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Börsencrash in China: Kampf gegen den großen Absturz

Erst hatte die Regierung den Boom an Chinas Börse befeuert, nun kämpft sie gegen den Crash. Milliarden werden in die Wirtschaft gepumpt. Die Probleme bringen die kommunistische Führung in Bedrängnis - und könnten weltweite Folgen haben.

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Händler in China: Panik an der Börse

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Während die Eurostaaten um einen Kompromiss in der Griechenlandkrise ringen, zieht in China eine viel größere Gefahr für die europäische und die weltweite Wirtschaft auf. Ein Kurssturz an der Börse sorgt dort für Panik bei den Anlegern. Die Regierung in Peking steuert gegen. Sie will verhindern, dass der Absturz an den Märkten auf die Wirtschaft der Volksrepublik übergreift.

Beim Kampf gegen den Crash fährt die Führung in Peking eine Doppelstrategie: Zum einen will sie den Ausverkauf mit Verboten und Lockerungen stoppen. Zum anderen legt sie ein milliardenschweres Konjunkturprogramm auf. Das Geld soll in besonders auf Hilfe angewiesene Bereiche gelenkt werden. Zugleich soll der Bau von Straßen und anderen Infrastrukturprojekten vorangetrieben werden. Diese staatlichen Investitionen sollen für Auftrieb und mehr Zuversicht an den Börsen sorgen.

An den Börsen auf dem chinesischen Festland wurde der Handel mit Titeln von mindestens 1300 Unternehmen gestoppt. Zugleich lockerten die Behörden die Regeln für Aktienkäufe durch Versicherungen, die nun deutlich mehr Geld in den Markt stecken dürfen. Panikverkäufen schob die Börsenaufsicht einen weiteren Riegel vor: Anleger müssen ihre Anteile nun ein halbes Jahr halten, wenn sie mehr als fünf Prozent der Aktien eines Unternehmens besitzen. Bei Verstößen drohen harte Strafen.

Der Ausverkauf an Chinas Börsen hat weltweit für Nervosität unter Investoren gesorgt und selbst die Griechenlandkrise in den Schatten gestellt. Der für Festland-China wichtige Shanghaier Aktienmarkt brach um sechs Prozent ein und verlor binnen drei Wochen rund ein Drittel seines Werts. Das ist der größte Crash seit über 20 Jahren.

Noch im vergangenen Jahr war der Aktienmarkt förmlich explodiert, weil der Staat mithilfe niedriger Zinsen viel Geld zur Verfügung stellte. Die Börse in Shanghai legte 2014 insgesamt um fast 53 Prozent zu. Mitte Juni kündigte die Börsenaufsicht aber an, die Regeln für den Aktienkauf auf Pump zu verschärfen. Kleinanleger begannen, panikartig zu verkaufen.

"Der Parteistaat verliert den Kampf gegen die Märkte"

Regierung und Notenbank zogen bereits viele Register, um den Kurssturz zu bremsen. Der Leitzins wurde gesenkt, die Transaktionsgebühren reduziert oder Hindernisse für kreditfinanzierte Aktienkäufe abgebaut. Selbst die Zentralbank macht mobil: Mit Hunderten Milliarden Yuan soll der Kauf von Aktien jetzt finanziert werden - ohne durchschlagenden Erfolg. "Wenn die Stabilisierungsmaßnahmen der chinesischen Regierung nicht fruchten und das Vertrauen der Anleger schwindet, könnte das die chinesische Wirtschaft so stark belasten, dass dies für die globalen Konjunkturaussichten zu einer Bedrohung wird", warnt der Analyst Andreas Paciorek von CMC Markets.

Die Panik weitete sich auch auf die Börsen in den Nachbarländern aus und stürzte die Rohstoffmärkte in Turbulenzen. In Hongkong stürzte der Aktienindex so stark ab wie seit der globalen Finanzkrise 2008 nicht.

Manche Experten sehen im Eingreifen der chinesischen Führung eine Gefahr. "Es kann den Markt vielleicht vorübergehend stabilisieren, aber langfristig wirkt es nicht", sagte der Pekinger Wirtschaftsprofessor Hu Xingdou. Planwirtschaftliche Methoden taugten nicht zur Korrektur. "Wir sollten die Marktkräfte respektieren."

"Der Parteistaat verliert den Kampf gegen die Märkte", sagt Sandra Hepp vom China-Institut Merics in Berlin. "Das Vertrauen der Bevölkerung ist zutiefst erschüttert." Betroffen seien besonders viele Kleinanleger - vom Friseur über den Taxifahrer bis hin zur Putzfrau; alle, die sich vom jüngsten Goldrausch haben anstecken lassen. Jetzt warteten sie auf den allmächtigen Staat, der in China immer schon alles geregelt hat. "Die Glaubwürdigkeit der Kommunistischen Partei ist in Gefahr", sagte Hepp.

Auch die wirtschaftlichen Reformen seien bedroht. Die Verluste der Privatanleger schwächten die heimische Nachfrage, die Börsenkrise bremse die Liberalisierung des Finanzsystems. Kleine Unternehmen würden geschwächt, der Staatssektor dominiere. Werde Chinas Nachfrage nach Importgütern durch ein Einbrechen von Investitionen und Konsum geschwächt, wäre auch die deutsche Wirtschaft empfindlich getroffen, warnte Hepp.

Der Aktienmarkt sei von der Realwirtschaft "geschieden", sagt Professor He Xiaoyu von der Universität für Wirtschaft und Finanzen: "Das Problem sind die großen Investoren, die nicht rational kaufen oder verkaufen." Sie glaubten, dass sie nur der Partei folgen müssten - und wenn es dann ein Problem gebe, werde die Regierung schon helfen. "So können wirtschaftliche Probleme zu politischen Problemen werden."

Zusammengefasst: Ein Kurssturz an Chinas Börsen macht Finanzexperten weltweit Sorgen. Gegenmaßnahmen der Führung in Peking greifen kaum. Der Crash könnte die Wirtschaft in der Volksrepublik schwächen - und das weltweite Wachstum hemmen. Zudem ist die Glaubwürdigkeit der kommunistischen Führung angekratzt.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels haben wir geschrieben, die Börse habe binnen eines Monats Einbußen von 3,2 Milliarden Dollar gehabt. Korrekt ist, dass es sich um Billionen-Beträge handelt.

mmq/Reuters/dpa/AFP

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1.
TS_Alien 08.07.2015
Nicht nur die Chinesen pumpen sehr viel Geld in die "Märkte". Die EZB wird in den nächsten Monaten eine Billion Euro in den "Markt" gesteckt haben. Alleine daran sieht man, dass die "Märkte" keine Märkte sind. Funktionierende Finanzmärkte haben solche Stützungen nicht nötig. Das Aussetzen von bestimmten Papieren vom Handel ist ebenfalls abzulehnen. Zumindest dann, wenn es nicht auch bei steigenden Kursen gemacht wird. Übertreibungen gibt es schließlich in beide Richtungen. Im achten Jahr der Krise sind die Finanzmärkte nicht besser aufgestellt als zu Beginn der Krise. Grandioser können Politiker nicht versagen. Weltweit.
2. Na und?
meinefresse 08.07.2015
Die Indizes sind beinahe exponentiell gestiegen. Welcher Mensch mit einem Hauch Verstand steigt da ein? Erst recht wenn neue Aktien mit Krediten auf beliehene Depots gekauft werden? Dass dieses System kollabieren muss wenn es eine kleine Korrektur gibt sollte klar sein - die beliehenen Depots verlieren Wert, die Kreditlinie wird gekappt, ein permanent steigender Verkaufsdruck ist die Folge. Bitter für die Menschen, aber die Politik sollte lieber die realen Folgen abfedern anstatt die Spekulanten zu retten.
3. Ja ja ja
alice-b 08.07.2015
[Noch im vergangenen Jahr war der Aktienmarkt förmlich explodiert, weil der Staat mithilfe niedriger Zinsen viel Geld zur Verfügung stellte. Die Börse in Shanghai legte 2014 insgesamt um fast 53 Prozent zu. Mitte Juni kündigte die Börsenaufsicht aber an, die Regeln für den Aktienkauf auf Pump zu verschärfen. Kleinanleger begannen, panikartig zu verkaufen. Die Börse in Shanghai verlor in weniger als einem Monat mehr als 30 Prozent an Wert - ein Minus von 3,2 Milliarden Dollar (2,9 Milliarden Euro). ] Da sehen wir was auf die europäische Börse in den nächsten Jahren zukommt. Auch wurde mit dem billigen von Dragi Aktien gekauft weil Alternativen für die Anleger fehlten. Der Dax ist bereits von über 12.000 Punkten 10.699 gefallen. Der Bevölkerung sagt man das sei die Griechenland-Krise. Eine weitere Lüge unserer Elite
4. Sofortmaßnahmen um die Märkte zu beruhigen.
nütztnichts 08.07.2015
Sofort die Renten kürzen, nein, am besten abschaffen. Löhne kürzen, Arbeitszeit verlängern, Schulen schließen, Gesundheitsversorgung zusammenstreichen. Beruhigt endlich die Märkte!!! Dann geht es uns allen besser. Raus aus der sozialen Hängematte in Grie.. äh, China.
5. Spekulationsblase
observer2014 08.07.2015
Mit Aktien oder Wertpapieren werden wenige reich und viele arm. Aktien, die auf den Nennwert bezogen eine ordentliche Dividende abwerfen, sind an und für sich keine schlechte Geldanlage. Wenn der Aktienkurs aber ein Mehrfaches des Nennwertes beträgt, können die Dividenden nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Im Vordergrund steht dann die Spekulation auf steigende Kurse. Wie beim Schneeballsystem profitiert hier aber nur ein Teil der Aktienkäufer. Da der Profit aber irgendwo her kommen muss, stehen auf der anderen Seite die Verlierer, die finanzielle Verluste erleiden. Mich erinnert der Höhenflug des chinesischen Aktienmarktes an Zeiten in Deutschland, in denen mit der sogenannten Volksaktie der Deutschen Telekom massenweise Kleinanleger geködert worden waren. Nicht alle haben die T-Aktie rechtzeitig mit Gewinn abstoßen können.
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