Frage: Wo wird der Dax in einem Jahr stehen?
Kaldemorgen: Bei 6480 Punkten.
Frage: Ah ja. Woher wissen Sie das so genau?
Kaldemorgen: Wir sind die 30 Unternehmen im Index durchgegangen. Es gibt Verlierer, etwa die Automobilindustrie, und Gewinner. Zu denen gehören beispielsweise die Versorger. Dann gibt es Titel, die wie Infineon wegen ihres geringen Einflusses auf den Dax nicht ins Gewicht fallen. Summiert man unsere Erwartungen, steht am Ende die genannte Zahl.
Frage: In der Finanzkrise hat sich der DWS Vermögensbildungsfonds I deutlich besser gehalten als der Markt. Trotzdem wandert immer mehr Geld in Indexfonds ab (sogenannte ETFs, d. Red.). Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?
Kaldemorgen: Nein, definitiv nicht. Natürlich sind ETFs eine Konkurrenz für das aktive Fondsgeschäft, weil sie sehr günstig sind und in einigen Märkten sogar bessere Ergebnisse erwirtschaften als aktiv gemanagte Fonds. Ihre Schwäche bleibt aber die Passivität.
Frage: Trotzdem werden sie auch bei privaten Anlegern immer beliebter.
Kaldemorgen: 2009 haben wir für den DWS Vermögensbildungsfonds I über 400 Millionen Euro eingesammelt. Viele Anleger, die sich wieder am Aktienmarkt engagieren wollen, bevorzugen Flaggschiff-Fonds. Sie sind noch verunsichert und nehmen uns in die Pflicht. Daher ist eine der Lehren aus 2008, künftig nach oben mitzulaufen und nach unten die Verluste zu begrenzen. Noch einmal zweistellig ins Minus zu rutschen, das werden die Anleger mir kaum verzeihen.
Frage: Wie wollen Sie das verhindern, wenn die Börsen um 20 Prozent oder mehr abstürzen?
Kaldemorgen: Das ist schwierig, aber mit Terminkontrakten möglich. Über die relative Performance können wir uns nicht mehr definieren. Die absolute Performance muss stimmen.
Frage: Gilt das für alle Fonds oder nur für die Flaggschiffe?
Kaldemorgen: Bei einigen Fonds, etwa reinen Rohstofffonds, haben Anleger ein anderes Risikobudget einkalkuliert. Da gehören starke Schwankungen dazu. Aber bei den großen Fonds erwarten meine Kunden, dass ich an allen verfügbaren Rädchen drehe, bevor es böse endet.
Frage: Hat ein Edouard Carmignac ein paar Rädchen mehr als Sie? Der französische Fondsmanager war zuletzt sehr erfolgreich...
Kaldemorgen: Nein.
Frage: Haben Sie sich mal gefragt, was er besser macht?
Kaldemorgen: Natürlich. Carmignac hat in den vergangenen Jahren die Themen sehr gut getroffen. 2009 hat er sich allerdings sehr stark zu einem Markttimer entwickelt. Das bringt Risiken mit sich.
Frage: Trotzdem sind die Fonds von Carmignac bei vielen Beratern derzeit das Maß aller Dinge.
Kaldemorgen: Das war vor zehn Jahren beim Templeton Growth und später beim Fidelity European Growth genauso. Die haben wir alle ausgesessen. Jetzt ist es eben Edouard Carmignac. Ich finde die Konkurrenz spannend.
Frage: Werden Fonds und Portfolios künftig deutlich komplexer?
Kaldemorgen: Ja, allein durch die Absicherungsmechanismen. Anfang der neunziger Jahre wurde das Risiko lediglich am Investitionsgrad gemessen. Das ergibt heute keinen Sinn mehr. Eine Cashquote sagt nichts aus.
Frage: Wie beurteilen Sie Absolute-Return-Fonds - also Fonds, die unabhängig von der Marktlage ein absolutes Renditeziel anstreben?
Kaldemorgen: Für diese Produkte sehe ich eine große Zukunft.
Frage: Aber bei der DWS spielen sie bislang praktisch keine Rolle.
Kaldemorgen: Wir arbeiten dran. Es muss unser Ehrgeiz sein, uns in diesem Bereich besser aufzustellen. Leider gibt es den Total-Return Manager nicht. Es gibt gute Manager für Aktien und für Renten. Manager, die über alle Klassen gut entscheiden, sind sehr selten.
Frage: Sind deswegen auch die 130/30-Fonds gescheitert? (Bei diesen Fonds werden 100 Prozent des Anlagekapitals in Aktien investiert, für weitere 30 Prozent wird Fremdkapital aufgenommen, also Kredite. Dieses Geld wird in Optionen, Terminkontrakte oder ähnliche Finanzkonstrukte investiert, um einen Hebeleffekt zu erzielen, d. Red.)
Kaldemorgen: Die Fonds sollten eine Brücke zum Hedge-Fonds-Markt schlagen. Angekommen sind sie nicht ...
Frage: ... weil Shortselling, der Leerverkauf von Aktien, etwas ganz anderes ist als das, was traditionelle Fondsmanager den ganzen Tag über machen.
Kaldemorgen: Ja, richtig. Short zu gehen erfordert ein ganz anderes Risikomanagement und einen anderen Weitblick. Das Problem ist, dass man Haus und Hof verlieren, aber höchstens den Wert einer Aktie gewinnen kann.
Frage: Was sind die wichtigsten Ziele der DWS und der Branche?
Kaldemorgen: Wir haben unsere Fondspalette überarbeitet und viele Produkte vom Markt genommen. Auch Fonds können sich überleben. Wir brauchen ein neues Kostenbewusstsein und gleichzeitig eine fokussierte Fondspalette. Der Bauchladen darf nicht zu voll sein.
Frage: Was wird vor diesem Hintergrund aus Ihrer Zertifikate-Plattform DWS Go?
Kaldemorgen: DWS Go gehört nicht mehr zum Kerngeschäft der DWS. Daher haben wir Zertifikate mit einem geringen Volumen vom Markt genommen.
Frage: Wird sich die gesamte Branche gesundschrumpfen?
Kaldemorgen: Der Trend hin zu kleinen, hoch spezialisierten Boutiquen und den großen Playern wird bestehen bleiben. Fraglich ist, was einige Banken mit ihren Fondsgesellschaften anfangen werden, die keine kritische Größe erreicht haben.
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