China Die Börse erholt sich, die Kleinanleger sind verloren

Nach Tagen großer Einbrüche ziehen Chinas Aktien wieder an. Der Crash ist damit aber nicht zu Ende, zu lange hatte Peking den Boom angeheizt. Zurück bleiben Kleinanleger, die viel Geld verloren haben und kaum verstehen, was passiert ist.

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Von , Peking


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Von allen Monumenten, die sich die Weltmacht China selbst errichtet hat, ist die Börse der Zehn-Millionen-Stadt Shenzhen eines der gewaltigsten: ein Wolkenkratzer aus schwarzem Granit, entworfen von Hollands Stararchitekt Rem Koolhaas. Der kolossale Bau wird von einem mächtigen Balkon umkränzt, der so weit überhängt, dass man die Spitze des 245-Meter-Turms gar nicht erkennen kann, wenn man ihm zu nahe kommt. Hier werden unter anderen die Aktien des Chinext gehandelt, Chinas Technologie-Index.

Auf dem Platz vor der Börse ist eine Bronzeplastik zweier kämpfender Stiere aufgestellt, gegen die sich der berühmte Bulle vor der New Yorker Stock Exchange wie ein Kälbchen ausnimmt. Gerade geht der Börsentag zu Ende, ein Mann springt auf den Sockel, um sich vor der Skulptur fotografieren zu lassen: Er muss erst auf den Vorderlauf eines der Bullen klettern, um ihm auch nur bis an die Hörner zu reichen.

Bronzeskulptur vor der Börse in Shenzhen: Monumentale Bauten
Jonathan Browning

Bronzeskulptur vor der Börse in Shenzhen: Monumentale Bauten

Das große China und der kleine Mann. Was vor vier Wochen wie ein kleines Tief begann und sich seither zu einem schweren Börsencrash entwickelt hat, wirft ernste Fragen auf über die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und die Menschen, die es in dieser Wirtschaft zu jenem "bescheidenen Wohlstand" bringen wollen, den ihnen die Kommunistische Partei verspricht.

Am Donnerstag sah es so aus, als habe die Regierung einen Sieg errungen: Nach Tagen dramatischer Kurseinbrüche erholten sich die Aktien: Die Börse in Shenzhen schloss mit 4,25 Prozent im Plus, in Shanghai mit plus 5,76 Prozent. Die Maßnahmen, mit denen die Regierung seit Ende Juni gegen den Absturz kämpft, schienen zu wirken: die Senkung der Zinsen und der Börsengebühren, die Freigabe staatlicher Hilfskredite, die Mobilisierung der Zentralbank, die vorübergehende Aussetzung weiterer Börsengänge. "Die Abwehrschlacht zeigt erste Erfolge", schreibt die Börsenzeitung "Securities Daily", bald werde sich "die Überlegenheit unseres sozialistischen Systems" erweisen.

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Doch diesen Meldungen der Zuversicht stehen Geschichten gegenüber, die inzwischen auch ihren Weg in chinesische Medien finden und die weniger von Erfolgen als von Verzweiflung handeln: Geschichten wie die von Frau Ma aus Tongzhou bei Peking, die ihre Wohnung verkaufte und alles, was sie hatte, in Aktien investierte. Sie investierte nicht nur, was sie hatte, sondern sie lieh sich auch noch Geld, um ihren Gewinn zu steigern. Binnen zehn Tagen verlor sie ihre eigenen 700.000 Yuan (umgerechnet etwa 100.000 Euro). Hinzu kommen "einige Hunderttausend Yuan", die sie geliehen hatte, wie die "Beijing Youth Daily" berichtete. Am Mittwoch sei die Frau in dem Maklerbüro erschienen, das ihren Börsendeal abgewickelt hatte, und habe gedroht, sich von einem Hochhaus zu stürzen, wenn ihr keiner helfe.

"Was sollen solche Drohungen?" kommentierte ein Blogger namens "Lost1943" Frau Mas Geschichte: "Wer ist denn schuld, wenn du so gierig warst?"

Etwa zwei Drittel aller Chinesen, die in den vergangenen Monaten Wertpapierkonten eröffneten, haben nur acht Jahre Pflichtschule absolviert. Der kleine Mann, chinesisch "Lao Bai Xing" genannt, hatte vielfach keine Ahnung, auf was er sich mit kreditfinanziertem Spekulieren eingelassen hat. Die Regierung aber trieb den Boom voran, bis weit in den Juni hinein.

"Als ich bemerkte, wie tief die Talfahrt geht, war es bereits zu spät", sagt Wang Liping, 28, die für ein Elektronik-Unternehmen in Shenzhen arbeitet. "Ich habe gut ein Drittel meines Ersparten verloren." Ob auch sie Geld geliehen hatte, um Aktien zu kaufen, mag sie nicht sagen. Ihre Freundin Xiaojing, die sie auf dem Heimweg begleitet, tröstet sie. "Ich habe nur Glück gehabt, dass ich meine Aktien im Mai verkaufte."

Börsentafeln in Peking: Viele Kleinanleger, wenig Durchblick
AFP

Börsentafeln in Peking: Viele Kleinanleger, wenig Durchblick

Dass der chinesische Staat, der sonst an allen möglichen Stellen ins Leben seiner Bürger eingreift, nicht schon vor Wochen reagierte und die Verwundbarsten schützte, macht viele gebildete Chinesen zornig: "Man sollte Xiao Gang (den Chef der Kapitalmarktaufsicht, Anmerkung der Red.) dafür feuern", sagt ein Banker, als er die Börse in Shenzhen verlässt. Er will seinen Namen nicht nennen. "Die Regierung hätte schon vor Wochen eingreifen sollen", sagt eine Maklerin namens Mai, die ebenfalls aus dem Gebäude tritt. "Jetzt einfach den Handel mit so vielen Aktien auszusetzen, das wird die Krise nur verschleppen."

Die meisten Amerikaner und Europäer wissen, dass ihre Regierungen und ihre Banker in Finanzfragen oft nicht viel klüger sind als sie selbst - spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise vor sieben Jahren. Viele Chinesen wussten das nicht. Und wer Chinas Staatsmedien verfolgt, kann nicht den Bürgern allein die Schuld geben. Der Vertrauensbruch, den der Börsencrash in China hinterlässt, wird deshalb noch größer sein als der 2008/2009 im Westen. Das ist der Preis, den eine autoritäre Regierung dafür zahlt, dass sie die Legende nährt, immer alles besser zu wissen.

Zusammengefasst: Der Börsencrash in China trifft viele Kleinanleger. Angefeuert durch die Regierung haben Bürger während des Booms oft den Großteil ihres Vermögens in Aktien investiert. Der große Wertverlust könnte auch politische Folgen haben, wenn die Bürger das Vertrauen in die kommunistische Führung verlieren.

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Seite 1
Mindbender 09.07.2015
1. ...
Tja, verzockt würde man im Kasino wohl sagen. Pech gehabt.
Pipopax 09.07.2015
2.
So ist es nun mal wenn man Geld anlegt. Mal gewinnt man, mal verliert man. Nix zu sehen hier.
robert.c.jesse 09.07.2015
3. Weiter so.
Hat sich dass noch nicht herumgesprochen: Der Kapitalismus ist dazu verdammt, immer wieder Kapital zu zerstören, sonnst kann er nicht überleben. Genau wie der Waffenindustrie ihre Kriege braucht um die Lagerbestände loszuwerden um der NEUEN Genaration der Waffen platz zu schaffen. Sie friedlich zu entsorgen ist zu "kostspielig". Länder mit großen unbewohnten Wüstengebieten a'la Lybien, Irak, Mali und nun auch der Yemen sind hervorragend dafür geeignet...
izra_l. 09.07.2015
4. Müssen die Chinesen ihre Banken retten?
Oder sozialisieren wir die Verluste nur im Westen? Die Kommunisten tun das dem volk nicht an oder....?
Knackeule 09.07.2015
5. Die Geschichte wiederholt sich eben doch.
"Die Börse erholt sich, die Kleinanleger sind verloren". Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich glaube, das gibt es nicht nur in China. Gab es da nicht mal einen gewissen Ron Sommer von der glorreichen deutschen Telekom, der mit einem bekannten deutschen Schauspieler auf Dummenfang ging ? Und die wahrlich todsicheren Aktien der tollen Internet-Firmen ? Und jetzt wieder ebenso todsichere Aktien von Energie-Wende-Firmen ? Die Geschichte wiederholt sich eben doch.
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