Börse bizarr: China zensiert politisch brisante Kursergebnisse

Um genau 64,89 Punkte fiel ein Index der Börse in Shanghai - eine Zahl, die an den 4. Juni 1989 erinnert, das Datum des Massakers auf dem Tiananmen-Platz. Chinas Zensoren fackelten nicht lang: Sie lassen massenhaft Blog-Einträge zum Thema löschen.

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Börse in Shanghai: Politisch brisante Kursergebnisse

Hamburg - Die Verschwörungstheoretiker unter den Mathematikern nennen sich Numerologen. Ihre Hauptbeschäftigung besteht darin, Zusammenhänge in Zahlenverhältnisse hineinzudeuten, die sich rein mathematisch nicht nachweisen lassen - nicht selten zur Belustigung aller übrigen Mathematiker. Am Montag nun ist etwas passiert, das bei so manch Zahlenmystiker die Sicherungen durchbrennen lassen dürfte.

An der Börse in China startete der Shanghai Stock Exchange mit einem ganz besonderen Kurswert: 2346,98 Punkte zeigte er zum Handelsauftakt, eine Zahl, aus der sich rückwärts das Datum 4. Juni '89 und die Nummer 23 herauslesen lassen.

Der 4. Juni 1989 war der Tag, an dem das chinesische Militär begann, die Proteste einer Demokratiebewegung gewaltsam niederzuschlagen. Epizentrum des Volksaufstandes war der Tiananmen-Platz, zu Deutsch: der Platz des Himmlischen Friedens. Schätzungen zufolge kamen bei der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste in ganz Peking zwischen 300 und 3000 Menschen ums Leben. Am Montag jährte sich dieses blutige Kapitel chinesischer Geschichte zum 23. Mal.

Doch das war noch nicht alles. Der Index fiel im Laufe des Handels um genau 64,89 Punkte. Nach der üblichen chinesischen Darstellung eines Datums (erst der Monat, dann der Tag) ergibt das erneut den 4. Juni '89.

Zweimal dieses schicksalsschwere Datum, genau an dessen Jahrestag - fast schien es, als hätte Chinas blutige Vergangenheit in den kalten Kursen der Börse ein gespenstisches Echo erzeugt.

64,89 ruft Zensoren auf den Plan

Und das blieb nicht unbeachtet. Manchen chinesischen Bloggern war das eine Meldung wert, andere Netznutzer verbreiteten die Nachricht über den Kurznachrichtendienst Weibo, das chinesische Pendant zu Twitter. Selbst die "New York Times" berichtete über die seltsame Kurs-Koinzidenz.

Chinas Regierung war wenig begeistert. Einträge aus chinesischen Medien verschwanden rasch wieder aus dem Netz. Selbst die Suchergebnisse zu Anfragen wie "Börse" oder "Shanghai Börse" wurden zeitweise gefiltert.

Die chinesische Regierung zensiert seit langem politisch brisante Inhalte aus dem Netz, im Zuge der Präsidentschaftswahlen und der Aufregung über den Sturz des Parteifunktionärs Bo Xilai hatte sie die Zensur zuletzt noch einmal verschärft. Ob die Filterung numerisch verdächtiger Börsenmeldungen nun aber eine neue Stufe der Paranoia darstellt - oder einfach das Resultat automatisch arbeitender Filteralgorithmen, ist nicht klar.

Dafür ranken um die seltsamen Zahlen selbst schon Gerüchte. Es wird sogar darüber spekuliert, ob Hacker die Nummernfolgen gezielt in die Kurse hineinmanipulierten. Experten halten das für wenig wahrscheinlich. Dafür sei der Index, der die Börsenwerte Hunderter Unternehmen abbildet, einfach zu groß, sagte Richard Kershaw, vom Finanzdienstleister FTI Consulting der "New York Times". Er würde allerdings nicht ausschließen, dass die chinesische Regierung möglichen Spuren eines vermeintlichen Hacker-Angriffs nachgehe.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung freilich würde man wohl nie erfahren.

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1. ||²³
Dark Enginseer 04.06.2012
Zitat von sysopUm genau 64,89 Punkte fiel ein Index der Börse in Shanghai - eine Zahl, die an den 4. Juni 1989 erinnert, das Datum des Massakers auf dem Tiananmen-Platz. Chinas Zensoren fackelten nicht lang: Sie lassen massenhaft Blog-Einträge zum Thema löschen. Börse in Shanghai: Kurs erinnert an Datum von Tiananmen-Massaker - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,836906,00.html)
Das ist schon interessant. Vielleicht ein verstecktes Zeichen? Und wenn ja, an wen? Von wem? Oder doch nur ein Zufall? Wir werden es wohl nie erfahren. Oder doch? ;-)
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