Von Thomas Schulz, New York
Erstaunlich fröhlich wirkt der Laden, hell und offen und weit weniger deprimierend als seine Schwester-Filialen in Deutschland. "Fun", "Cool" und "Smart" steht auf farbenfrohen Postern über einer Palette Dosensuppe. Selbst die Kassiererinnen lächeln. Aber am Ende werden die Kunden aus den gleichen Gründen kommen wie in Berlin oder Bottrop - wegen des Versprechens, das gleich an der Eingangstür lockt: "Unsere Produkte sind im Schnitt 45 Prozent billiger als in anderen Supermärkten."
Seit kurzem hat New York seinen ersten Aldi-Markt. Der deutsche Discounter hat damit geschafft, was dem US-Lebensmittelgiganten Wal-Mart bis heute verwehrt blieb - ein Vorstoß in die Weltzentrale des Konsums. Grund: Wal-Mart lässt in seinem Reich keine Betriebsräte zu. Deshalb ließ New York City das Unternehmen nie rein.
Der Aldi-Laden liegt zwar etwas versteckt am Rande der Metropole, im neuesten Einkaufszentrum von Queens, einem Prestigeprojekt des Stadtteils, direkt am zehnspurigen Long Island Expressway, der nach Manhattan führt. Aber der deutsche Discounter hofft auf entdeckungsfreudige Laufkundschaft. Auf den Schildern wurde zum Logo vorsichtshalber noch "Food Market", Lebensmittelladen, hinzugefügt.
"Ultimative Fleisch-Pizza" für 4,99 Dollar
Es gibt einiges, was man auch aus Deutschland kennt, Haribo-Gummibärchen zum Beispiel, die Schokolade der Aldi-Hausmarke Moser Roth und zum Oktoberfest die Nürnberger Bratwürstchen aus der Fleischfabrik von Uli Hoeneß. Und vieles, was dem amerikanischen Verbraucher gefällt: die "ultimative Fleisch-Pizza" etwa (4,99 Dollar) oder die handliche Tisch-Fritteuse (24,99 Dollar).
Aldi ist schon seit 1976 in den USA vertreten. Die amerikanischen Filialen sind Teil von Aldi Süd, werden aber weitgehend unabhängig vom deutschen Mutterkonzern aus einem kleinen Kaff in Illinois gesteuert. Aldi Nord dagegen versucht sich in den USA unter der Marke "Trader Joe's" eher als exklusiverer Feinkosthändler.
30 Jahre lang verlief Aldis Vorstoß ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten äußerst gemächlich. Die Expansion kam nur schleppend voran, von der Konkurrenz kaum wahrgenommen. Viele Läden lagen in schmuddeligen Randgebieten und zielten vor allem auf die einkommensschwächsten Amerikaner.
Doch mit der Finanzkrise und der anschließenden Rezession stieg die Arbeitslosenquote auch in der Mittelschicht, und wer einen neuen Job findet, muss oft weniger Gehalt akzeptieren. Billiger einzukaufen ist für viele Amerikaner zur Notwendigkeit geworden.
"Aldi entwickelt sich zu einer Macht"
Aldi sieht in dieser Entwicklung offenbar eine Chance: Seit 2008, mit Beginn der Krise, wurden jedes Jahr rund hundert neue Filialen quer durchs Land eröffnet. So viele sollen es auch 2011 werden. Inzwischen bringt es der deutsche Discounter auf rund tausend Läden in 31 Bundesstaaten von Texas bis Connecticut.
Mit einem Jahresumsatz von acht Milliarden Dollar ist Aldi immer noch ein Knirps im Vergleich zum größten US-Lebensmittelkonzern Kroger (77 Milliarden Dollar Jahresumsatz) und erst recht gegenüber Wal-Mart (260 Milliarden Dollar Jahresumsatz in den USA). Aber Aldi wächst schnell: 2008 und 2009 stieg der Umsatz jeweils mit zweistelligen Prozentraten.
Das fällt auch den amerikanischen Medien auf. "Aldi - ein Lebensmittelhändler für die Rezession" titelte das "Time"-Magazin. Und die "New York Times" philosophierte jüngst: "Aldi entwickelt sich auf einmal zu einer Macht im Lebensmittelgeschäft, die eines Tages sogar Wal-Mart Konkurrenz machen könnte."
Die New-York-Filiale in Queens ist da nur ein erster Vorposten. "Wir suchen nach weiteren Möglichkeiten in der Stadt", sagt Bruce Persohn, zuständiger Regionalmanager des Konzerns. Wohl noch in diesem Jahr sollen zwei weitere Filialen eröffnen, eine in der Bronx, die andere in Long Island an der Grenze zur Stadt.
Billiger als alle Konkurrenten
Noch ist die deutsche Discounter-Mentalität für viele Amerikaner gewöhnungsbedürftig. Die Waren einfach in Kartons übereinander gestapelt? Seltsam. Und die Einkäufe eigenhändig an der Kasse in Tüten einpacken? Ungeheuerlich. Hinter der Kasse hängt deswegen ein Schild: "Sie kümmern sich um die Tüten, wir uns um die niedrigen Preise."
Die größte Barriere für Aldis Vorstoß in die Neue Welt aber ist die Treue der Amerikaner zu großen Marken: Die Suppe soll möglichst von Campbell sein und der Ketchup von Heinz. Aldi dagegen bietet ähnlich wie in Deutschland zu fast 95 Prozent Eigenmarken an, die in den USA keiner kennt.
Doch mit seinem spartanischen Konzept schafft es das Unternehmen auch in den USA, billiger zu sein als alle Konkurrenten. Im Mittleren Westen ist Aldi nach Untersuchungen von Branchenexperten im Schnitt 15 bis 20 Prozent billiger als Wal-Mart und sogar 30 bis 40 Prozent billiger als lokale Supermarktketten. Das könnte auch in Amerika das entscheidende Argument werden.
"Senf ist am Ende Senf, da ist es mir doch egal, was da für eine Marke auf der Packung steht", sagt Christine Diaz. Ihre Einkäufe, vier selbstbepackte volle Tüten, lädt sie in einen großen Geländewagen. Ihr gehe es finanziell gut, sagt sie, aber die Zeiten seien unsicher, "da will ich mehr sparen".
Aldi spekuliert darauf, dass sich diese Einstellung auch bei vielen anderen New Yorkern durchsetzen wird. Normalerweise haben amerikanische Aldis nur eine Handvoll Kassen. Die erste New Yorker Filiale hat 14.
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