Nach zwei Boeing-737-Abstürzen Angst vor dem Fliegen

Zufall oder fataler Softwarefehler? Schon wieder ist eine Boeing vom Modell 737 Max 8 abgestürzt. Der Konzern beschwichtigt - doch der Druck von Behörden, Airlines, Flugbegleitern, Passagieren und Investoren wächst.

Boeing 737 Max (der US-Airline Southwest)
AFP

Boeing 737 Max (der US-Airline Southwest)

Von , New York


Er ist Boeings größter Stolz: Am Mittwoch wollte der US-Luftfahrtkonzern seinen neuesten Megajet im Werk bei Seattle im Beisein von Hunderten Mitarbeitern enthüllen. Die Boeing 777X soll den ikonischen Langstrecken-Jumbo 747 ablösen.

Doch jetzt hat Boeing die Weltpremiere erst mal abgeblasen. Der Grund: der jüngste Absturz eines kleineren Boeing-Modells.

Am Sonntag war eine Boeing 737 Max 8 der Ethiopian Airlines nur Minuten nach dem Start in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba vom Himmel gefallen. Alle 157 Insassen kamen ums Leben. Es ist das zweite Unglück einer 737 Max 8 in nur fünf Monaten: Im Oktober war eine ähnliche Maschine der indonesischen Lion Air ins Meer gestürzt - unter ähnlichen Umständen. Laut Unfallermittlern drückte damals der Bordcomputer die Nase des Flugzeugs automatisch immer wieder nach unten, während die Crew versucht habe, sie nach oben zu steuern.

Die kurz aufeinander folgenden Katastrophen sind für den weltgrößten Flugzeugbauer mehr als nur ein PR-Problem. Plötzlich gerät Boeing unter wachsenden Druck - von Behörden, Airlines, Flugbegleitern, Passagieren und Investoren.

Boeing-Logo an der New Yorker Börse
REUTERS

Boeing-Logo an der New Yorker Börse

"Die Ermittlungen sind noch im Frühstadium", sagte Boeing-Chefsprecher Charlie Miller am Montag. "Wir vertrauen darauf, dass die 737 Max sicher ist", schrieb Vorstandschef Dennis Muilenburg in einem internen Memo an die Mitarbeiter.

Am späten Montagabend teilte der Konzern zudem mit, in den vergangenen Monaten habe Boeing ein verbessertes Kontrollprogramm entwickelt, um "ein bereits sicheres Flugzeug noch sicherer zu machen". Die Überarbeitung der Software werde in den kommenden Wochen bei sämtlichen 737-Max-Maschinen installiert.

Denn die Behörden machen Druck. Die Ursachen des Absturzes in Äthiopien sind bislang ungeklärt. Trotzdem wies die US-Luftfahrtbehörde FAA Boeing am Montagabend unter Hinweis auf die zwei "ähnlichen" Abstürze an, eine nach dem Lion-Air-Unglück verordnete Verbesserung der Flugsoftware an Bord der 737 Max bis "spätestens" Ende April fertigzustellen. Die US-Behörde hat nun eigene Ermittler nach Afrika geschickt. Zugleich sah die FAA aber davon ab, das Modell zwangsstillzulegen.

Boeings wichtigster Kunde misstraut der 737 Max

Den Fluggast beruhigt das sicher wenig. Zumal er bisher kaum um die 737 Max herumkommt. Die technologisch aufgemotzte Version des alten Dauerbrenners 737 ist Boeings Bestseller, verantwortlich für rund zwei Drittel des Konzernumsatzes: 580 der 806 Maschinen, die Boeing Chart zeigen voriges Jahr auslieferte, waren 737 und fast die Hälfte davon 737 Max.

Doch die werden jetzt nicht nur zum Symbol für Flugangst, sondern zur Bedrohung für Boeings guten Ruf - und das Milliardengeschäft des Konzerns.

Während die Ermittler noch prüfen, ob auch das jüngste Unglück mit der umstrittenen Software der Boeing 737 Max zusammenhängt, die für den Lion-Air-Absturz verantwortlich gemacht wurde, sind allein die Spekulationen darüber verheerend. China, Indonesien, Singapur, die Cayman Islands und mindestens 20 Airlines haben das fragliche Modell 737 Max 8 inzwischen bis auf Weiteres aus dem Verkehr gezogen. Allein chinesische Airlines, Boeings wichtigste Kunden, besitzen 97 Max-Modelle, fast ein Viertel des Weltbestands.

Ein Dutzend US-Fluggesellschaften dagegen sahen zunächst keinen Anlass für Konsequenzen. Allen voran American Airlines, United und Southwest. Letztere ringt ohnehin mit Wartungsproblemen und kann sich keine Ausfälle leisten.

Boeings Aktie - die treibende Kraft im amerikanischen Dow-Jones-Leitindex Chart zeigen schloss am Montag um 5,4 Prozentpunkte niedriger als am Freitag. Analysten setzen darauf, dass der Knick langfristig "überschaubar" bleibe.

Dabei galt der Konzern, der 2018 erstmals in seiner 103-jährigen Geschichte mehr als 100 Milliarden Dollar Umsatz machte, bisher als Synonym für Sicherheit. Die Parallelen der beiden letzten Abstürze scheinen aber so offensichtlich - gerade was die kurzen, erratischen Flüge angeht - dass auch unabhängige Experten Bedenken äußern.

Wenn "zweimal in einem Jahr ein nagelneues Flugzeug" abstürze, sagte Mary Schiavo, die Ex-Generalinspekteurin des US-Verkehrsministeriums, auf CNN, lasse das "in der Luftfahrtbranche die Alarmglocken schrillen". Der frühere FAA-Sicherheitschef David Soucie riet Passagieren im Interview mit dem US-Sender sogar, die Boeing 737 Max 8 zu meiden: "Noch nie habe ich gesagt, hey, es ist unsicher, mit einem speziellen Modell zu fliegen, aber in diesem Fall muss ich das tun."

Andere zeigten sich - noch - nonchalant. "Ich fliege gleich mit einer 737 Max", verkündete John Goglia, ein Ex-Mitglied der US-Flugsicherheitsbehörde NTSB, die ebenfalls ein Team nach Äthiopien entsandt hat, im Sender MSNBC. "Und ich habe damit kein Problem."

Die demokratischen US-Senatoren Dianne Feinstein und Richard Blumenthal riefen die FAA auf, alle Boeing 737 Max 8 in den USA bis zum Abschluss der Untersuchung des Absturzes in Äthiopien stillzulegen. Auch die Association of Professional Flight Attendants, die mehr als 27.000 US-Flugbegleiter vertritt, äußerte "kritische Sicherheitsbedenken" und beruhigte ihre Mitglieder, dass sie nicht mit einer 737 Max fliegen müssten, "wenn ihr euch darauf unsicher fühlt".

Viele US-Fluggäste ließen ihrer Angst - und ihrem Ärger - via Twitter freien Lauf. "Was tut ihr, um die Sicherheit dieser Maschinen zu garantieren?", schrieb eine Passagierin an die Fluggesellschaft Southwest. Eine andere erklärte kurzum: "Ich will nicht länger in einer Boeing Max 8 sitzen."

Boeings neueste Entwicklung, die 777X, bleibt einstweilen im Hangar stehen.

insgesamt 254 Beiträge
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fatherted98 12.03.2019
1. Üble Sache...
...aber noch ist nicht geklärt woran es lag. Klar ist...in so einen Flieger steigt man nur noch mit mulmigem Gefühl....wobei....das kann auch in jedem anderen Fluggerät passieren. Wer Flugangst hat sollte am Boden bleiben.
Freier.Buerger 12.03.2019
2. Die Software ist sicher
Und Softwareupdates retten Leben. Boeing schafft das. Das hat auch bei VW geklappt. dort hat das Softwareupdate mindestens 6000 Menschenleben weltweit gerettet.
Liton 12.03.2019
3. Wir vertrauen darauf?
Sein Ernst? Jo, passt schon. Vertrauen ist gut... wissen ist überbewertet.
foamberg 12.03.2019
4.
fliegen ist ungefährlicher als man denkt und viel klimaschädlicher als man denkt! umgekehr wäre viel besser! ;-)
norseman 12.03.2019
5. Fakt dürfte aber auch sein:
Wäre der betroffene Typ ein Airbus, dann hätte die FAA bereits ein Startverbort verhängt! Von daher schlage ich vor, dass von nun an und bis zur Klärung des Problems jeweils die 10 Oberen der FAA und ihre Familien an den Flügen der Max 8 teilnehmen müssen.
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