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Börsenplus trotz Schuldenkrise: Dax paradox

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Griechenland steht kurz vor der Pleite, die Euro-Zone schlittert in die Rezession, der Dax aber hat am frühen Abend sogar kurz die Marke von 7000 Punkten übersprungen. Experten erwarten, dass der Aufwärtstrend des Leitindex weitergeht - paradoxerweise auch wegen der Schuldenkrise.

Dax-Tafel in Frankfurt: Seit Januar ein zweistelliges Plus verbucht Zur Großansicht
REUTERS

Dax-Tafel in Frankfurt: Seit Januar ein zweistelliges Plus verbucht

Hamburg - Das klingt nach einer guten Nachricht: Der Dax hat am Donnerstag die Marke von 7000 Punkten geknackt. Der wichtigste deutsche Börsenindex schloss zwar bei 6996 Punkten mit einem kleinen Plus von 0,7 Prozent gegenüber dem Vortag. Doch was zählt, ist das kurze Überschreiten der wichtigen Schwelle auf 7001 Zähler. Jetzt scheint auch das bisherige Jahreshoch im März von 7194 Punkten nicht mehr weit.

Seit Anfang Juni schon geht der Dax Chart zeigen - von einigen Schwankungen mal abgesehen -, wieder nach oben. Seit Januar hat er bereits ein zweistelliges Plus verbucht. Die Stimmung an der Börse war schon lange nicht mehr so gut wie derzeit. Seit Tagen warteten Börsenbeobachter daher auf das Überschreiten der 7000er-Marke.

Steht Griechenland nicht näher vor der Pleite als je zuvor? Hat Spanien nicht erst kürzlich bei seinen Euro-Partnern 100 Milliarden Euro an Bankenhilfen beantragt? Und häuften sich nicht zuletzt die miesen Konjunkturindikatoren auch in Deutschland - sei es der Ifo-Index, die schwächere Produktion oder die steigenden Arbeitslosenzahlen? Und trotzdem steigt der Dax seit Wochen? Das passt doch nicht zusammen.

Doch. Weil nach mehr als zwei Jahren Euro-Krise auch die Börse nicht mehr so funktioniert wie früher. Der Markt reagiert nicht mehr so stark auf die klassischen Börsentreiber wie neue Unternehmensdaten oder Konjunkturprognosen. Ein Beispiel: Wenn die Rating-Agentur Standard & Poor's den Ausblick für Griechenland auf "negativ" setzt, dann kratzt das kaum noch jemanden an den Finanzmärkten. Das Land ist ohnehin schon am Boden. "Griechenland haben die meisten abgehakt", sagt ein Börsianer knapp. Für den Dax oder andere Indizes sind daher mittlerweile andere Ereignisse oder Faktoren relevanter, und damit entscheidend für die Entwicklung der Kurse:

  • Der Draghi-Sprint: Gemeint ist die Ankündigung des Chefs der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, "alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten". Die Aussage löste Ende Juli eine Kursrallye aus. Auch wenn der EZB-Präsident die Politik mit in die Pflicht nahm, spekulieren Anleger seitdem darauf, dass er den Worten Taten folgen lässt und mehr Geld in den Markt pumpt - etwa durch den massiven Kauf von Staatsanleihen aus Problemländern.
  • Die Haltung der US-Notenbank: Fed-Chef Ben Bernanke deutete bereits an, dass die amerikanische Notenbank zu weiteren Konjunkturmaßnahmen greifen könnte, falls es nötig werde. Deutlicher drückte es Eric Rosengren aus, der Chef der Notenbank von Boston. Er sagte, die US-Notenbank Fed werde so lange Hypothekenpapiere und Staatsanleihen kaufen, bis sie mit dem Zustand der Wirtschaft zufrieden sei.
  • Die weltweite Geldflut: Sowohl Fed als auch EZB fluten die Märkte schon seit 2009 mit billigem Geld. Dieses zusätzliche Kapital sucht rund um den Globus nach halbwegs rentierlichen Anlagemöglichkeiten - was unter anderem auch die Aktienkurse treibt.
  • Fehlende Alternativen zu Aktienkäufen: Als sicher wahrgenommene Anlagen wie Bundesanleihen, US-Staatsanleihen, Festgeld oder Tagesgeldkonten werfen derzeit angesichts historisch niedriger Zinsen Renditen ab, die meist nicht mal die Inflationsrate aufwiegen können. Anleihen anderer Länder wie Italien oder Spanien bieten zwar höhere Zinsen, sind aber riskante Anlagen. Aus Mangel an Alternativen flüchten Anleger in Aktien.
  • Vorwegnahme schlechter Nachrichten: Viele Anleger haben schon frühzeitig mit schlechten Quartalsbilanzen der 30 Dax-Konzerne gerechnet und wurden nun größtenteils positiv überrascht, weil es doch nicht so schlimm kam wie erwartet. Auch bei Wirtschaftsindikatoren, wie dem Ifo-Index oder den Arbeitslosenzahlen, waren die meisten Marktteilnehmer auf negative Entwicklungen vorbereitet.
  • Deutsche Aktien sind derzeit günstig: Als wichtigste Kennzahl an der Börse gilt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Es setzt den aktuellen Aktienkurs in Verhältnis zum erwarteten Jahresgewinn. Historisch betrachtet sind die meisten Dax-Papiere derzeit sehr günstig.

All diese Punkte sind für die Kursrallye verantwortlich. "Anleger, die derzeit in den Dax investieren, verhalten sich klug und rational", sagt Robert Halver von der Baader Bank. Was er damit meint: Anleger umgehen die Geldentwertung und investieren gleichzeitig in lang anhaltende Sachwerte. "Egal was noch in der Euro-Krise passiert - Sachkapital, auch in Form von deutschen Aktien, behält Oberwasser", fasst Halver seinen Gedanken zusammen.

Auch sein Kollege Markus Reinwand von der Helaba ist zuversichtlich, dass sich die Kurse weiter positiv entwickeln. "Die Börse wettet darauf, dass sich die Situation verbessert." Ende des Jahres, so Reinwand, könnte der Dax schon bei 7200 Punkten stehen.

Auch Halver glaubt an einen positiven Trend, warnt aber: "Im September wird es aber noch mal heftig." Dann entscheidet die Troika aus EZB, EU und Internationalem Währungsfonds, ob Griechenland frisches, überlebensnotwendiges Geld bekommt. Das Bundesverfassungsgericht urteilt zudem über den dauerhaften Rettungsschirm ESM. Von dieser Entscheidung will die EZB abhängig machen, ob und in welchem Rahmen sie Staatsanleihen der Schuldenländer kaufen wird. Halver ist sich jedoch sicher: "Die EZB hat keine andere Wahl, als ultimativ einzugreifen." Dann dürfte es ihm zufolge auch mit dem deutschen Leitindex weiter bergauf gehen. Mehr als 7000 Punkte bis Ende des Jahres seien vorstellbar, wenn die Euro-Politik nicht völlig in die falsche Richtung geht.

Vieles spricht also dafür, dass das Jahr 2012 noch einigermaßen gut für den Dax verläuft - trotz aller düsteren Wolken über der Weltkonjunktur.

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1. tja
paulroberts 16.08.2012
Zitat von sysopREUTERSGriechenland steht kurz vor der Pleite, die Euro-Zone schlittert in die Rezession, der Dax aber hat am frühen Abend sogar kurz die Marke von 7000 Punkten übersprungen. Experten erwarten, dass der Aufwärtstrend des Leitindex weitergeht - paradoxerweise auch wegen der Schuldenkrise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,848971,00.html
wie das so ist, gehts den Menschen schlecht, freut sich die Börse-und umgekehrt.
2. Die Flut kommt.
goethestrasse 16.08.2012
So lange der Hype die Zocker betrifft, hält sich meine Sorge und mein Mitgefühl in Grenzen. Ich hoffe nur dass Pensionskassen, Betriebsrenten, Versorungswerke, Lebensversicherer usw. sich vernünftig verhalten und es für die, die denen vertrauen, kein böses Erwachen gibt. Ich hoffe, da leigt ein Rettungsschirm bereit.
3.
limrz 16.08.2012
Zitat von sysopREUTERSGriechenland steht kurz vor der Pleite, die Euro-Zone schlittert in die Rezession, der Dax aber hat am frühen Abend sogar kurz die Marke von 7000 Punkten übersprungen. Experten erwarten, dass der Aufwärtstrend des Leitindex weitergeht - paradoxerweise auch wegen der Schuldenkrise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,848971,00.html
Vielleicht sollte man sich erst einmal die Kursumsätze der letzten Wochen anschauen, bevor man eine Prognose abgibt. Alles Großinvestoren halten sich zurück.
4. Aufbäumen vor dem Knall
Gluehweintrinker 16.08.2012
Hatten wir das nicht auch schon 2008? Erst geht es ab wie Lucie, und dann knallt es. Nur eine Frage weniger Wochen.
5.
homersimpson75 16.08.2012
Zitat von sysopREUTERSGriechenland steht kurz vor der Pleite, die Euro-Zone schlittert in die Rezession, der Dax aber hat am frühen Abend sogar kurz die Marke von 7000 Punkten übersprungen. Experten erwarten, dass der Aufwärtstrend des Leitindex weitergeht - paradoxerweise auch wegen der Schuldenkrise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,848971,00.html
In Zeiten, in denen Zentralbanken versuchen, die Staatsschulden wegzuinflationieren, kann man eigentlich nur jedem empfehlen, sein Vermögen in Sachwerte anzulegen. Qualitativ gute und einigermaßen krisenfeste Aktien sind da nicht die schlechteste Wahl.
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