BP-Boss Tony Hayward Abgang des Katastrophenchefs

Von der Lichtgestalt zum Gesicht der schwarzen Pest: Tony Haywards Karriere, über drei Jahrzehnte musterhaft, wurde in nur drei Monaten zerstört - weil sein Krisenmanagement im Golf von Mexiko komplett versagte. SPIEGEL ONLINE dokumentiert Aufstieg und Absturz des BP-Bosses.

Von

Scheidender BP-Chef Hayward (im April): Eine letzte, verheerende Quartalsbilanz
AP

Scheidender BP-Chef Hayward (im April): Eine letzte, verheerende Quartalsbilanz


Hamburg - Meisterreformer, Macher, goldener Junge: Noch vor wenigen Monaten hatte Tony Hayward viele wohlwollende Spitznamen. Er galt als Lichtgestalt der Energiebranche, als Über-Manager, der BP, dem Ex-Konzern des British Empire, eine große, strahlende Zukunft eröffnet.

Inzwischen gibt es für Hayward neue Spitznamen. Man nennt ihn jetzt den Katastrophenchef, Amerikas Sündenbock, das Gesicht der schwarzen Pest. Niemand personifiziert die Ölpest im Golf von Mexiko so sehr wie er. Politiker, Medien und all die Menschen, deren Lebensgrundlage unter BPs Ölteppich erstickt, dreschen auf ihn ein.

Nun zog BP Konsequenzen aus der Katastrophe: Der Aufsichtsrat segnete Haywards Rücktritt zum 1. Oktober ab, der Wechsel wurde am frühen Dienstag vor Öffnung der Londoner Börse bekannt gegeben.

Tony Haywards Niedergang ist in vieler Hinsicht beispiellos. Sein Ruf: ruiniert. Seine Konzernvision: spektakulär gescheitert. Seine Karriere bei BP, die er seit 1982 mit eben so viel Esprit wie Ellenbogenarbeit aufbaute: binnen Monaten zerstört. Der Absturz vom Meisterreformer zum Mega-Versager dauerte gerade ein Geschäftsquartal:

  • Am 27. April, wenige Tage nach der Explosion der "Deepwater Horizon", präsentierte Hayward einen Rekordgewinn von 5,6 Milliarden Dollar für das erste Quartal. Der Konzern feierte ihn als goldenen Jungen.
  • Am Dienstagmorgen präsentierte BP die aktuelle Quartalsbilanz. Es ist Haywards letzte - und sie fällt mit einem Verlust von 17 Milliarden Dollar miserabel aus. Erstmals seit 1992 meldete der Konzern überhaupt einen Verlust. Mit all den Kosten für Bußgelder, Schadensersatzklagen, Förderausfälle und Aufräumarbeiten wird sich sein Nachfolger herumschlagen müssen.

SPIEGEL ONLINE zeigt Aufstieg und Absturz des Tony Hayward:

Haywards BP ist wohl nicht zuletzt daran gescheitert, dass der Boss selbst nicht mit dem Schlimmsten rechnete. Hunderte Kilometer vor der Küste, Tausende Meter in der Tiefe bohrt BP nach Öl - es ist ein Rohstoff-Roulette in der Tiefsee. Doch aus dem Konzern ist zu hören, dass eine Katastrophe wie die der "Deepwater Horizon" als fast unmöglich galt. Offenbar hatte diese Denkweise negative Auswirkungen auf die Sicherheitspolitik.

Schon unter Haywards Vorgänger Lord Browne verletzte BP Sicherheitsstandards, und Hayward selbst erlebte bei dem Desaster im größten Ölfeld Alaskas, der Prudhoe Bay, welch verheerende Folgen das für den Konzern hat. 800.000 Liter Öl versickerten 2006 wegen mangelhafter Pipelines im Boden. "Mit der Genauigkeit eines Lasers" versprach Hayward, die Probleme nach seinem Amtsantritt auszumerzen. Es blieb ein reines Lippenbekenntnis.

So geht aus einer Anhörung der US-Regierung hervor, dass auf der "Deepwater Horizon" schon Monate vor dem Unglück ein wichtiger Alarm außer Funktion gesetzt wurde. Laut "Wall Street Journal" verwendet BP in jedem dritten Tiefseebohrloch Technologien, die US-Behörden als riskant einstufen. Und laut "Newsweek" hat BP in den vergangenen drei Jahren insgesamt mit 760 Verletzungen von Sicherheitsstandards für Schlagzeilen gesorgt.

Auch erschloss Hayward keine neuen Geschäftsbereiche. Sein Vorgänger Browne hatte noch Investitionen in den Bereich der erneuerbaren Energien vorangetrieben, um sich langfristig vom Geschäftsfeld der fossilen Energieträger zu lösen. Motto: "beyond petroleum". Hayward verfolgte diese Strategie nur halbherzig weiter. Unter seiner Ägide stand BP eher wieder für "British Petroleum" - für den Öldurst der westlichen Welt, der letztlich zur bisher größten Ölkatastrophe Nordamerikas führte.

Nachfolger Robert Dudley muss nun Folgen der Krise managen, US-Regierung und Aktionäre beruhigen - und er wird wohl bald die Post-Hayward-Ära einläuten, indem er eine neue Konzernstrategie präsentiert.

Hoffentlich spielen Sicherheit und Nachhaltigkeit dann eine größere Rolle.

Die Verbalausfälle des Tony H.

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
favela lynch 27.07.2010
1. Makel
Vielleicht erscheint es ja nur so, aber man kann sich dem Eindruck einer gewissen Signifanz nur schwer erwehren: Diese "makellosen" Biographien der führenden Protagonisten aus Konzernen und Banken sind unter allen Umständen fortzuschreiben. Ein Problem muss daher grundsätzlich abgewehrt und abgeschwächt werden, da es einen potenziellen Makel darstellen könnte. Es wird eben nicht als Herausforderung gesehen, sondern als Gefahr, für die rechtzeitig ein Schuldiger bestimmt werden muss: Identify the man for the shit. Die Angst vor einem Makel führt zu völliger Handlungsunfähigkeit. Ähnliches gilt für die Protagonisten aus der Politik.
marvinw 27.07.2010
2. Die ewig gestrigen Märchen
---Zitat--- Tony Haywards Karriere, über drei Jahrzehnte musterhaft, wurde in nur drei Monaten zerstört. SPIEGEL ONLINE dokumentiert Aufstieg und Absturz des BP-Bosses. ---Zitatende--- Vom Absturz oder der Zerstörung der Karriere kann nicht die Rede sein. Das sind Märchen für Öffentlichkeit damit sie Zufriedenheit verspüren. Es wird nicht mal 3 Wochen dauern dass der Herr woanders als Manager sitzt. Es ist für niemanden ein Geheimnis dass Manager keinem Wettbewerb unterstehen und nur noch eine korrupte geldgeile Kaste darstellen.
eikfier 27.07.2010
3. Danke
Zitat von sysopVon der Lichtgestalt zum Gesicht der schwarzen Pest: Tony Haywards Karriere, über drei Jahrzehnte musterhaft, wurde in nur drei Monaten zerstört - weil sein Krisenmanagement im Golf von Mexiko komplett versagte. SPIEGEL ONLINE dokumentiert Aufstieg und Absturz des BP-Bosses. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,708541,00.html
...daß mit Ihrem "musterhaft" hat mich elektrisiert: da haben Sie für mein Empfinden mit knappen Worten ein allgemeines Riesenproblem bei uns Menschen meisterhaft ausgedrückt. Und ich habe sofort an uns Deutsche gedacht: 12 Jahre Nazizeit haben 1000 "musterhafte" oder bescheidener: "positive" Jahre zunichte gemacht... Danke für die Formulierung! P.S.: mit BP sollten wir also etwas nachsichtiger sein, meine ich...
IchOnline 27.07.2010
4. Oops!
---Zitat von SPON--- Hunderte Kilometer vor der Küste, Tausende Kilometer in der Tiefe bohrt BP nach Öl [...] (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,708541,00.html) ---Zitatende--- Na ja, "Tausende Kilometer" tief würden die sicher auch bohren, wenn sie könnten... ;)
kev1n 27.07.2010
5. ...
Zitat von sysopVon der Lichtgestalt zum Gesicht der schwarzen Pest: Tony Haywards Karriere, über drei Jahrzehnte musterhaft, wurde in nur drei Monaten zerstört - weil sein Krisenmanagement im Golf von Mexiko komplett versagte. SPIEGEL ONLINE dokumentiert Aufstieg und Absturz des BP-Bosses. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,708541,00.html
klingt nach bild, taff oder explosiv! Schade das sich der SpOn zu solchen Formulierungen hinreißen lässt. Erreicht man ohne Worte wie 'Macher', 'Katastrophenchef', 'Amerikas Sündenbock' oder 'Absturz' nicht mehr genug Interessierte? in diesem Sinne: Spenden wir ein wenig für den sicher unvermögenden, abgestürzten Tony. Etwas mehr Objektivität würde mir sehr gefallen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.