Handelsstreit Chinas Angst vor dem Knall

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China droht zu eskalieren: Am Freitag treten Strafzölle von US-Präsident Trump in Kraft. Die Börsen in China fallen, die Verluste betragen schon mehrere Hundert Milliarden.

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Jetzt sind Chinas Börsenhändler wieder dort, wo sie vor zweieinhalb Jahren schon einmal waren: auf dem Weg nach unten. Damals war eine Spekulationsblase in China geplatzt, die Aktienkurse stürzten ins Bodenlose. Nur mit intensiven Interventionen gelang es Zentralbank und politischer Führung, den Crash zu vermeiden. Nun aber ist Chinas wichtigste Börse in Shanghai wieder auf die Tiefstände von damals gesackt. Der Hauptschuldige steht für die Aktionäre schon fest: US-Präsident Donald Trump.

Der Handelsstreit zwischen den USA und China, den beiden größten Volkswirtschaften der Welt, ist kurz vor der Eskalation. Diesen Freitag sollen Sonderzölle auf chinesische Importe im Wert von 34 Milliarden Dollar in Kraft treten; womöglich beschließt Trump später weitere Strafzölle in Höhe von 16 Milliarden Dollar. Sollten die USA nicht doch noch einen Rückzieher machen, hat China bereits weitere Vergeltung ankündigt - auch da ist dieser Freitag Stichtag. Das wiederum rief noch einmal Trump auf den Plan: Der US-Präsident hat schon mit Vergeltungs-Vergeltung gedroht: Sonderzölle auf Waren aus China in Höhe von mehr als 200 Milliarden Dollar. Das hieße: Handelskrieg. Mit unabsehbaren Folgen.

"Die bevorstehende Eskalation verunsichert viele Menschen in China", sagt Max Zenglein, Programmleiter Wirtschaft am Berliner Mercator Institut für China-Studien (MERICS). Diese Verunsicherung offenbart sich am Kapitalmarkt. Der Leitindex in Shanghai hat binnen sechs Wochen an die 15 Prozent verloren - das entspricht mehreren Hundert Milliarden Euro Börsenwert. Am Dienstag fiel er vorübergehend auf den tiefsten Stand seit Anfang 2016, ehe es wieder etwas aufwärts ging. Und die chinesische Währung Renminbi hat an 14 der vergangenen 15 Tage an Wert gegenüber dem Dollar verloren. Woraufhin Zentralbankchef Yi Gang nun versichern musste, man werde den staatlich kontrollierten Yuan-Kurs auf einem "angemessenen, gleichgewichtigen" Niveau halten.

Seit Jahren erwirtschaftet die Volksrepublik das Gros ihres weltweiten Außenhandelsüberschusses im Warenaustausch mit den Vereinigten Staaten. Daher wäre sie von einem Handelskrieg noch stärker betroffen als die USA. Chinas Wachstumsprofil gerate nun unter Druck, analysiert Hao Zhou von der Commerzbank: "Etwa ein Fünftel der chinesischen Exporte werden in die USA geliefert. Chinas Wirtschaft dürfte also von hohen US-Zöllen auf chinesische Produkte spürbar in Mitleidenschaft gezogen werden."

Hao Zhou erwartet eine weitere Eskalation im Zollstreit. Sie käme zu einem denkbar ungünstigen Moment. Schon seit Längerem mehren sich die Anzeichen, dass Chinas Wirtschaft nicht mehr ganz rund läuft. Das zeigen nicht nur die Börsen, sondern auch Daten zur wirtschaftlichen Aktivität oder zur Stimmung. Auffällig ist auch, wie viele Kredite platzen. Insbesondere bei den Unternehmen ist die Verschuldung in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Ihre Geldgeber waren oft Schattenbanken, die kaum reguliert und beaufsichtigt sind.

Vergangene Woche warnte ein regierungsnahes chinesisches Forschungsinstitut sogar vor einer Finanzkrise. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, schrieb die Nationale Institution für Finanzen und Entwicklung (NIFD) in einer Studie: "Wir denken, dass China momentan sehr wahrscheinlich eine Panik (an den Finanzmärkten) sehen wird." Diese zu verhindern und einzudämmen müsse die "oberste Priorität" für die Regulierungsbehörden sein. Unter anderem hätten Aktienkäufe auf Pump wieder das Niveau von 2015 erreicht. Damals ging kurz darauf der Einbruch los.

Die NIFD-Studie stand am Montag vergangener Woche laut Bloomberg kurzzeitig im Internet. Dann verschwand sie - und ist seither nicht wieder aufgetaucht.

Offensichtlich versucht Chinas Regierung mit aller Macht, die Risiken eines Handelskriegs für die lokalen Finanzmärkte kleinzureden. Wie das in Kalifornien ansässige Nachrichtenportal "China Digital Times" berichtet, soll Peking heimischen Medien einen Zensurbefehl geschickt haben.

"Spielen Sie den Zusammenhang zwischen dem Aktienmarkt und dem Handelskonflikt herunter", zitiert die von einem Dissidenten gegründete "China Digital Times" aus der angeblichen Anordnung. Demzufolge dürfen staatliche chinesische Medien ohne explizite Zustimmung des Pekinger Regimes gar keine Kommentare mehr von Trump oder der US-Regierung zum Handelskonflikt verbreiten.

Laut der "New York Times" ist außerdem schon seit Wochen die Erwähnung des Masterplans "Made in China 2025" tabu. Dieses Konzept sieht vor, dass die Volksrepublik eine führende Rolle in Hightech-Industrien wie Robotik, künstlicher Intelligenz, Luft- und Raumfahrt oder Elektromobilität erobert. Offenbar versucht das Regime nun per Zensur zu verhindern, dass Trump diese Schlüsselbranchen gezielt sanktioniert.

Chinas Medien sind zurzeit auffällig bemüht, das Volk zu beruhigen. Die jüngsten Kursverluste an den Börsen bezeichnen sie als "irrational" und "Überreaktion". Investoren werden gedrängt, angesichts der drohenden Eskalation nicht in Panik zu verfallen. "Wir haben das lange erwartet und uns darauf vorbereitet", schreibt die große Wirtschaftszeitung "Jingji Ribao" - und behauptet: "Die Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft werden in einem kontrollierbaren Rahmen sein."

Letzteres dürfte eine Lüge sein. Den Ausgang eines Handelskriegs zwischen den USA und China kann niemand vorhersagen. Nicht mal die Masterplaner in Peking.

Mit Material der dpa

insgesamt 28 Beiträge
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freddygrant 03.07.2018
1. Auch die Chinesen ...
... müssen lernen, dass ihr Geld und Investitionen im kapitalistischen Westen volatil angelegt und den währungs- und wirtschaftpolitischen Manipulationen des Finanzhegemons USA und damit US-Dollar ausgesertzt sind. Sie sollten sich deshalb weiter darum bemühnen eine Absicherungen ihrer Finanzpapiere und Investitionen außerhalb des US-Dollars und natürlich solideren Werten abzusichern. im übrigen gilt das u.a. auch für die EU-Nationen und dort besonders Deutschland!
spmc-127280504831458 03.07.2018
2. Diversifikation...
ist nunmehr angezeigt. Dürfte wohl einen Grund haben, warum China sich gegenüber Bitcoin und anderen Kryptoassets wieder deutlich offener zeigt. Sollte es zum Crash kommen und sich der Handelskonflikt weiter verschärfen, wird Bitcoin der Gewinner sein. Da dürfte das ATH aus 2017 bald pulverisiert werden.
kopfball123 03.07.2018
3. Aber...
... heißt das dann das China evtl doch nicht Weltmarktführer in "allem" wird und die Welt dominiert, wie es der Spiegel propagiert? Dass es nicht immer nur nach oben gehen kann? Ganz ehrlich: Lieber sind die Amerikaner der Hegemon... in ein paar Jahren haben die einen neuen Präsidenten und dann schaut die Sache wieder anders aus. China auf der anderen Seite mit ihrem obersten Anführer auf Lebenszeit ist definitiv das größere Übel.
sven2016 03.07.2018
4.
Erst mal abwarten wie das der Dollar übersteht. Wenn der amerikanische Staat nicht mehr ohne Weiteres mit Falschgeld bezahlen kann, zieht auch dort die Unsicherheit ein. Ob es außer Spekulanten irgendjemand nützt? Wohl kaum.
cup01 03.07.2018
5. China hält noch Billionen
an amerikanischen Staatsanleihen. Sollte sie diese auf den Markt werfen, würde der US-DOLLAR in die Knie gehen. Das würde die Inflation in den USA noch weiter anheizen. Die Amerikaner unterschätzen das Problem.
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