Kriselnder Smartphone-Pionier: Blackberry in der Todesspirale
Blackberry droht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Nun will der Finanzinvestor Fairfax den Konzern von der Börse nehmen und neu aufstellen. Viel ist bei dem einstigen Smartphone-Pionier allerdings nicht mehr zu holen.
"Dieser frühere BB-Fan ist traurig."
Von meinem iPhone gesendet.
Die Mail, die Jean-Louis Gassée kürzlich schrieb, ist bezeichnend für den Status von Blackberry. Der einst visionäre Handy-Bauer, der die mobile E-Mail salonfähig machte, ist abgeschlagen. Seine Geschäftsstrategie: veraltet. Seine Fans: enttäuscht. Gassée, Ex-Manager der Handy-Firmen Apple und Palm, prognostizierte Blackberry schon Mitte August eine düstere Zukunft; damals wurde die Option, die Firma von der Börse zu nehmen, erstmals näher diskutiert.
Nun ist diese Möglichkeit zur konkreten Zukunftsperspektive geworden. Der kanadische Finanzinvestor Fairfax Financial Holdings will den kriselnden Smartphone-Bauer so retten und ohne Rücksicht auf Quartalsberichte strategisch neu aufstellen. Fairfax-Chef Prem Watsa gilt als Kanadas Pendant zu Investorenlegende Warren Buffett, er hat schon viele Firmen saniert, aber auch manche zerfleddert. Analysten sehen sein Angebot skeptisch.
Denn erstens sind die genauen Konditionen des Rückkaufs nicht klar. Sie sollen bis Mitte November ausgearbeitet und dann präsentiert werden. Bis dahin kann noch viel schiefgehen. Ebenso unklar ist, zweitens, ob der einstige Smartphone-Star überhaupt noch gerettet werden kann. Manche, wie Brian Colello, Analyst bei der Finanzinformationsfirma Morningstar, sehen Blackberry schon "in der Todesspirale".
Abgestürzt - in wenigen Jahren
Schon das Kaufgebot ist bezeichnend: 4,7 Milliarden Dollar bietet Fairfax für die verbleibenden Aktien. Noch 2008, auf dem Höhepunkt von Blackberrys Macht, war das Unternehmen 83 Milliarden Dollar wert. Der Marktanteil der Firma in den USA ist im selben Zeitraum von 51 auf 3,4 Prozent geschrumpft, auf dem Weltmarkt ging es ähnlich steil bergab (siehe Grafik).
Hauptgrund für den rasanten Niedergang ist, dass Blackberry so ziemlich alle Trends verschlief, die den zeitgenössischen Smartphone-Markt prägen: Statt ganz auf berührungsempfindliche Bildschirme zu setzen, hielt Blackberry lange an Tastaturen fest; während Apple
Bislang sind alle Versuche fehlgeschlagen, Blackberrys Absturz aufzuhalten. Das neueste Modell floppte spektakulär. Bis zu drei Millionen Blackberry 10 verstauben derzeit in den Läden, schätzt Deepak Kaushal, Analyst beim Investorenhaus GMP Securities, nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters. Fürs zweite Quartal rechnet Blackberry mit einem Milliardenverlust - und spart drakonisch: 40 Prozent aller Angestellten sollen entlassen werden, insgesamt rund 4500 Menschen.
Unsichere Zukunftsstrategie
Den Privatkundenmarkt gab Firmenchef Thorsten Heins vergangenen Freitag offiziell verloren. Man werde ihn künftig komplett Apple und Samsung überlassen, sagte er, und sich aufs Kerngeschäft rückbesinnen: die Firmenkunden. In diesem Segment halten dem Anbieter derzeit noch rund 72 Millionen Nutzer die Treue. Sicherheit sei das Stichwort, so Heins. In diesem für Unternehmen zentralen Punkt hält er seine Firma noch immer für überlegen. Blackberry sei der "Goldstandard".
Analysten halten diese Strategie für wenig aussichtsreich. Denn immer mehr Firmen lassen ihre Mitarbeiter inzwischen selbst entscheiden, welches Gerät sie nutzen wollen. "Bring Your Own Device", heißt das im Managersprech. Klarer Trend auch hier: Blackberry verliert Kunden. Er habe mit den Technikabteilungen von gut 60 Firmen in ganz unterschiedlichen Branchen Kontakt, sagte Phillip Redman, Manager bei Citrix Systems, einem Dienstleister, der Firmen hilft, ihre Software auf mobilen Endgeräten zu nutzen. Er beobachte eine deutliche Abkehr von Blackberry.
Heins will außerdem verstärkt aufs Software-Geschäft setzen. Eine wichtige Rolle könnte dabei das Unternehmen QNX Software Systems spielen, das Blackberry gekauft hatte. Die Codes von QNX liegen nicht nur dem Betriebssystem für das Blackberry 10 zugrunde, sondern auch Betriebssystemen von General Electric
und Cisco
, dazu werden sie in den Bordsystemen mancher Autos von General Motors
, Audi
und BMW
verwendet. Sein hauseigenes Messenger-Programm will Blackberry indes zum sozialen Netzwerk auszubauen. Doch auch die Erfolgsaussichten im Software-Sektor sind unklar, immerhin legt sich das Unternehmen hier mit Giganten wie Microsoft
und Facebook
an.
"Blackberry kaufen ist Nekrophilie"
Bei solch unsicheren Zukunftsaussichten stellt sich die Frage: Warum will Fairfax überhaupt, Blackberry kaufen? Was hat der Investor damit vor?
Gut möglich, dass Fairfax-Boss Watsa versucht, den eigenen Schaden zu begrenzen. Sein Haus hält schon jetzt zehn Prozent der Blackberry-Anteile, es hatte dafür 17 Dollar je Aktie bezahlt; seitdem hat sich der Aktienwert in etwa halbiert.
Immerhin: Es gibt noch wertvolle Unternehmensteile. Dazu gehört QNX Software Systems. Auch ist das Unternehmen weitgehend schuldenfrei und besaß gegen Ende des zweiten Quartals 2,6 Milliarden Dollar Cash-Reserven. Hinzu kommen Software- und Hardware-Patente, deren Wert Analysten auf ein bis zwei Milliarden Dollar taxieren.
Die Cash-Reserven schmelzen allerdings bedenklich, allein im zweiten Quartal könnte eine halbe Milliarde Dollar verbrannt worden sein, schätzen Kenner des Unternehmens wie Morningstar-Mann Colello. Auch der Wert der Patente sinkt, da diese meist Technik schützen, die im modernen Smartphone-Markt an Bedeutung verliert. Andere wichtige Patente kontrolliert Blackberry nur indirekt - über ein Konsortium, in dem auch Konkurrenten wie Apple und Nokia sitzen.
Gut möglich, dass Watsa sich Blackberrys letzte Reserven krallen will, ehe es zu spät ist. Mit der Option, aus diesen Profit zu schlagen und den Rest des Unternehmens zu verramschen. Auch wenn er momentan beteuert, es gehe ihm um ein langfristiges Investment.
Einige einst treue Fans jedenfalls haben die Firma schon abgeschrieben. "Blackberry kaufen ist Nekrophilie", sagt Jean-Louis Gassée, der enttäuschte BB-Fan, kürzlich zum Dealbook, dem Business-Blog der "New York Times". Die Zeit der Leichenfledderei könnte bald beginnen.
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