Boom nach der Krise IT-Firmen feiern Deutschlands Aufschwung

Die Finanzkrise hat Deutschlands IT-Unternehmen das Geschäft verhagelt, umso stärker ist jetzt der Aufschwung. Infineon und Co. melden exzellente Zahlen, der Branchenverband Bitkom sagt ein kräftiges Wachstum voraus. Wie dauerhaft ist der Boom?

Chipherstellung in Deutschland: So richtig trauen die Firmen dem Aufschwung noch nicht
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Chipherstellung in Deutschland: So richtig trauen die Firmen dem Aufschwung noch nicht

Von Jan Willmroth


Hamburg - Christiane Strasse hat die Wirtschaftskrise live gesehen. Die Hamburger Unternehmerin vermittelt auf ihrer Internetseite IT-Fachkräfte an Firmen. Im vergangenen Jahr meldeten sich deutlich mehr Leute an als Projekte ausgeschrieben waren - es gab zu wenige Jobs.

Inzwischen ist es genau umgekehrt: Aktuell gibt es fast doppelt so viele Projekte wie Jobsuchende. Für all die kleinen bis mittelgroßen Unternehmen, die sich bei Christiane Strasse nach Fachkräften umsehen, sind einfach nicht genügend Experten da. "Momentan klagen viele, dass sie keine Leute finden", sagt Strasse. An ihren Statistiken kann sie ablesen, wie es der Branche geht - ein Mikrokosmos der Konjunktur.

Strasse arbeitet in einer Branche, die die Krise hart getroffen hat und die jetzt wieder in Fahrt kommt. Der High-Tech-Verband Bitkom rechnet für 2010 mit einem Wachstum von 1,4 Prozent im gesamten IT-Sektor - nach 4,3 Prozent Minus 2009. "Der deutsche IT-Markt dürfte vom überraschend starken Wachstum der Gesamtwirtschaft profitieren", sagt Sprecher Maurice Shahd. Tatsächlich ist die gesamte deutsche Wirtschaft im ersten Halbjahr so stark gewachsen wie seit Jahren nicht. Weit mehr als zwei Drittel der IT- und Hightech-Unternehmen rechnen nun mit steigenden Umsätzen.

Der Index, mit dem Bitkom die Umsatzerwartungen in dem Sektor misst, stürzte im vergangenen Jahr ab - jetzt liegt er schon über dem Vorkrisenniveau. 2010 soll das Jahr der Trendwende werden, 2011 das Jahr des deutlichen Wachstums, prophezeit der Verband.

Allerdings: So richtig wollen die Firmen dem Aufschwung noch nicht trauen. "Wie viel davon tatsächlich hängenbleibt, kann noch niemand abschätzen", sagt Shahd. Der Grund: Die IT-Branche hängt stark von anderen Wirtschaftszweigen ab. Sie ist kein klassischer Konjunkturtreiber, sondern profitiert vom Aufschwung anderer. Das heißt: So schnell wie es runtergeht, kann es auch wieder raufgehen - und umgekehrt.

Beispiel Infineon Chart zeigen: Das Halbleiterunternehmen ist als "Frühzykliker" bekannt, es spürt Konjunkturbewegungen sofort. Als der vormals zum Konzern gehörende Speicherchipspezialist Qimonda 2009 pleiteging, traute auch Infineon kaum noch einer über den Weg. Der Aktienkurs rutschte von mehr als fünf Euro auf unter 50 Cent, die Aussichten waren düster. Und heute?

Das größte Problem: Fachkräftemangel

Mittlerweile hat sich der Aktienwert wieder verzehnfacht, der Umsatz 2010 soll um mehr als 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr steigen und die Fertigungsanlagen des Konzerns sind zu 90 bis 100 Prozent ausgelastet. Keine Spur mehr von Krise oder Preisverfall. "Viele Kunden konnten im vergangenen Jahr nicht sagen, wie es weitergeht", sagt eine Konzernsprecherin. Die meisten seien "auf Sicht gefahren", hätten nur kurzfristig geplant. Jetzt boomt der Autoabsatz in Fernost - und damit die Fertigung bei dem Münchner Chipspezialisten. Gefragt sind auch Halbleiter für Antriebe in Zügen, für Mobilkommunikation, für Photovoltaik und Antriebe in Windkraftanlagen.

Ein Problem allerdings treibt Infineon wie die gesamte Branche um: der Fachkräftemangel. Er gilt vielen Unternehmen als größtes Wachstumshemmnis. Mehr als die Hälfte aller IT-Firmen will laut Bitkom in diesem Jahr neue Leute einstellen. Rund 20.000 offene Stellen gab es im Juli. "Der Aufschwung kam schneller als wir erwartet hatten", sagt Bitkom-Chefvolkswirt Axel Pols.

Dabei sind die Konjunktureffekte noch nicht überall so deutlich zu spüren wie bei den Chipherstellern. Viele Segmente ziehen gerade erst an, wie etwa Software-Herstellung und IT-Dienstleistungen. Deswegen dürfte die Branche erst 2011 wieder so richtig wachsen.

Und was, wenn doch alles anders kommt? Christiane Strasse hat mit ihrer Internetseite sowohl Boomphasen als auch Krisenzeiten erlebt - zum Beispiel nach dem Platzen der Internetblase. Entsprechend vorsichtig ist sie nun. "Von einer Jubelstimmung in der Branche kann man derzeit nicht sprechen", sagt sie. Die Stimmung sei gut, doch der unerwartet starke Aufschwung mache viele auch misstrauisch. "Wir haben schon zu oft erlebt, dass nach der Euphorie ein Absturz folgt."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
QuixX, 25.08.2010
1. Wortschöpferli
Zitat von sysopDie Finanzkrise hat Deutschlands IT-Unternehmen das Geschäft verhagelt, umso stärker ist jetzt der Aufschwung. Infineon und Co. melden exzellente Zahlen, der Branchenverband Bitkom sagt ein kräftiges Wachstum voraus. Wie dauerhaft ist der Boom? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,713295,00.html
Bis zum nächsten Patzer der Pekunitive. Die Übermacht von Exeku-, Judika- und Legislative.
myoto 25.08.2010
2. Jaja, die lieben Fachkräfte wieder (alle ins Ausland vergrault worden..)
Zitat von sysopDie Finanzkrise hat Deutschlands IT-Unternehmen das Geschäft verhagelt, umso stärker ist jetzt der Aufschwung. Infineon und Co. melden exzellente Zahlen, der Branchenverband Bitkom sagt ein kräftiges Wachstum voraus. Wie dauerhaft ist der Boom? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,713295,00.html
Bis wieder outgesourct wird. Eigene "Fachkräfte" ausbilden und anständig bezahlen. Dann klappts auch mit den Aufträgen. Und wenn möglich die Angestellten mit Respekt und wenns noch irgendwie geht auch wie Menschen behandeln, nicht als "Objekte" die bloß nicht mehr als 1 Euro pro Stunde kosten dürfen.
distributer 25.08.2010
3. Fachkraeftemangel?
Warum wird Siemens dann im naechsten halben Jahr ca. 2000 Stellen in Deutschland abbauen? Alleine vier Leute aus unserem Serverteam werden wohl nach Hause geschickt, die dort seit Jahren arbeiten und ihren Job gut machen. Wenn die Lage so gut waere, wuerde man diese Fachkraefte sicher woanders einsetzen. Ansonsten kann ich nicht viel sagen, die IT Branche ist schon immer sehr von Fluktuation betroffen gewesen. Das ist irgendwie Teil des Berufs, wie im Artikel erwaehnt wird auch meistens nur ueber kurze Zeit in Projekten gearbeitet.
franklinber, 25.08.2010
4. Aufschwung
dank Beschiss am Kunden! Kaum eine IT Firma hält sich an geltende Gesetze, Vorsicht vor deutschen Notebook Lieferanten aus dem Raum Frankfurt, inkompetent, Betrügen die Kunden niemals Bull... kaufen
QuixX, 25.08.2010
5. Lieber Abstriche an Erfahrung und Qualifikation
Zitat von distributerWarum wird Siemens dann im naechsten halben Jahr ca. 2000 Stellen in Deutschland abbauen? Alleine vier Leute aus unserem Serverteam werden wohl nach Hause geschickt, die dort seit Jahren arbeiten und ihren Job gut machen. Wenn die Lage so gut waere, wuerde man diese Fachkraefte sicher woanders einsetzen. Ansonsten kann ich nicht viel sagen, die IT Branche ist schon immer sehr von Fluktuation betroffen gewesen. Das ist irgendwie Teil des Berufs, wie im Artikel erwaehnt wird auch meistens nur ueber kurze Zeit in Projekten gearbeitet.
Woanders setzt man lieber neue Fachkräfte ein, die - ohne Berufserfahrung - nur 2/3 kosten. Besser noch: ohne Diplom. Da findet man schon für geringe Löhne viel Dankbarkeit.
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