Blankfein-Spruch: "Gottes Werk" der Banken erstaunt die Kirche

Milliarden scheffeln im himmlischen Auftrag? Diese Auffassung vertritt Goldman-Sachs-Chef Blankfein - in einem Interview sagte er, die Geldhäuser verrichteten "Gottes Werk". Jetzt melden sich verwunderte Kirchenleute und Aktienexperten zu Wort, SPIEGEL-ONLINE-Leser schreiben wütende E-Mails.

Goldman-Sachs-Chef Blankfein: "Vielleicht hat er Angst vor der Bonus-Polizei?" Zur Großansicht
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Goldman-Sachs-Chef Blankfein: "Vielleicht hat er Angst vor der Bonus-Polizei?"

Hamburg - Die US-Großbank Goldman Sachs Chart zeigen macht mitten in der Finanzkrise satte Gewinne, gleichzeitig schüttet sie Boni im Gesamtwert von 20 Milliarden Dollar aus - während der Rest der Welt unter der schärfsten Rezession seit Jahrzehnten leidet. Für Konzernboss Lloyd Blankfein ist das alles kein Problem: Er und seine Bank verrichteten einfach nur "Gottes Werk", sagte der Spitzenbanker der "Sunday Times".

Damit löst Blankfein weithin Verwunderung aus. Kirchenleute und Ökonomen zweifeln an der Ernsthaftigkeit seiner Aussage, SPIEGEL-ONLINE-Leser schreiben wütende E-Mails.

"Sicherlich kann man den Banken aus christlicher Sicht auch Gutes zuschreiben", sagt der Sprecher des Hamburger Erzbistums, Manfred Nielen, süffisant. Doch die Äußerung des Bankers sei theologisch einfach zu flach. "Dass das automatisch alles rechtfertigen soll, was Banken machen, halte ich für mehr als fragwürdig."

Banker in heiliger Mission? "Das Argument können wir nicht teilen - und wir verstehen es auch nicht", sagt Marco Cabras von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Seine einzige Erklärung: "Vielleicht hat Blankfein Angst vor der Bonus-Polizei, schließlich schaut man in den USA mittlerweile genauer hin."

"Jeder kann glauben, was er will"

In den USA müssen Banken, die Staatshilfe erhalten haben, die Bonuszahlungen an ihre Manager stark begrenzen. Selbst Institute, die keine Hilfe bekamen wie Goldman Sachs, stehen unter scharfer Beobachtung der Öffentlichkeit. 2007 hatte Blankfein noch die Rekordsumme von 68 Millionen Dollar als Gehalt eingestrichen.

Ganz ernst nehmen Fachleute sein Gottes-Interview allerdings nicht - manche reagieren einfach mit Ironie: "Jeder kann glauben oder nicht glauben, was er will. Aber dieser religiöse Zusammenhang ist doch Satire", sagt Markus Dufner, Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. "Würde Herr Blankfein in Deutschland leben, man müsste ihm den Orden wider den tierischen Ernst verleihen."

Deutlich wütender sind viele SPIEGEL-ONLINE-Leser. Hans Peter Bräcker aus Aachen schreibt per E-Mail: "Perverser geht's nicht. Aber schon G. Clemenceau (franz. Außenminister) wusste 1927 zu sagen: 'Amerika ist die einzige Nation, die seltsamerweise von der Barbarei direkt in die Dekadenz übergegangen ist, ohne das übliche Intervall der Zivilisation' - braucht es mehr, um einen solchen Ausspruch zu verstehen?"

"Die Banken schaffen eine Atmosphäre zu ihrer eigenen Zerschlagung"

Ebenfalls per E-Mail meldet sich Oliver Boekels aus Freiburg: "Leider scheint Ihnen ein Tippfehler durch die Maschen gegangen zu sein, Mister Blankfein hat sicher gesagt: die Banken verNichten Gottes Werk auf Erden. Ich teile diese Selbsteinschätzung."

Im SPIEGEL-ONLINE-Forum schreibt O.W. von Feinzinn: "Ich weiß nicht, welchen Gott er meinte, aber es kann eigentlich nur Mammon gewesen sein." Und don_tango ruft zur Abkehr vom Geldglauben auf: "Halleluja. Gottes Werk führte bzw. führt zu massiver Verschuldung und hoher Arbeitslosigkeit. Vielleicht sollten wir deren 'Gotteshäuser' abreißen und unseren Glauben mal neu ausrichten."

ReneMeinhardt kann Blankfeins These sogar noch etwas abgewinnen: "Wenn es Gottes Wille ist, dass wir den Wahn, den die Banken und die Politiker im Kapitalismus verursachen, überwinden sollen, um z.B. zu mehr Menschlichkeit zu kommen, dann tun die Banken wahrhaft göttliches Werk. Sie schaffen nämlich eine Atmosphäre zu ihrer eigenen Zerschlagung."

ore

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Forum - Banken in Gottes Auftrag?
insgesamt 153 Beiträge
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1.
Klo, 09.11.2009
Zitat von sysopGigantische Boni, riesige Profite - kein Problem für die Gesellschaft, sagt jetzt Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein in einem Interview. Tatsächlich sei das nur ein Zeichen für den Aufschwung. Überhaupt hat er ein ganz eigenes Selbstverständnis der Bankenwelt: Diese würden in Wahrheit Göttliches tun. Banker - unterwegs im Auftrag des Herrn?
Schöner kann man nicht blasphemisch sein, wie Herr Blankfein, der den Gott Mammon anbetet, wie kaum ein Zweiter. Insofern hat er Recht, er vollendet dessen Werk eine egozentrischen Gesellschaft.
2.
Petra Raab 09.11.2009
Zitat von sysopGigantische Boni, riesige Profite - kein Problem für die Gesellschaft, sagt jetzt Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein in einem Interview. Tatsächlich sei das nur ein Zeichen für den Aufschwung. Überhaupt hat er ein ganz eigenes Selbstverständnis der Bankenwelt: Diese würden in Wahrheit Göttliches tun. Banker - unterwegs im Auftrag des Herrn?
Diejenigen, die hinter dem System der Banken stecken, wollen so wie Gott sein und deshalb ziehen sie die Leistungen der Gesellschaft auf sich selbst, in der Hoffnung, dadurch auch zu Gott zu werden. Leider werden diese Herren nur von ihrem Ego regiert, welches in seiner Selbstherrlichkeit, hier auf diesem Planeten seines gleichen sucht.
3.
Klo, 09.11.2009
Zitat von sysopGigantische Boni, riesige Profite - kein Problem für die Gesellschaft, sagt jetzt Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein in einem Interview. Tatsächlich sei das nur ein Zeichen für den Aufschwung. Überhaupt hat er ein ganz eigenes Selbstverständnis der Bankenwelt: Diese würden in Wahrheit Göttliches tun. Banker - unterwegs im Auftrag des Herrn?
Ach ja, es wäre gut, wenn ihm schnell noch jemand "Gottes Auftrag" aus der Bibel vorlesen könnte. Er muß sich da irgendwo vertan haben. Danke!
4. ....manchmal, so ganz tief in meinem Innersten
Magentasalex 09.11.2009
Zitat von sysopGigantische Boni, riesige Profite - kein Problem für die Gesellschaft, sagt jetzt Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein in einem Interview. Tatsächlich sei das nur ein Zeichen für den Aufschwung. Überhaupt hat er ein ganz eigenes Selbstverständnis der Bankenwelt: Diese würden in Wahrheit Göttliches tun. Banker - unterwegs im Auftrag des Herrn?
....manchmal, so ganz tief in meinem Innersten denke ich -wenn ich solche skurilen Sachen lese- daß wir die ganze Welt gemeinsam zertrümmern sollten, um darauf etwas absolut Neues aufzubauen. Auf keinen Fall könnte das neu Aufgebaute schlimmer sein, als das, was wir Tag für Tag weltweit erleben.
5. achter Schöpfungstag
carlosowas, 09.11.2009
Zitat von sysopGigantische Boni, riesige Profite - kein Problem für die Gesellschaft, sagt jetzt Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein in einem Interview. Tatsächlich sei das nur ein Zeichen für den Aufschwung. Überhaupt hat er ein ganz eigenes Selbstverständnis der Bankenwelt: Diese würden in Wahrheit Göttliches tun. Banker - unterwegs im Auftrag des Herrn?
Und am achten Tag schuf Gott das Geld. Und machte dann die Augen zu.
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