Branchensterben Jeden Tag macht eine Bäckerei dicht

Siechtum eines Handwerks: Vor 50 Jahren gab es in Deutschland noch etwa 55.000 Bäckereien. Inzwischen sind es nur noch rund 14.500. Und angesichts der Konkurrenz von Discountern und fehlendem Nachwuchs machen noch immer mehr als 400 Betriebe pro Jahr den Ofen aus.

Traditionsbäckerei: Die Branche hat fast 70.000 Mitarbeiter
DPA

Traditionsbäckerei: Die Branche hat fast 70.000 Mitarbeiter


Bochum - Eine Branche verschwindet langsam, aber anscheinend sicher: Jeden Tag schließt nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks statistisch gesehen irgendwo in Deutschland eine Bäckerei. Rund 14.500 traditionell arbeitende Betriebe gebe es zur Zeit noch. Das sagte Heribert Kamm, der Vorsitzender des Bäckerinnungs-Verbands Westfalen-Lippe ist.

Vor einem halben Jahrhundert existierten noch fast viermal so viele Bäckereien in Deutschland - etwa 55.000. Jährlich verschwinden rund drei Prozent der Betriebe - statistisch also 1,2 Bäckereien jeden Tag.

Die Ursachen seien vielfältig und lägen zum Beispiel in den veränderten Einkaufs- und Verzehrgewohnheiten der Deutschen, sagte Kamm. "Was früher das Abendbrot war, ist heute eben vielerorts die gelieferte Pizza oder Fast Food". Außerdem hätten viele Betriebe wirtschaftliche Probleme und Nachwuchssorgen. "Wenn ich meinem Sohn nicht nachweisen kann, dass er einen wirtschaftlich profitablen Betrieb bekommt, dann sagt der doch, ich mache etwas anderes, wo ich Freitagmittag nach Hause gehen kann."

"Es findet ein Backvorgang statt"

Auch die Konkurrenz von Supermärkten und Discountern nehme immer stärker zu. Gegen den Discounter Aldi Süd hatte der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks vor wenigen Tagen Klage wegen irreführender Werbung eingereicht. Die Werbung für gebackenes Brot und Brötchen frisch aus dem Ofen sei eine Verbrauchertäuschung. Aldi weist die Kritik zurück. In dem "Backofen", mit dem schrittweise mehr als 1780 Filialen in Süd- und Westdeutschland ausgerüstet werden sollen, finde "ein Backvorgang statt", heißt beim Lebensmitteldiscounter.

"Backen bedeutet, dass es bei einer Kerntemperatur von rund 70 Grad zu einer Verkleisterung von Eiweiß kommt. Das ist nach unseren technologischen Vorstellungen in drei Minuten nicht möglich", widersprach Kamm. "Einen Kuchen holt man doch auch nicht nach drei Minuten aus dem Ofen."

Trotz aller Schwierigkeiten ist sich der Verbandschef sicher: Das Bäckerhandwerk hat Zukunft. 69.500 Mitarbeiter und 7300 Auszubildende sind in der Branche beschäftigt. "Mir hat man schon vor 40 Jahren gesagt, dass sei ein sterbendes Handwerk, und ich bin immer noch da", sagte Kamm, der in Hagen selbst einen Betrieb mit rund 30 Mitarbeitern leitet. Den Supermärkten und Discountern müsse man Qualität entgegensetzen. "Wir müssen einfach immer besser werden, damit es die Anderen immer schwerer haben."

böl/dpa



insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
Transmitter, 24.07.2010
1. Da sterben noch ganz andere vor sich hin. . . .
Zitat von sysopSiechtum eines traditionellen Handwerks: Vor 50 Jahren gab es in Deutschland noch etwa 55.000 Bäckereien. Inzwischen sind es nur noch rund 14.500. Und angesichts der Konkurrenz von Discountern und fehlendem Nachwuchs machen noch immer mehr als 400 Betriebe pro Jahr dicht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,708307,00.html
Erst waren es die Schneider, Hutmacher und die kleinen Lebensmittelhändler, dann die Wäschereien und Mangeln,
Politikum 24.07.2010
2. -
Als würde es in traditionellen Bäckereien eine besondere Qualität geben. Ob Bäcker, Backdiscounter oder Aufwärmecke beim Lebensmittel-Discounter - das ist doch alles die gleiche aufgeblasene Plörre. Highlight des Jahres sind immer wieder meine Brotkäufe auf Mittelaltermärkten und Stadtfesten. Was ein Unterschied ist das zum Bäcker an der Straßenecke, wenn das Brot über den Tag frisch aus dem Holzofen kommt. Brot, wo man gar nicht wieder aufhören kann, sich noch eine Scheibe abzuschneiden. Wenn man sich dagegen diesen Mist aus Bäckereien jeglicher Art anschaut, ist doch klar, warum keiner mehr hingeht, oder auf die Billigvariante ausweicht. Der typische Deutsche wie ich auch, würde mit Sicherheit mit Freuden ein bisschen mehr ausgeben, wenn die Qualität stimmen würde. Ich kennen nahezu niemanden, der beim Einkaufen 50 Cent beim Brot sparen würde, dafür diese miese Qualität nähme. Das Problem ist also, im wahrsten Sinne des Wortes, hausgemacht.
SBasker 24.07.2010
3. Kundeninteressen
Klar, es gibt den Strukturwandel, dem viele Betriebe zum Opfer fallen. Ich glaube aber nicht, dass das in jedem Fall unvermeidlich ist. Viele Gemüsehändler zeigen zum Beispiel, dass qualifizierte Einzelhandelsgeschäfte möglich sind. Wichtig ist, dass die Betriebe die Kundeninteressen in den Mittelpunkt stellen. Customer-Relationship-Management bedeutet, dass ein Unternehmen konsequent auf seine Kunden ausgerichtet wird. (http://www.plantor.de/2010/cobra-crm-pro-2010-software-von-menschen-fuer-menschen/)
facocero 24.07.2010
4. Qualität?
Im Artikel steht, die traditionellen Bäckereien müssten mit Qualität gegen die Discounter setzen. Dort sehe ich aber auch eines der Probleme: Gerade Kleinbackwaren wie Brötchen oder süße Stückchen sind bei den Discountern wie Backwerk oder die Selbtbedienungsbäckerei bei Kaufland durchaus gut, vergeleichbar mit oder oft sogar besser als beim Traditionsbäcker. Auch die Brote sind nicht übel, die Preise jedoch einiges geringer. Traditionelle Bäcker haben seit der Euroumstellung massiv aufgeschlagen, vergleichbar mit der Gastronomie. Zudem lässt die Qualität der Bäcker zum Teil auch ziemlich zu wünschen übrig. Beispiel: Aufgeblasene Wasserbrötchen, die kaum etwas wiegen; Optimierung von Preis/Leistung - auf Seiten der Bäcker. Würde dort wirklich größere Qualität als beim Discounter produziert, würden die Leute bestimmt auch etwas mehr Geld auszugeben bereit sein, sofern sie sich´s leisten können.
jp' 24.07.2010
5. ...
das bittere ist, das 17 cent teuere brötchen vom discounter schmeckt mir besser als die 40-50 cent teuren gegenstücke aus der bäckerei, die eher noch pappiger und mit mehr luft gefüllt sind... wie mein vorposter schon geschrieben hat, ist die qualität allg. nichtmehr die beste. selbst gebackenes brot ist jedem bäckerei produkt um meilen vorraus, auch wenn die herstellung schon aufwendig ist. von mir aus können die restlichen "tradiotionsbäckereien" auch ausstereben. das tradition bezieht sich sowieso nurnoch auf den namen oder das alter der jeweiligen bäckerei.
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