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Biotech-Star Qiagen: Deutsche Gen-Detektive rollen den Weltmarkt auf

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Diese deutsche Firma schafft, wovon andere träumen: Weltmarktführer in einer Zukunftstechnik, beste Wachstumsperspektiven inklusive. Die Biotech-Firma Qiagen ist mit Erbgut-Tests groß geworden und will jetzt den Gesundheitsmarkt revolutionieren. Eine Erfolgsgeschichte - mit Folgen für jeden Patienten.

Biotech: Das ist Qiagen Fotos
Michael Dannenmann

Hilden - Das unbekannteste Wunderkind der deutschen Wirtschaft spricht langsam und mit dezentem Schweizer Akzent. Seine Sätze sind so akkurat wie sein Äußeres. Versteht der Gesprächspartner einen Fachbegriff nicht, steht Peer Schatz auf, schließt den mittleren Knopf seines Sakkos und hält am Flipchart eine Kurzversion des Telekollegs Biotechnologie. Und während andere sprechen, lauscht der 44-Jährige interessiert. Zuhören, zuvorkommen, zupacken - Schatz ist der Anti-Top-Manager. Allüren nach dem Motto "Wo ich bin, ist sonst nichts und niemand" sind ihm fremd.

Sein unprätentiöses Auftreten hat sich der Finanzwissenschaftler trotz einer doppelten Bilderbuchkarriere bewahrt. Er hat es bei seinem Arbeitgeber Qiagen nicht nur bis an die Spitze geschafft - sondern die Firma auch zum erfolgreichsten Biotech-Unternehmen Europas geformt.

Qiagen Chart zeigen ist der Star einer Branche, die in Deutschland selten gute Schlagzeilen bekommt. Das Unternehmen profiliert sich als DNA-Dienstleister: Mit seinen Verfahren lässt sich einerseits Erbgut so aufbereiten, dass Experten in Labors damit arbeiten können. Andererseits vereinfachen die Produkte der Firma den Nachweis von Krankheiten. Peer Schatz und seine Mitarbeiter sind Gen-Detektive, und sie sind gut in ihrem Metier. Von ihrem Unternehmenssitz im Nirgendwo zwischen Düsseldorf und Solingen aus dominieren sie eine globale Zukunftsbranche.

Ein Qiagen-Test überführte auch Bill Clinton

Fast überall auf der Welt, wo DNA-Tests eingesetzt werden, ist Qiagen-Technik drin: wenn Forscher nach neuen Therapien suchen, wenn Historiker die Eltern des ägyptischen Pharaos Tutanchamun bestimmen, wenn Kriminalisten den Ex-Footballstar O.J. Simpson des Mordes an seiner Frau überführen. Auch bei der Identifikation der Opfer vom 11. September 2001 und des Absturzes der Air-France-Maschine im vergangenen Jahr waren die Tests made in Germany beteiligt. Und selbst der wohl berühmteste Fleck der Weltgeschichte, Bill Clintons weiße Hinterlassenschaft auf dem blauen Kleid von Monica Lewinsky, konnte nur so zweifellos dem ehemaligen US-Präsidenten zugeordnet werden.

Mit seiner dominierenden Stellung hat Qiagen seinen Umsatz in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht, der Gewinn stieg sogar um den Faktor zehn. Jüngst erwirtschafteten die 3500 Mitarbeiter rund 750 Millionen Euro jährlich. Obwohl die Rendite bei rund 30 Prozent liegt, schüttet Chef Schatz das satte Plus nicht an die Aktionäre aus, sondern investiert es ins weitere Wachstum.

Dass Qiagen einmal so erfolgeich sein würde, war nicht absehbar, als der heutige Vorstandsvorsitzende 1993 bei der damaligen Gen-Klitsche als Finanzvorstand anfing, mit gerade mal 27 Jahren. Die Überlebenschancen waren übersichtlich - 30 Leute versuchten sich mehr schlecht als recht an der Aufbereitung von menschlichem Erbgut. Dabei verbrannten sie vor allem Geld.

Dreifach-Revolution in der Medizin?

Schatz brachte die Firma im Rausch der New Economy an die Börse. Mit dem frischen Geld gelang der Forschungsdurchbruch: Die Experten entwickelten nach Art einer Fertig-Backmischung ein Verfahren, mit dem sich die DNA eines Menschen schnell und unkompliziert aus einer Zelle isolieren lässt. Das Qiagen-Rezept ist in den Labors der Welt heute genauso Standard wie die Dr.-Oetker-Rezepturen in deutschen Küchen.

2004 zum Vorstandschef aufgestiegen, baute Schatz seine Firma durch Milliardenzukäufe zu einem Gen-Allrounder aus. Qiagen ist inzwischen auch der globale Marktführer bei der molekularen Diagnostik. Die Verfahren, mit denen Krankheiten von Aids über Krebs bis hin zur Schweinegrippe anhand eines Gentests nachgewiesen werden, eröffnen große Wachstumschancen. Der Markt legt um bis zu 20 Prozent pro Jahr zu.

Inzwischen stammt fast die Hälfte des Qiagen-Umsatzes aus der molekularen Diagnostik. "Wir stehen auf diesem Gebiet erst am Anfang einer Revolution, ähnlich wie vor 30 Jahren bei der Informationstechnologie", sagt Schatz. Experten teilen die Ansicht, dass der Firma deshalb eine gute Zukunft bevorsteht. "Ich gehe davon aus, dass sich der Umsatz von Qiagen bis 2014 auf rund 1,5 Milliarden Euro Umsatz verdoppelt", sagt Branchenkenner Daniel Wendorff von der Commerzbank.

Wie ein Schwangerschaftstest

Die molekulare Diagnostik könnte zu einer Dreifach-Revolution in der Medizin führen. Unkomplizierte Gentests würden die Krankheitsprävention erleichtern, Diagnosen verbessern und die Behandlung von Patienten effizienter machen.

Am weitesten fortgeschritten ist die Technik bei der Prävention. Qiagen setzt schon rund 200 Millionen Euro jährlich mit einem Test um, der das Risiko bei Frauen misst, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. Immerhin ist dies der weltweit zweithäufigste bösartige Tumor bei Frauen bis Mitte 40. Wie der Test funktioniert - siehe Video.

Die Idee von Qiagen: Nach und nach wird es möglich sein, das Erkrankungsrisiko für immer mehr Krebsarten durch ein einfaches Verfahren zu bestimmen - ein bisschen Blut reicht für ein valides Ergebnis. Gut möglich sogar, dass es in nicht allzu ferner Zukunft eine Art All-in-one-Test geben wird, der jeden Menschen auf häufige Krankheiten wie Krebs checkt. Eines Tages könnte dieser so leicht zu handhaben sein wie heute ein Schwangerschaftstest.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. ... das war die eine Seite
Telon, 29.04.2010
... und ohne mich hier als berufspessimist outen zu wollen; von den Risiken spricht keiner? Denn mit diesem Test kann man ja auch wahrscheinlich die erblichen Anlagen für die verschiedensten Krankheitsbilder und damit die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung selber bestimmen. Landen diese Daten bei der Lebens- oder Krankenversicherung werden hohe individuelle Prämien nicht ausbleiben .... bis hin zur Unmöglichkeit einer Versicherung. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt neben den enormen Chancen dieser Technologie die negativen Begleiterscheinungen bereits frühzeitig zu erkennen und dem politisch entgegenzuwirken.
2. Das Wunderkind ...
wincel 29.04.2010
... ist leider gar nicht so Wunder, wie hier verkauft werden soll. Groß geworden ist Qiagen mit Säulenkits zur Aufreinigung von DNA. Jeder hat Qiagen gekauft, weil die einfach preislich und qualitativ die Besten waren. Und dann fing es an, Probleme mit der Säulenqualität zu geben. Qiagen Customer Support? Verlangte, daß wir nachträglich Chargennummern raussuchen, von sich aus würden sie keine Tests anfangen. Inzwischen sind die Labore und Institute (darunter auch Max-Planck-Institute, die ich kenne, zum Konkurrenten Macherey-Nagel gewechselt: weil da Qualität UND Preis stimmt. Und zwar konstant ... Die sind nämlich ein gutes Stück preiswerter. Kommentar vom Qiagen-Vertreter (und wir waren Großkunde): Unsere Qualitätsstandards kosten halt, das müssen sie doch verstehn. Ahja ... Validierte qPCR-Primer? Nun ja, wir haben nichts gesehen in der qPCR, mit Primern aus der Literatur sehr wohl. Zumal die Streitigkeiten wegen der Tests jetzt mit Roche auch einiges erwarten lassen. Sorry aber Wunderkind? Ich hab eher den Eindruck, da hat jemand seine Wurzeln vergessen.
3. Viel mehr Vorteile
Mr...T 29.04.2010
Zitat von Telon... und ohne mich hier als berufspessimist outen zu wollen; von den Risiken spricht keiner? Denn mit diesem Test kann man ja auch wahrscheinlich die erblichen Anlagen für die verschiedensten Krankheitsbilder und damit die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung selber bestimmen. Landen diese Daten bei der Lebens- oder Krankenversicherung werden hohe individuelle Prämien nicht ausbleiben .... bis hin zur Unmöglichkeit einer Versicherung. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt neben den enormen Chancen dieser Technologie die negativen Begleiterscheinungen bereits frühzeitig zu erkennen und dem politisch entgegenzuwirken.
[QUOTE=Telon;5426596]... und ohne mich hier als berufspessimist outen zu wollen; von den Risiken spricht keiner? Natuerlich muss man sicher den Machenschaften welche z.B. Versicherungen treiben/wuerden mit vertraulichen Risiko Einschaetzungen witmen. Dennoch sind die Vorteile der individuel angepasten Medizin derart Immenz verglichen zur momentanen Pauschalbehandlung welche leider auch mangels Moeglichkeiten viel zu oft angewendet wird bei Krankheiten welche alles andere als pauschal sind. Der einzige Weg individuelle Medizin im grossen Stil anzupassen ist das kommerzielle Entwickeln derartiger Tests. Die Nachteile bzw. ethischen bedenken welche diese gesunde und begruessenwerte Entwicklung mit sich bringt sind verschwindent gering wenn man diese mit den Vorteilen Vergleicht. Ich hoffe sehr das dieser Entwicklung nicht irgendwelchen irsinnigen Gesetzesentwuerfe oder Meinungen voellig unqualifizierter Leute im Wege steht, wie es doch leider zu haeufig der Fall ist.
4. Konkurrenten
Arabidopsis 29.04.2010
Naja, ich selbst habe auch mal die Aufreinigungskits von Quiagen benutzt. Aber ebenso wie ein anderer Forumsteilnehmer, bin auch ich auf andere Firmen umgestiegen. Quiagen Säulen sind überhaupt nicht zuverlässig. Von Qualität kann da gar keine Rede mehr sein. Die ruhen sich leider auf ihrem Namen aus. Einer der wirklichen Giganten der Branche aus Californien (Invitrogen) dagegen hat viel bessere Aufreinigungskits - entwickelt diese ständig weiter und dürfte evtl. auch einer der Grossen Fische im Teich sein, der jemanden wie Quiagen schlucken könnte. Schliesslich hat Invitrogen sich letztes Jahr ABI einverleibt und wer die Branche kennt, weiss, was das für ein Brocken war. Ich hab der Aussendienstlerin von Quiagen sogar den persönlichen Vergleich zwischen deren und Invitrogens Kit gezeigt. Habe seitdem nix mehr von denen gehört...
5. Qiagen
Maschinchen, 29.04.2010
Qiagen hat sich seine führende Marktposition redlich verdient. Colpan & co hatten Mitte der 80er die richtige Idee zur richtigen Zeit: DNA-Isolation auch ohne fundierte wissenschaftliche Expertise. Jeder Laborant war nun in der Lage, routinemäßig Nukleinsäure aufzureinigen (Ausnahmen bestätigen die Regel, s.o.). Die typischen blauen Qiagen-Kartons finden sich heute in nahezu jedem molekularbiologischen Labor. Das appellative "Qiagen-Säulchen" hat seinen festen Platz im alltäglich Laborjargon, ein wirklich hübsches Beispiel einer Deonymisierung. Ich stimme überein, dass "molecular diagnostics" ein riesiger Wachstumsmarkt ist, gebe aber zu bedenken, dass man sich nicht einzig auf Nukleinsäurediagnostik beschränken sollte. Vielmehr sollte man auch die Proteindiagnostik mit ins Boot holen.
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