BP-Boss Tony Hayward Der Katastrophenchef

Leugnen, ablenken, schönfärben: Seit der Explosion der Bohrinsel im Golf von Mexiko erzürnt BP-Boss Tony Hayward die Öffentlichkeit mit bizarren Ausflüchten. SPIEGEL ONLINE hat die Verbalschnitzer des Konzernchefs gesammelt - der beim Kampf gegen das Öl jetzt endlich erste Erfolge meldet.

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Hamburg - Als hätte BP nicht schon genug Probleme: Der Konzern kämpft mit der größten Ölkatastrophe der US-Geschichte. Der Börsenwert des Unternehmens hat sich um mehr als 50 Milliarden Euro reduziert, erste Analysten fürchten eine feindliche Übernahme. Hunderte Menschen und Unternehmen wollen BP verklagen, das Firmenimage ist schwer beschädigt, und US-Präsident Barack Obama ist sauer.

Das alles wäre wahrhaftig schon genug. Doch BP kämpft noch mit einem weiteren Problem, und das ist diesmal hausgemacht: Die Öffentlichkeitsarbeit von Konzernchef Tony Hayward ist schockierend schlecht. Neben der Umweltkatastrophe erschüttert BP eine beispiellose PR-Katastrophe.

Seit die Bohrinsel "Deepwater Horizon" explodierte und im Meer versank, hat Hayward die Öffentlichkeit ein knappes Dutzend Mal erzürnt - meist mit durchschaubaren Schönfärbereien. Am 14. Mai etwa sagte der BP-Chef: "Der Golf von Mexiko ist ein sehr großer Ozean." Die Menge an Öl und Chemikalien, "die wir dort hineintun, ist winzig im Vergleich zur gesamten Wassermenge".

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Ölpest: Sisyphosarbeit am Golf von Mexiko

Ein anderes Mal schockierte Hayward mit taktlosen Äußerungen über Leben und Tod. Elf Menschen kamen bei der Explosion der "Deepwater Horizon" vermutlich ums Leben, zahllose Vögel, Fische, Pelikane, Meeresschildkröten und Delfine starben im Ölteppich. Hayward hielt das nicht davon ab zu sagen: Es gebe niemanden, der sich stärker wünsche, dass die Ölkatastrophe ein Ende finde. "Ich möchte mein Leben zurück." Später entschuldigte er sich.

Die Verbalausfälle des Tony H.

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Mit solchen Verbalausfällen macht sich Hayward viele Feinde. Dazu erntet der BP-Boss Kritik für sein Krisenmanagement. Zahllose gescheiterte Rettungsaktionen dokumentieren, wie machtlos BP gegen das Ölleck in rund 1600 Metern Tiefe ist. Umweltschützer stilisierten den verzweifelte Kampf am Meeresgrund zum Sinnbild für die gefährliche Energiegier, zum Mahnmal gegen die technische Hybris der Menschheit.

Hayward, wie er erklärt, dass BP riesige Stahl-Sombreros über die Lecks stülpen wolle. Hayward, wie er giftige Chemikalien verteidigt, die das Öl unter Wasser zersetzen sollen. Hayward, wie er die Aktion "Top Kill" preist, bei der Spezialschlamm, Gummireste und Faserabfälle in das Leck gestopft werden.

Jedes Mal verbreitete der BP-Chef Zuversicht, die Ölpest bald zu stoppen - selbst dann, wenn Wissenschaftler den Rettungsversuchen kaum Erfolgschancen gaben. Jedes Mal musste Hayward hinterher sein Scheitern einräumen. Das Leck am Meeresgrund wurde seine Amfortas-Wunde, ein unvergängliches, immer wieder aufbrechendes Leiden.

Rücktritt? I wo!

Jetzt endlich macht der Kampf gegen das Öl erste Fortschritte. Am Donnerstag hatte BP mit Unterwasser-Robotern einen Trichter samt Saugrüssel auf die gekappte Steigleitung des defekten Bohrlochs gestülpt. Nach Angaben der US-Küstenwache hat dieser innerhalb von 24 Stunden rund 950.000 Liter Öl eingefangen, das wäre knapp ein Drittel der täglich ausströmenden Menge.

Hayward selbst nannte am Sonntag weit höhere Zahlen. Der Auffangbehälter leite nun täglich mehr als 1500 Tonnen Öl sicher auf ein Schiff, sagte er dem TV-Sender BBC. Ein Live-Video vom Meeresgrund dagegen zeigt, dass nach wie vor Öl direkt ins Meer fließt. Und auch wenn das Öl inzwischen teilweise abgesaugt wird - geschlossen ist das Leck damit noch lange nicht.

Im Fernsehen gibt Hayward den Unbeirrbaren. Einen Grund zum Rücktritt sieht er nach eigenen Angaben nicht. "Es ist mir nicht in den Sinn gekommen", sagte er dem "Sunday Telegraph". Er denke nicht daran, zurückzutreten.

Doch verstehe er die weit verbreitete Enttäuschung darüber, dass das Ölleck am Meeresgrund mehr als sechs Wochen nach der Explosion der Bohrinsel "Deepwater Horizon" noch immer nicht geschlossen ist. Er selbst sei darüber auch wütend und enttäuscht.

insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
Naturhuf 06.06.2010
1. !!
Aber klar doch....das machen doch alle Konzerne/Grossbetriebe/Politiker, wenn sie in die Enge getrieben werden.....kann mich noch gut an die selben verbalen Ausflüchtungen der Wallstreetbosse erinnern und auch der Politiker, als es um die Rezessionswarnungen ging .....jede Menge Galaber, um die Leute zu verwirren.....
mischamai 06.06.2010
2. Enteignen
Dieses wohl größte Umweltverbrechen in letzter Zeit sollte eigentlich ausreichen ein verbrecherisches Unternehmen wie BP zu enteignen.Die Aktionäre noch mit Dividenden zu überhäufen zeigt auf auf welch krimineller Ebene man sich befindet.
johannes.labisch 06.06.2010
3. uff
Ich denke, die Bosse der anderen Ölfirmen sind im Moment einfach nur froh, dass es eine andere Firma erwischt hat,
Gandhi, 06.06.2010
4. BP enteignen?
Zitat von mischamaiDieses wohl größte Umweltverbrechen in letzter Zeit sollte eigentlich ausreichen ein verbrecherisches Unternehmen wie BP zu enteignen.Die Aktionäre noch mit Dividenden zu überhäufen zeigt auf auf welch krimineller Ebene man sich befindet.
Das wird kaum weitere Schlamperei verhindern. Wirkungsvoller waere es, die Verantwortlichen (die, die die grossen Gehaelter und Boni einstreichen) mal aus dem Verkehr zu ziehen, sie im Gefaengnis nachdenken lassen. Vielleicht, aber nur vielleicht, erkennt dann der eine oder andere, dass sein Handeln kriminell war/ist.
puter70 06.06.2010
5. Bp...
...hat den GAU im Ozean durch Schlamperei, massive Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften verursacht, 11 Menschen, tausende von Vögeln, Fischen und anderen Meeres-Lebewesen auf dem Gewissen, die Existenz zahlreicher vom Meer lebender Menschen vernichtet und zahlt 10 Milliarden Dividende! Das ist ein unfassbarer Skandal und dieser Desaster-Chef verharmlost in unverfrorener Weise sein Versagen, man sollte ihn festnehmen und ihn, seine unfähigen Manager zu lebenslanger Aufräum- u. Reinigungsarbeit an den von ihnen versauten Küsten verurteilen.
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