Wirtschaft


ThemaBiotechnologieRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Biotech-Star Qiagen Deutsche Gen-Detektive rollen den Weltmarkt auf

Biotech: Das ist Qiagen
Fotos
Michael Dannenmann

2. Teil: Was die neue Technik für die Patienten bedeutet

Die Vorteile einer unkomplizierten Früherkennung sind offensichtlich. Den meisten Menschen dürfte im Falle einer Vorsorge von Darmkrebs die Blutabnahme lieber sein als die Spiegelung des Verdauungstraktes.

Die neue Technik wirft aber auch ethische Fragen auf: Wie viel solch moderner Vorsorge kann und will sich das Gesundheitssystem leisten? Zum Beispiel Gebärmutterhalskrebs: In Deutschland erkranken jedes Jahr gut 6000 Frauen daran, jede zweite stirbt. Würden Millionen Frauen jährlich den Schnelltest machen, lägen die Kosten für die Kassen wohl im dreistelligen Millionenbereich. Das könnte - so zynisch es klingt - teurer sein als der Status quo.

Bei vielen Krankheiten ist Früherkennung aber günstiger als Heilung, denn je früher eine Erkrankung diagnostiziert wird, desto billiger ist in der Regel die Behandlung. Doch damit drohen den Ärzten Umsatzverluste. Bei zahlreichen Standardkrankheiten könnten die Mediziner entmystifiziert, im Extremfall sogar überflüssig werden.

Die Qiagen-Forscher arbeiten an genaueren Behandlungsmethoden. Zum Beispiel Halsschmerzen: Sie können die Folge von Viren oder Bakterien sein. Wer heute deshalb zum Arzt geht, wird oft nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum" therapiert. Denn der Mediziner kann die Ursache nur vermuten und tastet sich an die richtige Behandlung heran. Das soll sich durch neue Tests ändern. "Bei Hals- und Atemwegserkrankungen können wir heute schon die wahre Ursache feststellen - auch wenn die Tests noch nicht sehr verbreitet sind", sagt Qiagen-Chef Schatz. "In zehn Jahren dürfte das auch bei vielen anderen Krankheiten möglich sein."

Personalisierte Medizin?

Was er nicht sagt: Die Patienten könnten dann theoretisch auf den Arztbesuch verzichten, sich den Test selbst besorgen und mit dem Ergebnis zur Apotheke gehen. Freunde macht sich die Firma damit bei den mächtigen Ärzten und Laboren nicht unbedingt.

Am geringsten dürften die Widerstände gegen Gen-Tests à la Qiagen bei der sogenannten personalisierten Medizin sein - einem Gebiet, in dem sich medizinische Technik und Behandlung stärker auf den einzelnen Patienten fokussiert. Viele Experten sehen darin die Zukunft des Gesundheitswesens schlechthin. Zum Beispiel Leberkrebs: Es gibt nicht den einen Tumor, sondern verschiedene Arten, aber viele Medikamente wirken nur bei einem bestimmten Krankheits- oder Patientenprofil.

Manchmal dauert es Monate, bis der Betroffene die Arznei bekommt, die bei ihm wirkt. Ließe sich per Test feststellen, welches Mittel anschlagen kann, bekäme jeder Kranke sofort die auf ihn zugeschnittene Behandlung. Genau daran arbeiten Qiagen und auch der Pharmagigant Roche. Die Hoffnung: "Dem Patienten bleiben künftig Nebenwirkungen erspart und dem Gesundheitssystem unnötige Ausgaben", sagt Schatz.

Hoffnung auf Aufstieg in den Dax

Klar ist allerdings: Ob leichtere Prävention, bessere Diagnosen oder zielgenauere Behandlung - die Entwicklung der molekularen Diagnostik steht erst am Anfang. Patienten sollten sich nicht die Hoffnung machen, dass die Technik rasch bei vielen Krankheiten verfügbar ist. Qiagen hat noch viel Entwicklungsarbeit vor sich - aber auch große Chancen.

Deshalb könnte das Unternehmen bald sogar in den deutschen Leitindex Dax aufsteigen. Schon jetzt ist die Firma an der Börse rund vier Milliarden Euro wert - fast so viel wie der Pharmakonzern Merck und mehr als der Stahlproduzent Salzgitter, die beide zu den Top 30 der börsennotierten Konzerne gehören. "Wir streben die Aufnahme in den Dax nicht unbedingt an", sagt Schatz. Ein solcher Schritt "würde der Biotechbranche aber deutlich mehr Aufmerksamkeit bescheren und wäre ein Signal für den Standort Deutschland".

Im Moment gibt es kaum Gefahren für Qiagen. Eine Übernahme durch einen Pharmakonzern ist unwahrscheinlich, weil die Firma mit vielen Unternehmen und Forschungseinrichtungen zusammenarbeitet, die alle die Unabhängigkeit der Biotech-Spezialisten schätzen. Commerzbank-Experte Wendorff sagt: "Die größte Bedrohung wären neue Konkurrenten, die auf den Wachstumsmarkt setzen." Allerdings fügt er hinzu: "Da ist niemand in Sicht."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 11 Beiträge
Telon 29.04.2010
... und ohne mich hier als berufspessimist outen zu wollen; von den Risiken spricht keiner? Denn mit diesem Test kann man ja auch wahrscheinlich die erblichen Anlagen für die verschiedensten Krankheitsbilder und damit die [...]
... und ohne mich hier als berufspessimist outen zu wollen; von den Risiken spricht keiner? Denn mit diesem Test kann man ja auch wahrscheinlich die erblichen Anlagen für die verschiedensten Krankheitsbilder und damit die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung selber bestimmen. Landen diese Daten bei der Lebens- oder Krankenversicherung werden hohe individuelle Prämien nicht ausbleiben .... bis hin zur Unmöglichkeit einer Versicherung. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt neben den enormen Chancen dieser Technologie die negativen Begleiterscheinungen bereits frühzeitig zu erkennen und dem politisch entgegenzuwirken.
wincel 29.04.2010
... ist leider gar nicht so Wunder, wie hier verkauft werden soll. Groß geworden ist Qiagen mit Säulenkits zur Aufreinigung von DNA. Jeder hat Qiagen gekauft, weil die einfach preislich und qualitativ die Besten waren. Und dann [...]
... ist leider gar nicht so Wunder, wie hier verkauft werden soll. Groß geworden ist Qiagen mit Säulenkits zur Aufreinigung von DNA. Jeder hat Qiagen gekauft, weil die einfach preislich und qualitativ die Besten waren. Und dann fing es an, Probleme mit der Säulenqualität zu geben. Qiagen Customer Support? Verlangte, daß wir nachträglich Chargennummern raussuchen, von sich aus würden sie keine Tests anfangen. Inzwischen sind die Labore und Institute (darunter auch Max-Planck-Institute, die ich kenne, zum Konkurrenten Macherey-Nagel gewechselt: weil da Qualität UND Preis stimmt. Und zwar konstant ... Die sind nämlich ein gutes Stück preiswerter. Kommentar vom Qiagen-Vertreter (und wir waren Großkunde): Unsere Qualitätsstandards kosten halt, das müssen sie doch verstehn. Ahja ... Validierte qPCR-Primer? Nun ja, wir haben nichts gesehen in der qPCR, mit Primern aus der Literatur sehr wohl. Zumal die Streitigkeiten wegen der Tests jetzt mit Roche auch einiges erwarten lassen. Sorry aber Wunderkind? Ich hab eher den Eindruck, da hat jemand seine Wurzeln vergessen.
Mr...T 29.04.2010
[QUOTE=Telon;5426596]... und ohne mich hier als berufspessimist outen zu wollen; von den Risiken spricht keiner? Natuerlich muss man sicher den Machenschaften welche z.B. Versicherungen treiben/wuerden mit vertraulichen Risiko [...]
[QUOTE=Telon;5426596]... und ohne mich hier als berufspessimist outen zu wollen; von den Risiken spricht keiner? Natuerlich muss man sicher den Machenschaften welche z.B. Versicherungen treiben/wuerden mit vertraulichen Risiko Einschaetzungen witmen. Dennoch sind die Vorteile der individuel angepasten Medizin derart Immenz verglichen zur momentanen Pauschalbehandlung welche leider auch mangels Moeglichkeiten viel zu oft angewendet wird bei Krankheiten welche alles andere als pauschal sind. Der einzige Weg individuelle Medizin im grossen Stil anzupassen ist das kommerzielle Entwickeln derartiger Tests. Die Nachteile bzw. ethischen bedenken welche diese gesunde und begruessenwerte Entwicklung mit sich bringt sind verschwindent gering wenn man diese mit den Vorteilen Vergleicht. Ich hoffe sehr das dieser Entwicklung nicht irgendwelchen irsinnigen Gesetzesentwuerfe oder Meinungen voellig unqualifizierter Leute im Wege steht, wie es doch leider zu haeufig der Fall ist.
Arabidopsis 29.04.2010
Naja, ich selbst habe auch mal die Aufreinigungskits von Quiagen benutzt. Aber ebenso wie ein anderer Forumsteilnehmer, bin auch ich auf andere Firmen umgestiegen. Quiagen Säulen sind überhaupt nicht zuverlässig. Von Qualität kann [...]
Naja, ich selbst habe auch mal die Aufreinigungskits von Quiagen benutzt. Aber ebenso wie ein anderer Forumsteilnehmer, bin auch ich auf andere Firmen umgestiegen. Quiagen Säulen sind überhaupt nicht zuverlässig. Von Qualität kann da gar keine Rede mehr sein. Die ruhen sich leider auf ihrem Namen aus. Einer der wirklichen Giganten der Branche aus Californien (Invitrogen) dagegen hat viel bessere Aufreinigungskits - entwickelt diese ständig weiter und dürfte evtl. auch einer der Grossen Fische im Teich sein, der jemanden wie Quiagen schlucken könnte. Schliesslich hat Invitrogen sich letztes Jahr ABI einverleibt und wer die Branche kennt, weiss, was das für ein Brocken war. Ich hab der Aussendienstlerin von Quiagen sogar den persönlichen Vergleich zwischen deren und Invitrogens Kit gezeigt. Habe seitdem nix mehr von denen gehört...
Maschinchen 29.04.2010
Qiagen hat sich seine führende Marktposition redlich verdient. Colpan & co hatten Mitte der 80er die richtige Idee zur richtigen Zeit: DNA-Isolation auch ohne fundierte wissenschaftliche Expertise. Jeder Laborant war nun in [...]
Qiagen hat sich seine führende Marktposition redlich verdient. Colpan & co hatten Mitte der 80er die richtige Idee zur richtigen Zeit: DNA-Isolation auch ohne fundierte wissenschaftliche Expertise. Jeder Laborant war nun in der Lage, routinemäßig Nukleinsäure aufzureinigen (Ausnahmen bestätigen die Regel, s.o.). Die typischen blauen Qiagen-Kartons finden sich heute in nahezu jedem molekularbiologischen Labor. Das appellative "Qiagen-Säulchen" hat seinen festen Platz im alltäglich Laborjargon, ein wirklich hübsches Beispiel einer Deonymisierung. Ich stimme überein, dass "molecular diagnostics" ein riesiger Wachstumsmarkt ist, gebe aber zu bedenken, dass man sich nicht einzig auf Nukleinsäurediagnostik beschränken sollte. Vielmehr sollte man auch die Proteindiagnostik mit ins Boot holen.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
alles zum Thema Biotechnologie

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP