London/Frankfurt am Main - Die britische Regierung könnte mit ihrer Bonussteuer Milliarden einnehmen. Das lässt sich nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters unter anderem aus Angaben der Deutschen Bank ableiten. Das Institut rechnet mit Kosten von 225 Millionen Euro für die Abgabe.
Die Verknüpfung hoher Boni mit kurzfristigen Gewinnzielen gilt als eine Ursache der Krise. Die Labour-Regierung hatte eine Steuer von 50 Prozent auf alle Boni in der Finanzbranche über 25.000 Pfund, umgerechnet rund 28.000 Euro, eingeführt. Damit sollen die Banker stärker an den Kosten der Finanzkrise beteiligt werden. Die Strafsteuer ist zunächst bis April begrenzt. Polit-Analysten werten ihre Einführung als populistische Maßnahme.
Die Deutsche Bank legte in dieser Woche als erstes Institut offen, wie viel es für die 50-prozentige Steuer auf Prämien über 25.000 Pfund zurücklegt. Ein Sprecher wollte zwar nicht sagen, wie viele der 8000 Banker in London in diese Kategorie fallen. Doch laut Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters ergibt sich im Schnitt eine Steuerlast von 25.000 Pfund pro Mitarbeiter. Bei insgesamt mehr als 75.000 Investmentbankern am Finanzplatz London könnte der britische Staat damit für 2009 auf Einnahmen von mindestens zwei Milliarden Pfund, umgerechnet gut 2,3 Milliarden Euro, hoffen.
Damit würden die ursprünglichen Einnahmeschätzungen der britischen Regierung von 550 Millionen Pfund deutlich übertroffen. "Möglicherweise können sie sogar bis zu vier Milliarden Pfund einnehmen", sagte Jon Terry von der Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers. Die genaue Summe sei aber schwer zu schätzen. Experten gehen davon aus, dass reine Investmentbanken wie Goldman Sachs im Schnitt höhere Boni als die Deutsche Bank zahlen. Gleichzeitig unterliegen aber teilverstaatlichte Häuser wie die Royal Bank of Scotland und die Citigroup Beschränkungen bei der Vergütung.
"Weniger erfolgreich ist die Regierung mit dem ursprünglichen Ziel, die Boni deutlich zu reduzieren", betonte Terry. Auch dies zeigt das Beispiel Deutsche Bank: Vorstandschef Josef Ackermann machte deutlich, dass die Last der Steuer von Aktionären und Mitarbeitern geteilt werde. Die Abgabe setzt bei den Bonus-Pools an und muss von der Bank abgeführt werden. Als Reaktion auf die Steuer reduzierte das Institut zwar diesen Pool und damit die Bankerprämien weltweit, aber nicht so stark, um die zusätzlichen Kosten komplett auszugleichen.
Beispielloser Lobbystreit
In Londons Finanzbranche gab es wegen der Boni-Strafsteuer im Dezember massiven Ärger. Zeitungsberichten zufolge drohte JP-Morgan-Chef Jamie Dimon dem englischen Schatzminister Alistar Darling sogar am Telefon: Einem Insider zufolge soll er auf JP Morgans Plan hingewiesen haben, in Londons Stadtteil Canary Wharf eine neue Firmenzentrale zu bauen. Wert des Prestigeprojekts: 1,5 Milliarden Pfund. Der Bau der Firmenzentrale sei ein Beweis für JP Morgans Engagement in London, soll Dimon gesagt haben.
Die "Financial Times" interpretierte Dimon Aussagen als implizite Drohung, das Projekt platzen zu lassen. Der Bankchef habe zudem betont, dass JP Morgan in England bereits Steuern zahle und von der englischen Regierung kein Geld erhalten habe, um sich zu sanieren. Ein JP-Morgan-Sprecher bestätigte das Telefonat, betonte aber, Dimon habe Darling nicht gedroht.
Andere Banker machten ihrem Unmut lautstark in den Medien Luft. Finanztalente drohen mit dem Exodus aus Englands Hauptstadt. In den vergangenen zwölf Monaten seien bereits 500 Finanzmanager auf die britischen Kanalinseln geflohen, berichtete etwa der "Daily Telegraph".
Politiker nahmen das Protestgeschrei bislang allerdings kaum ernst. Auch Experten rechnen nicht damit, dass der Finanzplatz London bedroht ist. Selbst wenn nun einige hundert vor der Steuer fliehen sollten, was längst nicht sicher ist, macht das keinen großen Unterschied. In der City arbeiten über eine Million Menschen - und Ökonomen erwarten laut "Financial Times" in den nächsten zwei Jahrzehnten eine Verdopplung dieser Zahl.
ssu/Reuters
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