Wahlkampfidee Neuer Markt: Der Traum vom schnellen Geld ist zurück

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Da ist sie wieder, die Idee vom Neuen Markt: Wirtschaftsminister Rösler bringt kurz vor der Bundestagswahl einen Finanzmarkt für junge Tech-Firmen ins Gespräch. Was sagen gefallene Börsenhelden von damals zu den Plänen?

Hamburg - Es gab mal eine kurze Zeit in Deutschland, da konnte man mit wenig mehr als einer Idee viel Geld verdienen. Diese Ära dauerte von Anfang 1997 bis zum Jahr 2000. Am Neuen Markt gingen mehr als 200 Unternehmen an die Börse, deren Geschäftsmodell häufig vor allem aus Erwartungen und Möglichkeiten bestand. Tausende von Kleinsparern entdeckten ihre Liebe zu Aktien und Technologiefirmen und spekulierten wagemutig auf den schnellen Reichtum.

Unternehmen wie EM.TV, Comroad, Gigabell oder Infomatec legten spektakuläre Pleiten aufs Parkett und erschütterten bis heute das Vertrauen der Nation in Aktieninvestments. Als der Gründer des Verkehrstechnikunternehmens Comroad, Bodo Schnabel, wegen Betrugs zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde - er hatte nicht nur ständig neue Aufträge erfunden, sondern die Kunden gleich dazu -, kommentierte ein Staatsanwalt: "Zu einem Clown gehört immer auch ein Zirkus und dieser Zirkus heißt Neuer Markt."

Der Zirkus wurde acht Jahre nach Eröffnung geschlossen, nachdem die Vorstellung rund 150 Milliarden Euro Anlegergelder gekostet hatte. Nicht nur die Kleinanlegerkultur wurde im Keim erstickt, auch kleine, junge und innovative Unternehmen haben seither kaum noch eine Möglichkeit, sich an der Börse mit Kapital zu versorgen. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), der seit einiger Zeit die Nähe zu Start-up-Unternehmern sucht, möchte das nun ändern: Ein neuer Neuer Markt, zehn Jahre nach Schließung des alten, für Firmen, die bereits einen Umsatz von 30 bis 50 Millionen Euro machen und Schwierigkeiten haben, ihr weiteres Wachstum zu finanzieren.

Intershop-Gründer stützt Röslers Vorstoß

Einen Protagonisten der alten Zeit weiß Rösler an seiner Seite: Stephan Schambach. Der Gründer des Softwareunternehmens Intershop wurde zu Zeiten des Neuen Marktes als Wunderkind gefeiert - bis die Blase platzte und der Intershop-Aktienkurs von weit über 1500 Euro auf 89 Cent fiel. Schambach verließ das Unternehmen und gründete 2004 die Softwarefirma Demandware, die Programme für den Online-Handel entwickelt - und im vergangenen Jahr erfolgreich in den USA an die Börse ging.

Immer wieder wirbt Schambach für ein Start-up-Segment an der deutschen Börse: "Mir ist es wichtig, dass die jungen Leute in Deutschland wieder eine Chance bekommen, Kapital für ihr Unternehmen einzuwerben", sagte Schambach SPIEGEL ONLINE. "Weltweit gibt es genug Risikokapital, nur fließt es derzeit in die USA oder nach China", so der 43-Jährige. In einer Art neuen Neuen Markt - Schambach vermeidet den Begriff - hätten die Wagniskapitalgeber eine vernünftige Möglichkeit, mit Gewinn auch wieder auszusteigen.

Ein anderer Veteran des (alten) Neuen Marktes ist hingegen skeptisch. Peter Kabel, einst mit seiner Multimedia-Agentur Kabel New Media steil aufgestiegen und wieder abgestürzt, hält es zwar für toll, "dass wir wieder ein Klima haben, in dem junge Leute eigene Technologiefirmen gründen", Röslers Ankündigung hält er aber eher für "populistisches Anbiedern an eine bestimmte Szene von jungen Menschen, die in Berlin und anderswo an Start-ups arbeiten." Kabel bezweifelt, dass es in Deutschland viele junge, innovative Firmen gibt, "die diese Größenordnung haben und gleichzeitig anders keine Finanzierung finden als über die Börse". Heute hätten Firmen ganz andere Möglichkeiten als vor zwanzig Jahren: "Damals gab es überhaupt kein Risikokapital - heute muss ich mich ja nur in Berlin-Mitte auf die Straße stellen und irgendeinen verrückten Plan formulieren, und schon wird es mehrere Privatinvestoren oder amerikanische Fondsgesellschaften geben, die mir mehrere hunderttausend Euro zustecken."

Börsianer halten Pläne für unausgegoren

Die Lücke zwischen der ersten Wagniskapitalmillion und der nächsten achtstelligen Summe für die Wachstumsfinanzierung ist allerdings tatsächlich groß: 2012 investierten Wagniskapitalgeber in Deutschland dem Branchenverband BVK zufolge nur gut 500 Millionen Euro. In den USA waren es fast 27 Milliarden Dollar. Die Finanzszene hält trotzdem nicht viel von Röslers Vorschlag: Die Kosten für einen Börsengang und die damit verbundenen Veröffentlichungspflichten seien für kleine Firmen viel zu hoch, die Pläne seien nicht richtig durchdacht. Einen Monat vor der Bundestagswahl dürfe man das aber auch nicht so ernst nehmen.

Laut Wirtschaftsministerium stehen die Gespräche mit Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni (der 1997 für die Einführung des Neuen Markts zuständig war) noch ganz am Anfang - sollen aber "zügig fortgeführt werden". In Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Start-ups berate man zudem darüber, "wie Fehlentwicklungen des damaligen Marktes entgegengewirkt werden kann".

Zu dieser Frage könnte Rösler sich allerdings auch in der eigenen Partei beraten lassen: Ex-FDP-Generalsekretär Christian Lindner hat seine ganz eigene Neuer-Markt-Erfahrung. Mit dem Unternehmen Moomax wollte Lindner im Jahr 2000 sogenannte Avatare, virtuelle Einkaufshelfer im Internet verkaufen. Über eine Wagniskapitalgesellschaft bekam die Firma rund eine Million Euro staatliche Gelder aus dem Topf der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Lindner soll damals im Porsche zur Uni gefahren sein. Bis zum Börsengang hat er es nicht geschafft. Als der Neue Markt zusammenbrach, ging 2001 auch Lindners Firma pleite.

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1. Ich gehe davon aus...
superfake2012 19.08.2013
... dass sich die FDP dort dann aus Staatsgeldern neue "Leistungstträger" züchtet, die 1,4 Millionen Euro verbrennen und dann zur neuen Hoffnung der Partei werden, wo sie unter anderem eben diesen Staat zum Sparen aufrufen...
2. FDP? Unwählbar!
weltfrieden_jetzt 19.08.2013
Die FDP beweist einmal wieder Eindrucksvoll, dass nichts dazu gelernt wurde. In einer Endlosschleife werden falsche Wirtschaftsmechanismen gepredigt, die weder den Firmen noch den Anlegern helfen, die einzigen die daran wieder verdienen sind die Banken. Wacht endlich auf, FDP'ler und begreift endlich die Realität, Geld arbeitet nicht und verdient auch kein Geld!
3. Neuer Markt macht Sinn
u.loose 19.08.2013
jedenfalls mehr als als z.B. die sogenannte Energiewende die ja nur Milliarden verbrannt hat und keine Chance auf einen Gewinn hat... Alles eine Frage ob mögliche Investoren ihre "Gier" im Zaum halten können... Hilfreich, wenn nicht unabdingbar wäre allerdings die Besteuerung von privaten Aktienanlegern... Zumindest die Haltefristen sollten wieder aktiviert werden.
4. Neuland für die Politiker
Student-Inf 19.08.2013
es gibt sowas wie Crowdfounding, lieber Herr Rösler, damit können Start UPS Geld einsammeln. der Unterschied ist nir, dass die Unterstützer etwas mehr als nur Aktien von den Firmen zurückbekommen.
5. Rösler vs.
Blaufrosch 19.08.2013
Ergänzen sich doch prima die beiden Modelle.... Rösler ist verspricht viel und hält nix, der neue Markt macht ein übriges. Beides ist genauso entbehrlich wie die FDP als Partei. Danke Herr Rösler! Bitte noch mehr von diesen panischen neoliberalen Ideen....
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