe von Prüf- und Meldevorschriften eingehalten haben, ehe sie die Überweisungen in die Cayman Islands durchwinkten.

Kamen die Institute ihren Prüfpflichten nach?

"Auch wenn es im vorliegenden Fall um Unregelmäßigkeiten in der Olympus-Bilanz geht - eine so große Transaktion unterliegt in jedem Fall immer dem internationalen Geldwäscherecht", sagt Bankrechtexperte Schwintowski. "Da die Überweisung von der Londoner Olympus-Tochter ausging, gilt auch das europäische Geldwäscherecht." Daraus ergebe sich eine Reihe von Vorschriften:

  • Sender und Empfänger der Überweisung müssen geprüft werden.
  • Der Zweck der Überweisung, also das Geschäft, muss geprüft werden.
  • Die Sinnhaftigkeit dieses Geschäfts muss ebenfalls geprüft werden.
  • Bei Verdacht auf illegale Aktivitäten muss eine Verdachtsmeldung an die Bankenaufsicht geschickt werden.

Zuständig für die Erstellung eines entsprechenden Berichts bei der Deutschen Bank Chart zeigen ist deren Geldwäschebeauftragter. Dieser hätte laut Schwintowski unter anderem belegen müssen, dass der Cayman-Fonds keine kriminellen Verbindungen hat. "Ihm hätte die große Wertsteigerung der Vorzugsaktien auffallen müssen. Und er hätte sie hinterfragen müssen und prüfen, ob daraus ein Geldwäscheverdacht entsteht. Ferner hätte er begründen müssen, warum die Wertsteigerung ihm so plausibel erscheint, dass er von einer Verdachtsmeldung bei der Bankenaufsicht absieht. Oder er hätte den Fall melden müssen."

Daraus ergibt sich eine Reihe von Fragen: Was genau hat die Deutsche Bank bei der Olympus-Überweisung geprüft? War sie es, die ursprünglich den Vertrag zwischen Olympus und Axam anforderte - und dann doch nicht mehr wollte? Oder war es Barclays? Und wer es auch war: Warum hat er letztlich darauf verzichtet, das Dokument einzusehen? Vor allem aber: Wurde die Finanzaufsicht informiert?

Die Institute kommentieren diese Fragen nicht. Der Geldwäschebeauftragte der Deutschen Bank ließ eine Anfrage unbeantwortet. Olympus nahm ebenfalls nicht Stellung. Mori war bislang nicht zu erreichen; SPIEGEL ONLINE hat Olympus gebeten, einen Fragenkatalog an seinen Ex-Manager weiterzuleiten. Der Konzern teilte mit, man sei "nicht in der Position, dies zu tun".

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