Reich mit Ende 20 Was die Berliner Bitcoin-Pioniere als Nächstes vorhaben

Robert Küfner hat früh auf Kryptowährungen gesetzt - und ist damit reich geworden. Er könnte sich zur Ruhe setzen. Doch er und seine Freunde haben andere Pläne.

Till Wendler, Robert Küfner und Florian Reike in ihrem Büro in Berlin-Mitte
www.marco-urban.de

Till Wendler, Robert Küfner und Florian Reike in ihrem Büro in Berlin-Mitte

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Robert Küfner, glatt rasiertes Gesicht, schwarzes Polo-Shirt, goldener Siegel-Ring mit eingraviertem Bitcoin-Logo, blickt auf sein Smartphone, um die Kurse zu checken. Der Anblick ist für ihn kaum auszuhalten: Alle Kursstände auf seinem iPhone-Display leuchten rot auf, die Kurven brechen von Minute zu Minute immer stärker ein - Millionen von Euro lösen sich in Luft auf.

Um 16.45 Uhr an diesem grauen Januar-Mittwoch, fällt die digitale Währung Bitcoin auf der weltgrößten Plattform Bitstamp auf nur noch 9402 Dollar - seit seinem Rekordniveau vor wenigen Wochen hat sich der Kurs damit mehr als halbiert. Auch viele andere Kryptowährungen wie Ethereum, Ripple und Dash brechen in sich zusammen.

Küfner, der vor seinem Computer in seinem Büro in Berlin-Mitte sitzt, bläst die Wangen auf und sagt: "Große Gewalten sind da am Werk - vielleicht aus China - und drücken die Kurse nach unten. Aber das wird auch wieder vorübergehen - ich bleibe voll investiert."

Der 29-jährige Küfner ist der Star der deutschen Krypto-Szene. Er setzte vor vielen Jahren auf verschiedene Kryptowährungen, als diese noch wenige Cent wert waren, und profitierte dann, als die Kurse explodierten. Heute reist Küfner nach Russland, Südkorea und Malta, um sich auf Szenetreffs über Krypto-Projekte auszutauschen. Kürzlich habe er in Japan eine Autogrammstunde gegeben. "Das fühlt sich alles total surreal an", sagt Küfner.

Wenn die Kurse wie am vergangenen Mittwoch einstürzen, sehen sich die Kritiker des Bitcoin bestätigt: Sie halten die digitale Währung für ein reines Spekulationsobjekt, bei dem Anleger ihr ganzes Geld verlieren können. Ökonomen warnen schon seit längerem vor der Währung, weil Anlegern ein Totalverlust droht. Bitcoin sei nur deshalb so viel wert, weil so viele Menschen daran glauben, dass Bitcoin so viel wert ist. Auch Küfner sagt: "Momentan ist die Gier der Menschen grenzenlos, die Letzten werden die Hunde beißen."

Doch im Gegensatz zu Anlegern, die erst vor kurzem eingestiegen sind, kann Küfner es verschmerzen, wenn die Kurse einbrechen. Sein frühes Engagement hat sich auch dann ausgezahlt, sollten die Kurse tief fallen. Außerdem denke er langfristig. Ein virtuelles Währungssystem, das keiner fehlbaren Institutionen wie Notenbanken mehr bedarf, finde er bahnbrechend. Der Bitcoin sei schneller, effizienter und sicherer als klassisches Geld. "Die Idee hinter dem Bitcoin ist genial und wird bleiben." Wenn Küfner solche Sätze sagt, bebt seine Stimme vor Aufregung.

Küfner ist in Remscheid bei Düsseldorf aufgewachsen, schrieb sich nach der Schule zunächst für BWL in Köln ein, schmiss das Studium aber, als er vom Bitcoin im Internet las. Er begann die digitale Währung zu "schürfen", dazu stellte er dem Bitcoin-Netzwerk Rechenkraft bereit, und erhielt dafür Bitcoin als Belohnung. Im Keller des Nachbarhauses seiner Eltern verlegte er dicke Kupferkabel und drehte die Rechenleistung auf. "Die Nachbarn dachten, ich sei verrückt geworden", erzählt er. Während dieser Zeit schlug er sich mit Nebenjobs bei Tankstellen durch.

Robert Küfner
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Robert Küfner

Küfners Plan ging auf: Die Bitcoins, die er schürfte, waren viel mehr wert als der Strom, den er verbrauchte. Als immer mehr Konkurrenten einstiegen und sich das sogenannte Mining mit normalen PCs nicht mehr lohnte, begann er seine Bitcoins in andere Kryptowährungen zu stecken. Er programmierte eine Software, die Preisunterschiede zwischen verschiedenen Handelsplattformen ausnutzt. Weil die Kurse von Kryptowährungen stark schwanken, konnte Küfner reich werden. Der Handel ist bis heute komplett unreguliert.

Wie viele Millionen er mit seinen Deals verdient hat, will der 29-Jährige nicht verraten. Nur so viel erzählt er: Seine Freundin müsse nicht mehr arbeiten. Und er habe er sich eine Farm in Florida gekauft. Doch Küfner schmeißt nicht mit seinem Geld um sich. Protzen gehöre sich nicht in der Krypto-Szene, sagt er. Das liegt vielleicht auch daran, dass Trader wie Küfner seit Jahren bis tief in die Nacht hinein vor ihren Rechnern sitzen und keine Zeit haben ihr Geld auszugeben. "Früher bin ich gerne gewandert und Fahrrad gefahren. Doch all das gibt es jetzt nicht mehr", sagt er.

"Fast keiner von uns hat studiert"

Küfner glaubt, dass die Blockchain, die als Basistechnologie hinter dem Bitcoin steckt, nicht nur den weltweiten Zahlungsverkehr revolutionieren wird, sondern ganze Industrien und Wertschöpfungsketten radikal vereinfachen wird. "Energiekonzerne, Krankenhäuser, Versicherer - sie alle werden von der Blockhain disruptiert werden", sagt er. Die Blockchain ist wie ein digitales Kassenbuch, das statt in einer zentralen Datenbank auf einer Vielzahl von Rechnern verteilt gleichzeitig geführt wird; die Informationen sind nicht mehr auf einem zentralen System gespeichert, sondern auf sehr vielen Computern gleichzeitig.

Viele Unternehmen könnten sich diese revolutionäre Technologie zunutze machen: In öffentlichen Verwaltungen könnte man zum Beispiel Landeigentum fälschungssicher über die Blockchain erfassen. Auch könnten die Fahrtstrecken von Autos in Zukunft in einem öffentlichen Datensatz dokumentiert werden, Gebrauchtwagenhändler könnten dann nicht mehr nachträglich Tachos zurücksetzen.

Küfner glaubt an das Potenzial der Blockchain und hat deshalb seine Krypto-Millionen in sein eigenes Unternehmen, die Advanced Blockchain AG, investiert. Gemeinsam mit seinen Kumpels und Geschäftspartnern Florian Reike, 22, und Till Wendler, 24, möchte er die Blockchain-Technologie deutschen Industriekonzernen zugänglich machen.

Die drei Männer haben sich vor mehreren Jahren auf einem Szenetreffen in Kreuzberg kennengelernt. Seitdem leben sie in einer WG in Berlin. Die deutsche Hauptstadt gilt als das Weltzentrum der Krypto-Szene. Hier leben viele Programmierer, auch die Gründer von Währungen wie Ethereum, Iota und Lisk. Die Krypto-Nerds tauschen sich untereinander auf Treffen aus, die Szene ist gut vernetzt.

Inzwischen hat Küfner zwei Büros in Berlin angemietet und etwa 30 Mitarbeiter aus der ganzen Welt eingestellt. Mathematiker, Programmierer und Kryptografen. "Fast keiner von uns hat studiert", sagt Reike und grinst. Ihre Firma kommt an der Düsseldorfer Börse laut dem Finanzportal Bloomberg schon jetzt auf einen Marktwert von 45 Millionen Euro - obwohl sie noch keine nennenswerten Umsätze erwirtschaftet.

Die rasante Karriere von Küfner und seinen Mitstreitern zeigt: Der tägliche Handel mit Kryptowährungen wird für professionelle Krypto-Experten immer weniger wichtig. Der Bitcoin ist allein im Jahr 2017 in der Spitze um rund 1300 Prozent gestiegen, weitere vergleichbare fantastische Kurssteigerungen sind deshalb nicht mehr allzu realistisch. "Wir sind längst auf dem nächsten Level angekommen und wollen jetzt die Blockchain in der deutschen Wirtschaft zur Anwendung bringen", sagt Küfner. Er und seine Mitstreiter könnten sich damit eine Lebensgrundlage geschaffen haben, die auch fortbesteht, wenn die Bitcoin-Blase eines Tages platzen sollte.



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