Von Sven Böll
Die Vorteile einer unkomplizierten Früherkennung sind offensichtlich. Den meisten Menschen dürfte im Falle einer Vorsorge von Darmkrebs die Blutabnahme lieber sein als die Spiegelung des Verdauungstraktes.
Die neue Technik wirft aber auch ethische Fragen auf: Wie viel solch moderner Vorsorge kann und will sich das Gesundheitssystem leisten? Zum Beispiel Gebärmutterhalskrebs: In Deutschland erkranken jedes Jahr gut 6000 Frauen daran, jede zweite stirbt. Würden Millionen Frauen jährlich den Schnelltest machen, lägen die Kosten für die Kassen wohl im dreistelligen Millionenbereich. Das könnte - so zynisch es klingt - teurer sein als der Status quo.
Bei vielen Krankheiten ist Früherkennung aber günstiger als Heilung, denn je früher eine Erkrankung diagnostiziert wird, desto billiger ist in der Regel die Behandlung. Doch damit drohen den Ärzten Umsatzverluste. Bei zahlreichen Standardkrankheiten könnten die Mediziner entmystifiziert, im Extremfall sogar überflüssig werden.
Die Qiagen-Forscher arbeiten an genaueren Behandlungsmethoden. Zum Beispiel Halsschmerzen: Sie können die Folge von Viren oder Bakterien sein. Wer heute deshalb zum Arzt geht, wird oft nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum" therapiert. Denn der Mediziner kann die Ursache nur vermuten und tastet sich an die richtige Behandlung heran. Das soll sich durch neue Tests ändern. "Bei Hals- und Atemwegserkrankungen können wir heute schon die wahre Ursache feststellen - auch wenn die Tests noch nicht sehr verbreitet sind", sagt Qiagen-Chef Schatz. "In zehn Jahren dürfte das auch bei vielen anderen Krankheiten möglich sein."
Personalisierte Medizin?
Was er nicht sagt: Die Patienten könnten dann theoretisch auf den Arztbesuch verzichten, sich den Test selbst besorgen und mit dem Ergebnis zur Apotheke gehen. Freunde macht sich die Firma damit bei den mächtigen Ärzten und Laboren nicht unbedingt.
Am geringsten dürften die Widerstände gegen Gen-Tests à la Qiagen bei der sogenannten personalisierten Medizin sein - einem Gebiet, in dem sich medizinische Technik und Behandlung stärker auf den einzelnen Patienten fokussiert. Viele Experten sehen darin die Zukunft des Gesundheitswesens schlechthin. Zum Beispiel Leberkrebs: Es gibt nicht den einen Tumor, sondern verschiedene Arten, aber viele Medikamente wirken nur bei einem bestimmten Krankheits- oder Patientenprofil.
Manchmal dauert es Monate, bis der Betroffene die Arznei bekommt, die bei ihm wirkt. Ließe sich per Test feststellen, welches Mittel anschlagen kann, bekäme jeder Kranke sofort die auf ihn zugeschnittene Behandlung. Genau daran arbeiten Qiagen und auch der Pharmagigant Roche. Die Hoffnung: "Dem Patienten bleiben künftig Nebenwirkungen erspart und dem Gesundheitssystem unnötige Ausgaben", sagt Schatz.
Hoffnung auf Aufstieg in den Dax
Klar ist allerdings: Ob leichtere Prävention, bessere Diagnosen oder zielgenauere Behandlung - die Entwicklung der molekularen Diagnostik steht erst am Anfang. Patienten sollten sich nicht die Hoffnung machen, dass die Technik rasch bei vielen Krankheiten verfügbar ist. Qiagen hat noch viel Entwicklungsarbeit vor sich - aber auch große Chancen.
Deshalb könnte das Unternehmen bald sogar in den deutschen Leitindex Dax aufsteigen. Schon jetzt ist die Firma an der Börse rund vier Milliarden Euro wert - fast so viel wie der Pharmakonzern Merck und mehr als der Stahlproduzent Salzgitter, die beide zu den Top 30 der börsennotierten Konzerne gehören. "Wir streben die Aufnahme in den Dax nicht unbedingt an", sagt Schatz. Ein solcher Schritt "würde der Biotechbranche aber deutlich mehr Aufmerksamkeit bescheren und wäre ein Signal für den Standort Deutschland".
Im Moment gibt es kaum Gefahren für Qiagen. Eine Übernahme durch einen Pharmakonzern ist unwahrscheinlich, weil die Firma mit vielen Unternehmen und Forschungseinrichtungen zusammenarbeitet, die alle die Unabhängigkeit der Biotech-Spezialisten schätzen. Commerzbank-Experte Wendorff sagt: "Die größte Bedrohung wären neue Konkurrenten, die auf den Wachstumsmarkt setzen." Allerdings fügt er hinzu: "Da ist niemand in Sicht."
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