Fallende Aktienkurse Das steckt hinter der Börsenflaute

Jahrelang kannten die Börsenkurse eine Richtung: nach oben. Damit könnte es nun vorbei sein - seit zwei Wochen geht es besonders rasant abwärts. Gründe dafür gibt es genug.

Händler an der Wall Street in New York
JUSTIN LANE/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Händler an der Wall Street in New York

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Für die Händler an der Frankfurter Börse werden die Minuszeichen an der Anzeigetafel langsam zum gewohnten Anblick: Nur einmal schloss der Dax in dieser Woche im Plus, am Donnerstag. Doch bereits am Freitag ging es wieder abwärts mit den Aktienkursen. Allein im Oktober hat der deutsche Leitindex bislang fast zehn Prozent verloren, seit Anfang des Jahres rund 13 Prozent.

Der Dax ist mit dieser Entwicklung keine Ausnahme. Weltweit sind die Aktienkurse in den vergangenen zwei Wochen deutlich gesunken.

Woran liegt das?

Der wichtigste Grund für die tendenziell sinkenden Kurse liegt in den nach langer Zeit wieder steigenden Zinsen in den USA - oder weiter gefasst: am Kurswechsel in der Geldpolitik der Notenbanken, wobei die Fed hier wesentlich weiter ist als die Europäische Zentralbank (EZB). Während in der Eurozone noch der Nullzins herrscht, liegen die Leitzinsen in den USA inzwischen wieder bei 2,25 Prozent und werden künftig weiter schrittweise angehoben.

Das führt fast zwangsläufig zu schwächeren Börsenkursen, und zwar über mehrere Mechanismen. Die genauen Erklärungen finden Sie in dieser Bilderstrecke:

Solange fallende Börsenkurse allein auf die Geldpolitik zurückgeführt werden können, geben sie für die Gesamtwirtschaft kaum Grund zur Sorge. Schließlich hat die Fed die Wende ja deshalb eingeleitet, weil sich Konjunktur und Arbeitsmarkt in den USA sehr positiv entwickelt haben. Und die EZB folgt der Fed mit Verzögerung, weil sich auch die Eurozone in den vergangenen Jahren deutlich erholt hat. So gesehen ist ein Teil der fallenden Aktienkurse schlicht Ausdruck einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung.

Risiken aus China - und Europa

Allerdings gibt es darüber hinaus eine Reihe weiterer Gründe für die Flaute an den Börsen, die durchaus auf realen negativen ökonomischen Entwicklungen oder Gefahren beruhen. So scheint die Weltwirtschaft langsam ins Stocken zu kommen. Vor zwei Wochen hat etwa der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Wachstumsprognose für dieses und das kommende Jahr gesenkt.

In den vergangenen Jahren ging stets ein großer Teil des globalen Wachstums auf China zurück. Doch die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt schwächelt etwas, das Wachstumsziel von 6,5 Prozent für dieses Jahr wäre die niedrigste Steigerungsrate seit 1990. Zudem macht das chinesische Finanzsystem Sorgen, viele Provinzen haben hohe verdeckte Schulden angehäuft, die Rolle der Schattenbanken ist zu groß.

Auch die von US-Präsident Donald Trump forcierten Handelskonflikte gefährden die globale Wirtschaft, allen voran der mit China. Die gegenseitig verhängten Strafzölle im Handel mit der EU und die schwierigen Verhandlungen mit den Nafta-Partnern Mexiko und Kanada bekommen bestimmte Branchen ebenfalls bereits zu spüren.

Europa sorgt allerdings auch selbst für Unsicherheit. In fünf Monaten wird Großbritannien kein Mitglied der EU mehr sein - und noch ist völlig offen, ob es überhaupt ein Brexit-Abkommen zwischen London und Brüssel geben wird. Und Italien könnte die Eurokrise zurückbringen, wenn die populistische Regierung in Rom an ihrer Schuldenpolitik festhält. Bereits jetzt sind die Risikoaufschläge deutlich gestiegen, die das Land für seine Schuldzinsen bieten muss.

Politische Krisen

Die Entwicklung in wichtigen Schwellenländern gibt ebenfalls Anlass zur Sorge - etwa in der Türkei oder Argentinien. Auch wenn ein großer Teil der Probleme dort hausgemacht ist, ist hier eine weitere Wirkung der Wende in der US-Geldpolitik zu spüren: Viele Anleger hatten in den vergangenen Jahren in Schwellenländern investiert, weil es dort relativ hohe Zinsen gab - nun ziehen sie das Geld wieder ab und legen es in den USA an. Das stärkt nebenbei den Dollar - sodass sich für die Schwellenländer gleich zwei Probleme ergeben: Erstens fehlt ihren Unternehmen nun das abgezogene Kapital. Und zweitens wird es für sie wesentlich teurer, Zins und Tilgung für ihre Kredite aufzubringen - denn die haben sie oft in Dollar abgeschlossen.

Nicht zuletzt mehren aber auch geopolitische Krisen die Unsicherheit an den Börsen: Mit Saudi-Arabien steht derzeit ein Land international massiv wegen des gewaltsamen Todes von Jamal Khashoggi in der Kritik, das sowohl als Öllieferant als auch als Investor große wirtschaftliche Bedeutung hat. Sanktionen gegen das Königreich sind nicht ausgeschlossen. Die Ankündigung von US-Präsident Trump, aus dem INF-Vertrag aussteigen zu wollen, verschärft die Spannungen mit Russland, dessen Präsident Wladimir Putin bereits vor einem neuen Wettrüsten in Europa warnt.

Es gibt also zahlreiche Faktoren für die Flaute an der Börse - allerdings bestehen die meisten von ihnen bereits seit Längerem. Eine Erklärung dafür, dass die Aktienkurse gerade in den vergangenen zwei Wochen so stark gefallen sind, bieten sie also nur eingeschränkt. Aber sie machen deutlich: Der viele Jahre andauernde Boom immer neuer Rekordjahre an den Börsen könnte vorerst vorbei sein.

insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
Paule Paulson 26.10.2018
1. Zinsen = Standarderklärung
Wie der Autor richtig schreibt: In den USA haben wir inzwischen 2,25% Zinsen, in Europa immer noch 0%. Was der Autor dann leider gar nicht erwähnt, geschweige denn erklärt: Der Dow Jones ist immer noch höher als zu Jahresbeginn, während die europäischen Aktiien rasant verlieren. Müßte doch eigentlich umgekehrt sein, nicht wahr?
adam01 26.10.2018
2. Die Kurse waren sowieso
viel zu hoch. Den realistischen DAX schätze ich auf 8.000.
wallabi 26.10.2018
3.
Zitat von Paule PaulsonWie der Autor richtig schreibt: In den USA haben wir inzwischen 2,25% Zinsen, in Europa immer noch 0%. Was der Autor dann leider gar nicht erwähnt, geschweige denn erklärt: Der Dow Jones ist immer noch höher als zu Jahresbeginn, während die europäischen Aktiien rasant verlieren. Müßte doch eigentlich umgekehrt sein, nicht wahr?
Kommt noch! Außerdem gibt es imSpekulationsmarkt keine absolut verlässlichen Regeln. Auch wenn es keiner hören will … die Börse ist nur eine Spielbank mit seriösem Anstrich. Bis jetzt wurden die meisten (Klein)Anleger noch immer geschröpft. Man braucht nur an die "Volksaktie" der Telekom denken.
janaschlutze 26.10.2018
4. Dirk Müller: Der nächste Börsencrash
Dirk Müller: Der nächste Börsencrash wird heftiger als 2008 .... https://aktien-boersen.blogspot.com/2018/09/dirk-muller-der-nachste-borsencrash.html
Memorabilis! 26.10.2018
5. Was für eine Aussage!?
Der letzte Absatz stößt alles um was vorher argumentativ aufgebaut wurde: "Es gibt also zahlreiche Faktoren für die Flaute an der Börse - allerdings bestehen die meisten von ihnen bereits seit Längerem. Eine Erklärung dafür, dass die Aktienkurse gerade in den vergangenen zwei Wochen so stark gefallen sind, bieten sie also nur eingeschränkt. Aber sie machen deutlich: Der viele Jahre andauernde Boom immer neuer Rekordjahre an den Börsen könnte vorerst vorbei sein." Insbesondere die Aussage des letzten Satzes relativiert dann noch mal alles ... deutlich wird nur die Möglichkeit eines Endes. Aber was ist das für eine Aussage - das gilt doch immer.
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