Nach Absturz in Äthiopien Diese Länder verbieten Flüge mit der Boeing 737 Max 8

Binnen weniger Monate sind zwei Boeing-Maschinen vom Typ 737 Max 8 verunglückt. Behörden und Airlines sind verunsichert - in mehreren Ländern darf das Modell nun nicht mehr abheben.

REUTERS


Nach dem Flugzeugabsturz in Äthiopien mit 157 Toten gibt es Zweifel an der Sicherheit von Boeings Maschinen vom Typ 737 Max 8. Im Oktober waren nach einem Computerfehler bei einem baugleichen Modell der Gesellschaft Lion Air in Indonesien 189 Menschen gestorben.

Obwohl der US-Flugzeugbauer Boeing beschwichtigt und die US-Luftfahrtbehörde FAA bislang davon absieht, das Modell zwangsstillzulegen, ergreifen andere Staaten und mehrere Airlines bereits vorsorgliche Maßnahmen. Einige Länder zogen die Maschinen bis auf Weiteres aus dem Verkehr, andere erließen zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen.

Laut dem Branchendienst "Flightglobal" müssen derzeit viele der 371 weltweit aktiven 737 Max-Jets auf dem Boden bleiben.

Ein Überblick:

  • Äthiopien: Die dortige nationale Fluggesellschaft Ethiopian Airlines hatte noch am Montag, einen Tag nach dem Absturz ihres Jets, ein Startverbot für alle weiteren Flugzeuge vom Typ 737 Max 8 verfügt. Sie hat 25 weitere solche Maschinen bei Boeing bestellt.
  • Australien hat alle Maschinen des US-Flugzeugbauers vom Typ 737 Max aus seinem Luftraum verbannt. Es handele sich um eine "vorübergehende" Maßnahme, bis weitere Informationen über die Sicherheitsrisiken verfügbar seien, teilte die Flugaufsichtsbehörde Casa mit. Man bedauere die Unannehmlichkeiten für die Passagiere. Es sei jedoch wichtig, "die Sicherheit an die erste Stelle zu setzen".
  • Brasilien: Die Billigfluggesellschaft Gol lässt ihre sechs Maschinen vom Typ 737 Max 8 zunächst auf dem Boden. Demnach gehört der Typ seit Juni 2018 zur Flotte. Seitdem seien rund 3000 Flüge "sicher und effizient" absolviert worden. Gol teilte mit, man werde die Untersuchungen genau verfolgen und hoffe, die Maschinen schnell wieder nutzen zu können.
  • Cayman Islands: Auch die karibische Airline Cayman Airways geht auf Nummer sicher und stoppt die Nutzung ihrer zwei Max-8-Maschinen. Diese sind demnach seit November vergangenen Jahres und März dieses Jahres in Betrieb.
  • China hat am Montag ein Startverbot für alle Boeing 737 Max 8 verfügt. Die Airlines in der Volksrepublik besitzen 97 Max-Modelle - fast ein Viertel des Weltbestands. Es gebe null Toleranz bei Sicherheitsrisiken, teilte die chinesische Aufsichtsbehörde mit. Man werde sich mit der US-Behörde FAA in Verbindung setzen. Bei dem Unglück in Äthiopien kamen auch acht chinesische Passagiere ums Leben.
  • Frankreich sperrte seinen Luftraum. Das teilte die zivile Luftfahrtbehörde DGAC am Dienstag mit. Französische Fluggesellschaften hätten keine Boeing 737 Max in ihren Flotten.
  • Auch Großbritannien hat vorerst Flüge mit dem unfallträchtigen Flugzeugtyp verboten. Die britische Luftfahrtbehörde sprach von einer "Vorsichtsmaßnahme". Maschinen vom Typ Boeing 737 Max 8 dürften bis auf Weiteres in Großbritannien weder starten noch landen oder den Luftraum durchfliegen.
  • Indien: Die dortige Luftfahrtbehörde DGCA hat eine Flugerfahrung von mindestens 1000 Stunden für Piloten des Flugzeugtyps 737 Max 8 vorgeschrieben. Co-Piloten müssten mindestens 500 Stunden Flugerfahrung vorweisen, teilte die DGCA mit. Dies sei eine vorläufige Sicherheitsmaßnahme, die Dienstagmittag (Ortszeit) in Kraft trete und für alle Flüge im indischen Luftraum gelte.
  • Die indische Fluggesellschaft Jet Airways hat fünf Maschinen des Typs 737 Max 8. Diese seien aber derzeit aus finanziellen Gründen nicht in Betrieb, teilte die Airline mit. SpiceJet, die andere indische Fluglinie, hat 13 solcher Maschinen.
  • Indonesien: Dort müssen vorerst alle Boeing 737 Max 8 auf dem Boden bleiben. Eine davon gehört der indonesischen Fluglinie Garuda. Die größte Fluggesellschaft Indonesiens - Lion Air - hat zehn solcher Jets in Betrieb. Eine Max 8 von Lion Air war im Oktober abgestürzt.
  • Angesichts des jüngsten Unglücks wachsen bei Lion Air offenbar die Zweifel an Boeing. Einem Insider zufolge denkt die Airline über einen Wechsel zu Airbus nach. Demnach erwägt das Unternehmen, für den Ausbau der Flotte auf das Konkurrenzmodell des europäischen Flugzeugbauers zu setzen, den A320neo. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg legt die Gesellschaft ihre bereits erteilten 200 Bestellungen bei Boeing auf Eis. Eigentlich sollte Lion Air in diesem Jahr vier Maschinen aus der 737-Max-Reihe bekommen. Allerdings werde man diese Jets vorerst nicht abnehmen, sagte Lion-Air-Manager Daniel Putut.
  • Auch Malaysia hat Starts und Landungen von 737-Max-Maschinen verboten. Sie dürfen auch den Luftraum des asiatischen Landes nicht durchqueren.
  • Mexiko hat ebenfalls alle Flüge mit der Max 8 gestrichen. Aeromexico hat sechs solcher Jets in Betrieb. Man habe volles Vertrauen in die eigene Flotte, hieß es. Zugleich wolle man aber die Bedenken von Passagieren berücksichtigen.
  • Auch die norwegische Fluggesellschaft Norwegian stoppt den Einsatz ihrer Boeing-Flugzeuge des Typs 737 Max 8. Norwegian verfügt laut seiner Webseite über 18 solcher Maschinen.
  • Singapur: Auf dem dortigen Flughafen - einem der größten der Welt - dürfen bis auf Weiteres keine Passagiermaschinen aus Boeings 737-Max-Reihe mehr starten und landen. Der südostasiatische Stadtstaat verhängte am Dienstag mit sofortiger Wirkung ein vorübergehendes Verbot. Dieses soll nach einer Mitteilung der nationalen Flugsicherheitsbehörde so lange gelten, bis "weitere Informationen gesammelt und das Sicherheitsrisiko neu bewertet" ist. Einen genaueren Zeitraum nannte die Behörde nicht. Der Changi-Flughafen von Singapur wird insbesondere für den Weiterflug in andere asiatische Länder und nach Australien von europäischen Passagieren viel genutzt. Betroffen von dem Verbot sind unter anderem die Fluggesellschaften China Southern, Thai Lion, Garuda, Silk Air und Shandong.
  • Südkorea: Der Billigfluganbieter Eastar Jet hat zwei 737 Max 8 in Betrieb und will diese ab Mittwoch vorerst am Boden lassen. Die Regierung verlange Sonderinspektionen, hieß es.
Boeing 737 Max 8 von Southwest bei der Landung
AFP

Boeing 737 Max 8 von Southwest bei der Landung

US-Airlines setzen weiter auf Boeing

Trotz der Bedenken in vielen Ländern bleiben etliche große Fluggesellschaften bei ihren regulären Plänen. So hieß es bei der viertgrößten US-Airline Southwest, die die weltweit größte Flotte an Max 8 besitzt, man vertraue auf die Sicherheit der Boeing-Maschinen. Zugleich meldeten sich aber besorgte Fluggäste. "Unser Kundenservice reagiert individuell auf diese Kunden und verweist auf unseren Service kostenfreier Umbuchungen."

Der Koordinator der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt, Thomas Jarzombek, warnte vor übereiltem Handeln. Der CDU-Politiker sagte im rbb-Inforadio, die Ursachen für einen Flugzeugabsturz seien nicht immer ganz so einfach, wie sie vielleicht zunächst auf der Hand zu liegen scheinen. "Da kann man nicht direkt hingehen und Verbote erteilen. Am Ende braucht man doch ein Stück Beleg." Mithilfe des Flugschreibers und Flugrekorders könnten die Gründe bald analysiert werden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die brasilianische Airline Gol habe 121 Maschinen vom Typ Boeing 737 Max 8. Diese Angabe der Nachrichtenagentur AP ist falsch. Gol hat nach eigenen Angaben eine Flotte von insgesamt 121 Maschinen, davon sechs vom Typ Max 8. Wir haben die Stelle entsprechend korrigiert.

mmq/Reuters/dpa/AP

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stefan1904 12.03.2019
1. Absolut unverständliche Entscheidung vom CDU-Politiker
Der Koordinator der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt, Thomas Jarzombek (CDU) sagt: "Man muss jetzt keine Schnellschüsse machen, wenn man noch gar nicht weiß, was die Ursachen für den Absturz gewesen sind" Da fällt ein ziemlich neuer Flugzeugtyp bei guten Wetterbedingungen gleich zwei mal vom Himmel, und unsere Aufsichtsbehörden machen erstmal gar nichts? Ich würde doch meinen, der angemessene Schluss wäre: So lange nicht feststeht, dass die Ursachen für den Absturz in keinem Zusammenhang mit dem Design dieses Fliegers stehen, bleiben die Dinger erstmal am Boden. - Vorsorgeprinzip nennt sich das, funktioniert in China offenbar heute schon besser als in der Lobbyistenrepublik Deutschland.
stefan kaitschick 12.03.2019
2.
"Am Ende braucht man doch ein Stück Beleg" Da bin ich ganz anderer Meinung. Es ist ein Riesenunterschied ob ein Ereignis einmal oder zweimal eintritt. Nach dem zweiten mal muss der Hersteller beweisen dass es jetzt sicher ist. Und ganz abstellen wird man das Problem nicht können. Prekäre Flugeigenschaften durch Sensoren und Software auszugleichen ist für zivile Zwecke grundsätzlich kein guter Plan.
Europa! 12.03.2019
3. Auch bei uns sollte man vorsichtig sein
TUI wäre gut beraten, seine Maschinen am Boden zu lassen.
ngeso_okolo 12.03.2019
4. Gol
GOl Linhas Aéreas hat keine 121 B737-8 Max, sondern nur 7. Schlampige Recherche. Es hätte der Redaktion schon beim Nachrechnen der Flugeinsätze seit 9 Monaten auffallen müssen. 3000 Flüge seit Juni 2018 für eine Flotte mit über 100 Exemplaren ist ein bißchen wenig. https://www.planespotters.net/airline/GOL-Transportes-Aereos
raoul2 12.03.2019
5. Natürlich "kann man nicht direkt hingehen und Verbote erteilen"
Aber man kann und sollte bis zur Klärung des komplizierten Sachverhaltes zunächst einmal "auf Nummer Sicher" gehen und die betreffenden Maschinen auf Zeit aus dem aktuellen Verkehr ziehen, wie es inzwischen so viele Länder und Airlines (richtigerweise) tun.
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