Bob Dudley: Ein Südstaatler wird BP-Chef

Ein einfacher Job wird das nicht: Mitten in der Krise übernimmt Bob Dudley als erster Ausländer den britischen Energieriesen BP. Er muss die Folgen der Ölkatastrophe in den USA sensibel abwickeln, darf aber auch die Aktionäre nicht aus den Augen verlieren.

Neuer BP-Chef Dudley: In den Sommerferien fischte und schwamm er im Golf Zur Großansicht
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Neuer BP-Chef Dudley: In den Sommerferien fischte und schwamm er im Golf

London - Wenn der US-Amerikaner Bob Dudley an diesem Freitag als erster Nicht-Brite auf dem Chefsessel von BP Platz nimmt, kann er auf den ersten Blick eigentlich nur gewinnen. Sein Vorgänger Tony Hayward ist nach dem Öldesaster im Golf von Mexiko und tollpatschiger PR in eigener Sache bei Politik, Öffentlichkeit und einem Teil der Investoren unten durch. Die Fußstapfen, in die Dudley tritt, sind nicht allzu groß.

Doch auf den Mann aus dem amerikanischen Süden wartet an der Themse ein ganzer Berg von Aufgaben. Die dringlichste: Er muss nach drei schweren Unfällen in fünf Jahren das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Sicherheitslogistik des Energieriesen zurückgewinnen - ohne aber die Anleger zu verschrecken. Wie lange müssen die ungeduldigen Aktionäre etwa noch auf ihre Dividende warten? Zumindest bis die Strände am Golf von Mexiko vom BP-Öl gesäubert sind, sagen Kritiker.

Gleichzeitig wird von Dudley gefordert, die wirtschaftlichen und rechtlichen Folgen nach dem monatelangen Öldesaster halbwegs erträglich zu machen. BP ist ökonomisch stark genug, um die Ölkatastrophe wirtschaftlich zu überstehen - auch wenn der Unfall im zweiten Quartal für einen Rekordverlust von mehr als 17,2 Milliarden Dollar sorgte, der Entschädigungsfonds allein noch einmal 20 Milliarden Dollar kostet und Unternehmensteile für 30 Milliarden Dollar verkauft werden müssen.

Ein Amerikaner auf dem Chefposten nur folgerichtig

Erst am Dienstag platzierte das Unternehmen erfolgreich neue Anleihen über zwei Milliarden Dollar an den Märkten. Aber die größte Ölkatastrophe in der US-Geschichte mit Milliardenforderungen an Schadensersatz ist auch für Kaliber wie BP mehr als nur ein kleiner Stachel im Fleisch.

Dass jetzt ausgerechnet erstmals ein Amerikaner an die Spitze des Konzerns rückt, der sich lange British Petroleum nannte und in Teilen der britischen Regierung gehörte, ist kein Zufall. "Er muss Amerika davon überzeugen, nicht länger seine Firma zu hassen", schrieb der britische "Guardian". Die USA sind für den Ölriesen nicht nur ein wichtiger Absatzmarkt, sondern auch ein bedeutender Produktionsstandort. Seit BP an der Seite seiner amerikanischen Partnerfirma Sohio in den sechziger Jahren Öl in Alaska entdeckte, baute das Unternehmen seine Präsenz in Nordamerika immer weiter aus.

In den USA besitzt BP fünf Raffinerien, betreibt ein mehr als 1200 Kilometer langes Pipelinesystem und Alaskas größtes Ölfeld. Rund 40 Prozent der Mitarbeiter und Aktionäre des Konzerns kommen mittlerweile aus Amerika. BP ist mit einem Anteil von rund einem Drittel auch der größte Produzent von Öl und Gas im Golf von Mexiko - das macht die Herkunft von Bob Dudley besonders bedeutsam.

Südstaatler an der Spitze

Dudley ist ein echter Südstaatler. Zwar wurde er 1955 im New Yorker Stadtteil Queens geboren, doch aufgewachsen ist er in Mississippi, exakt in der Region, wo die Ölpest am härtesten zuschlug. In den Sommerferien fischte und schwamm Dudley im Golf - er kennt die Menschen. Sein Südstaatenakzent verschafft ihm dort zusätzliche Sympathien. Seine betroffene Miene bei der Besichtigung der verpesteten Strände wirkte echt.

Dudley ist studierter Chemie-Ingenieur und ein Veteran der Branche. 30 Jahre Erfahrung in der Industrie werden ihm bei seinen künftigen Aufgaben zugute kommen. "Wo auch immer ein Orkan tobt, um ihn herum ist das Auge, in dem die Leute in Ruhe denken und analysieren dürfen, um zu einer Entscheidung zu kommen", sagte sein ehemaliger Geschäftspartner Peter Necarsulmer einmal der "New York Times".

Flucht aus Russland

Schon vor der Ölpest, in deren Verlauf er schnell als Krisenmanager für den versagenden Hayward berufen wurde, war er so etwas wie der Außenminister von BP. Wann immer es für den britischen Ölkonzern bei Auslandsoperationen heikel wurde - in Indien etwa oder in China - erschien Dudley als Feuerwehrmann auf der Bildfläche.

Seine turbulenteste Zeit verbrachte er dabei wohl in Russland, wo er als Chef des russisch-britischen Joint Ventures TNK-BP arbeitete. Ein Streit mit dem Oligarchen-Konsortium AAR wuchs sich zu einem politischen Machtkampf aus. 2008 verließ Dudley fluchtartig Moskau, weil ihm das Visum nicht verlängert wurde.

Zeitweise versuchte er, das Gemeinschaftsunternehmen aus dem Ausland zu lenken. Wenig später gab es jedoch einen Wechsel an der Unternehmensspitze. "Man lernt in so einer schnellen, undurchsichtigen Umgebung, ruhig zu bleiben und sich rasch zu organisieren", kommentierte Dudley später den Vorfall. Eine Erfahrung, die ihm jetzt helfen sollte.

mik/dpa

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