Aktienmärkte in den USA: An der Börse riecht es nach 1987

Von Christian Kirchner

Börsianer in New York: Keine gute Zeit für taktische Manöver Zur Großansicht
DPA

Börsianer in New York: Keine gute Zeit für taktische Manöver

Droht an den Aktienmärkten ein Absturz wie einst 1987? Die Parallelen sind vor allem in den USA frappierend - angefangen von der Sorglosigkeit der Anleger über die steigenden Zinsen bis hin zu übertriebenen Bewertungen.

Erst ist es nur eine Ahnung, wenn die Duftmoleküle in die Nase strömen, doch dann rattert das Kopfkino los, versucht das Gehirn zu ergründen: Was war das - und vor allem: Wer war das? Von Zeit zu Zeit schafft es ein Hauch von einem Parfum in einem Café, einem Zug oder einfach nur an einer vorbeigehenden Person, Erinnerungen zu wecken. Meist gute, gelegentlich schlechte.

Die einschlägig bekannten Crashgurus der Börsenwelt wie etwa Marc Faber nehmen derzeit hier oder hier einen in diesem Fall üblen Geruch war, den sie sehr genau zuordnen können: Für sie stinkt es nach 1987. Nach jenem Jahr, in dem es nach einer jahrelangen Party am Aktienmarkt zum Oktober-Crash kam.

Nun ist die ständige Warnung vor Zusammenbrüchen Kern des Geschäftsmodells der Crashgurus. Und während Anleger den Perma-Bären falsche Crashwarnungen schnell verzeihen - wen jucken schon entgangene Gewinne? - werden sie umgekehrt stinksauer, wenn ihnen ein Berater oder Stratege zum falschen Zeitpunkt zum Kauf rät.

Allerdings gibt es mit Blick auf die USA tatsächlich frappierende Parallelen zu 1987, die derzeit zur Vorsicht mahnen.

  • Auch am Aktienmarkt gibt es eine durchschnittliche Lebenserwartung von Bullen- oder Bärenmärkten. Im Schnitt klettern die Kurse etwas mehr als vier Jahre, ehe es zu einer markanten Trendwende kommt. Im Vorfeld des 1987er Crashs ging es bereits über fünf Jahre lang stetig aufwärts an den Börsen. Der aktuelle Kursanstieg begann im März 2009 und hat seine statistische Lebensdauer damit bereits einige Monate überschritten.
  • Automatische Verkaufsprogramme beschleunigten 1987 den dramatischen Ausverkauf an den Aktienmärkten. Der computergesteuerte, oft stumpf prozyklische Computerhandel dominiert heute noch stärker als damals die Kapitalmärkte. Bei größeren Verlusten am Aktienmarkt wird gnadenlos verkauft und in sichere Geldanlagen umgeschichtet, um weitere Verluste zu vermeiden - was den Abwärtstrend verstärkt.
  • Die Kurse in den USA klettern um ein Vielfaches schneller als die Umsätze und Gewinne der Firmen. Im abgelaufenen Quartal steigerten die Unternehmen im US-Standardwerteindex S&P 500 ihre Gewinne gegenüber dem Vorjahr um rund zwei Prozent. Die Kurse zogen im gleichen Zeitraum um knapp 20 Prozent an. Das heißt: Die Kurse klettern - und auch das ist eine Parallele zu 1987 - nicht aufgrund der immer besseren Fundamentaldaten, sondern vor allem, weil man Aktien immer höhere Bewertungen zubilligt, und das, obwohl, genau wie im Jahresverlauf 1987….
  • ...die Zinsen markant steigen. Seit Anfang Mai ist die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen um 1,2 Prozentpunkte auf nunmehr wieder 2,8 Prozent gestiegen, weil Investoren ein nahendes Ende der Anleihenaufkäufe durch die US-Notenbank antizipieren. Die relative Attraktivität von Aktien gegenüber mager verzinsten Anleihen ist ein Kernargument der Aktien-Optimisten gewesen. Trotz Zinswende steigen auch die Aktienkurse seit Anfang Mai munter weiter. Mit entsprechenden Folgen für die….
  • ...Bewertung des US-Aktienmarkts. Denn die ist nach gängigen Maßstäben bestenfalls luftig, und schlimmstenfalls überteuert. Und von einem Einbruch an den US-Börsen würden sich auch die günstiger bewerteten europäischen Märkte nicht abkoppeln können.

Zwar werden Anlageberater nicht müde zu betonen, der Einstiegszeitpunkt spiele auf lange Sicht keine Rolle bei Aktien. Doch das heißt im Umkehrschluss: wer zu teuer kauft, hat kaum Chancen, für das Risiko des Aktienkaufs auf kurze oder mittlere Sicht belohnt zu werden.

Zieht man etwa das vom US-Ökonomieprofessor Robert Shiller berechnete durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der jeweils vorangegangenen zehn Jahre am US-Aktienmarkt heran und betrachtet die Kursentwicklungen in den jeweils folgenden zehn Jahren, so zeigt sich folgendes Bild: Steigt man zu Kurs-Gewinn-Verhältnissen des Gesamtmarkts zwischen fünf und zwölf ein, konnte man im Schnitt in den folgenden Jahren mehr als zehn Prozent pro Jahr verdienen und hat in keiner Periode weniger als knapp drei Prozent pro Jahr vereinnahmt.

Ab einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14 zum Einstiegszeitpunkt drohten historisch auch mal Verlustdekaden, ab einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 21 gab es im Schnitt in den folgenden zehn Jahren nicht einmal ein Prozent pro Jahr zu verdienen, aber schlimmstenfalls sechs Prozent pro Jahr zu verlieren. Und aktuell? Beträgt dieses "Shiller-KGV" beängstigende 23.

Nun ist auch diese Herangehensweise nicht unumstritten: Kritiker - in den vergangenen Wochen vor allem der als Daueroptimist bekannte US-Finanzprofessor Jeremy Siegel - werfen Shiller vor, seine über den Zehnjahresschnitt ermittelte Bewertung sei pessimistisch verzerrt von den Verlusten der Finanzkrise und Bilanzänderungen.

Was heißt das alles nun für einen Privatanleger? Natürlich kann niemand mit Bestimmtheit sagen, wo der S&P 500 oder der DAX in einem Jahr stehen werden, geschweige denn einen Crash vorhersagen. Und ein Investor mit vielen Jahren Geduld oder einem laufenden Sparplan kann das kurzfristige Gezuckele getrost ignorieren.

Für einen lediglich auf einige Jahre ausgerichteten Kauf von Aktien ist dieser Spätsommer aber mutmaßlich keine gute Zeit. Der Geruch nach 1987 ist einfach zu stark.

Zusammenhang zwischen Aktienmarktrenditen und Bewertung zum Kaufzeitpunkt
War das Kurs-Gewinn-Verhältnis* am US-Aktienmarkt beim Kauf... ...dann betrug die Rendite in den folgenden zehn Jahren pro Jahr schlimmstenfalls... ...pro Jahr bestenfalls... ...und im Schnitt pro Jahr
5 bis 10 5% 18% 10%
10 bis 11 4% 17% 10%
11 bis 12 3% 15% 10%
12 bis 14 1% 14% 9%
14 bis 16 -1% 15% 8%
16 bis 17 -2% 15% 6%
17 bis 19 -4% 14% 5%
19 bis 21 -3% 10% 4%
21 bis 25 -4% 8% 1%
25 bis 46 -6% 6% 1%
aktuell: 23 ? ? ?
* seit 1926; berechnet nach Robert Shiller (Real & geglättet über zehn Jahre),
Daten: http://www.econ.yale.edu/~shiller/
Quelle: Robert Shiller/AQR Capital Management

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Boombum
Izmi 02.09.2013
Zitat von sysopDPADroht an den Aktienmärkten ein Absturz wie einst 1987? Die Parallelen sind vor allem in den USA frappierend - angefangen von der Sorglosigkeit der Anleger über die steigenden Zinsen bis hin zu übertriebenen Bewertungen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/boerse-droht-ein-crash-wie-einst-am-schwarzen-montag-1987-a-919345.html
Das sollte eigentlich alles auch Bernanke von der Fed wissen. Und weil es so ist, kann er eigentlich an der Politik des billigen Geldes nichts ändern. Und solange Dollars gedruckt werden und praktisch ohne Zinsen zum Kaufen von Aktien genutzt werden können, solange wird der Boom anhalten...
2. In der Realität angekommen
Kauzboi 02.09.2013
Vor einem halben Jahr haben alle "Gurus" und "Experten" solche Unkenrufe als blanken Irrsinn abgetan, doch plötzlich scheinen sie in der Realität angekommen zu sein und die Höschen fangen an zu flattern!
3. das problem,
ambulans 02.09.2013
das der befürchtung - bevorstehender crash in den USA? - zugrunde liegt, kann man schlicht und einfach so beschreiben/benennen: liquiditätsfalle, "anlage-notstand", alleinig liquiditätsgetriebene anlage-strategien. bedeutet für normalverbraucher: durch künstliche flutung der anlage- und finanzmärkte mit überschießender liquidität (s. USA, japan, u.a.) werden anleger - private wie institutionelle - derart unter druck gesetzt, dass sie mangels überhaupt verzinster alternative in buchstäblich alles hineingehen. kurzfristiges billiges geld, ohne wirkliche alternative, in unsicheren märkten investiert in "produkte" ohne sicherheit und sinn ergibt - was? parallelen zum oktobercrash von 1929!
4. Aber kein Boom währt ewig
michibln 02.09.2013
Zitat von IzmiDas sollte eigentlich alles auch Bernanke von der Fed wissen. Und weil es so ist, kann er eigentlich an der Politik des billigen Geldes nichts ändern. Und solange Dollars gedruckt werden und praktisch ohne Zinsen zum Kaufen von Aktien genutzt werden können, solange wird der Boom anhalten...
Und auch Niedrigzinspolitik muss irgendwann ein Ende haben. Bloß wann? Gretchenfrage!
5. Börsencrash
warlock2 02.09.2013
Der einzige Grund einen Crash herbeizureden ist, dass die sogenannten Experten nur Geld verdienen, wenn die Kurse in bewegung sind. Da hilft ein Crash ungemein.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Anlegemanöver
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 60 Kommentare
Zum Autor
  • Maxim Sergienko
    Christian Kirchner, Jahrgang 1975; Studium der Politologie und Germanistik an der Uni Mannheim, anschließend Volontariat an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Von 2003 bis 2008 Finanzredakteur beim "Handelsblatt" und Geschäftsführender Redakteur von "New Investor" in Düsseldorf, von 2008 bis 2010 leitender Redakteur und von 2011 bis 2013 stellvertretender Ressortleiter Finanzen der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien in Frankfurt am Main.

    In seiner Kolumne "Anlegemanöver" hinterfragt Kirchner für SPIEGEL ONLINE die typischen Anlagefloskeln und nimmt neue Produkte und Kampagnen der Finanzdienstleister unter die Lupe.

So steht der Dax gerade
10:46 Uhr Kurs absolut in %
DAX 9.732,55 +248,58 2,62
MDax 16.840,94 +301,95 1,83
TecDax 1.329,02 +10,42 0,79
E-Stoxx 3.194,22 +92,01 2,97
Dow 17.810,06 +91,06 0,51
Nasdaq 100 4.251,32 +9,23 0,22
Nikkei (late) 0,00 +0,00 0,00
€ in $ 1,2391 +0,0000 0,00
€ in £ 0,7913 +0,0000 0,00
€ in sfr 1,2016 +0,0000 0,00
Öl ($) (late) 79,58 +0,69 0,87
Gold ($) (late) 1.203,75 +13,75 1,16