Brand in pakistanischer Fabrik: Kik zahlt 1930 Dollar für ein Menschenleben

Von und Nils Klawitter

Der deutsche Textildiscounter Kik will zahlen. Die Familien der mehr als 250 Todesopfer, die bei einem Feuer in einer pakistanischen Textilfabrik ums Leben kamen, sollen insgesamt 500.000 Dollar erhalten. Zu wenig, finden die Überlebenden - und drohen, das Unternehmen zu verklagen.

Brand in pakistanischer Fabrik: Katastrophe beim Kik-Zulieferer Fotos
Hasnain Kazim

Der Textildiscounter Kik aus dem westfälischen Bönen plant einen Fonds für die Opfer der Brandkatastrophe in der Textilfabrik in Karatschi. 500.000 Dollar sollen an die Familien der Toten ausgezahlt werden. Vor sechs Wochen starben bei dem Feuer in der pakistanischen Hafenstadt mindestens 259 Menschen. Kik zahlt also 1930 Dollar pro Opfer.

"Das ist verdammt wenig", sagt Nasir Mansoor vom pakistanischen Gewerkschaftsbund NTUF. "Außerdem wissen wir nicht, wann und über wen die Auszahlung erfolgen soll." Sollte es bei dieser Summe bleiben, wollen überlebende Textilarbeiter Kik verklagen. Ziel müsse es sein, dass alle Opferfamilien eine "akzeptable Entschädigung erhalten".

Die Fabrik Ali Enterprises produzierte Jeans unter dem Label "Okay", die für 15,99 Euro bei Kik angeboten werden. Kik gestand die Verbindung zu der Fabrik erst, nachdem Nichtregierungsorganisationen das Unternehmen damit konfrontiert hatten. Jetzt räumte Kik-Manager Michael Arretz ein, dass 75 Prozent der Aufträge bei Ali Enterprises von Kik kamen. Mitarbeiter von Ali Enterprises sagen, "mindestens 90 Prozent" der Ware sei für Kik bestimmt gewesen.

Arretz ist seit zwei Jahren für die Nachhaltigkeit bei Kik zuständig und soll den ramponierten Ruf des Unternehmens verbessern. Das Geld, das Kik zur Verfügung stelle, soll laut Arretz vor allem jenen Familien zugute kommen, die noch nichts vom Staat erhalten haben. Die pakistanische Regierung sowie die Regierung der Provinz Sindh haben den Angehörigen 700.000 Rupien pro Opfer versprochen, umgerechnet etwa 5535 Euro. Die meisten Familien beklagen, sie hätten bislang nur Schecks erhalten, die nicht gedeckt gewesen seien. Andere sagen, sie besäßen kein Bankkonto, wo sie einen Scheck einlösen könnten.

Arbeitervertreter werfen Kik Verzögerungstaktik vor

Verwirrung gibt es auch um die genaue Zahl der Todesopfer. Arbeitervertreter vor Ort gehen von mehr als 300 aus. Bislang gelten offiziell noch 63 Menschen als vermisst. Angehörige von diesen mutmaßlichen Opfern haben DNA-Material abgegeben, um sie mit dem Genmaterial der bislang gefundenen Toten abzugleichen. Tatsächlich sind aber nur noch 29 nicht identifizierte Leichen vorhanden. Seit sechs Wochen warten die Angehörigen der Vermissten nun auf Nachricht, ob ihre DNA mit derjenigen der Leichen übereinstimmt.

Mehrere Arbeiter berichten, bei Ali Enterprises hätten Menschen aus ganz Pakistan gearbeitet. Darunter viele, die aus weit entfernten Landesteilen in die Millionenmetropole Karatschi gekommen seien, um dort ihr Glück zu suchen. Viele Familien wüssten vermutlich noch gar nicht, dass ihre Angehörigen nicht mehr am Leben seien.

"Kik hat schon vor Wochen eine Entschädigung versprochen, aber es wurde noch nichts ausgezahlt", sagt ein Näher, der den Flammen entkommen ist. "In dem Feuer wurde unsere Existenz zerstört, ich habe keine Arbeit mehr und hoffe, dass ich in irgendeiner anderen Textilfabrik etwas finde", sagt er.

Kik teilte mit, dass sich die Auszahlung schwierig gestalte. Man habe bis vor kurzem niemanden vor Ort gehabt, der die Sache regeln könne, bestätigte das Unternehmen einen Bericht der Hilfsorganisation Medico International. Arretz sagte dem SPIEGEL, er habe aber inzwischen einen Partner vor Ort gefunden, der die Entschädigung koordiniere. Der Manager war dazu nach eigenen Angaben vergangene Woche für zwei Tage nach Karatschi geflogen.

Doch Arbeitervertreter werfen Kik Verzögerungstaktik vor. "Wir wissen bis heute nicht, um welchen Partner es sich handelt und wer der Kik-Vertreter vor Ort ist", sagt Gewerkschafter Mansoor. "Die betroffenen Arbeiter und Angehörigen haben keinen Ansprechpartner."

"Welche Papiere? Wir haben nie welche bekommen"

Nicht nur die niedrige Summe, die Kik angeblich zahlen will, verärgert die Arbeiter und die Familien der Toten. Sie sind schockiert, dass Kik schon seit langem Prüfberichte vorlagen, wonach elektronische Anlagen in der Katastrophen-Fabrik nicht ausreichend gesichert und Notausgänge schlecht beleuchtet waren. Zwar ist die Brandursache nicht geklärt, fest steht aber, dass Sicherheitsstandards nicht eingehalten wurden. Fenster waren vergittert, Fluchtwege versperrt. Zudem wurde gesundheitsschädliches Abwasser seit Jahren ungeklärt in die öffentliche Kanalisation geleitet - für Arretz sind das "keine gravierenden Mängel".

Bekannt waren auch die niedrigen Sozialstandards in der Fabrik. Mehr als tausend Männer und Frauen arbeiteten bei Ali Enterprises, die meisten davon ohne Arbeitsvertrag. "Wir haben nie etwas schriftlich bekommen", sagt eine junge Frau, die als Hilfsarbeiterin in der Näherei tätig war. "Das ist jetzt unser Problem - kaum jemand kann nachweisen, dass er tatsächlich für Ali Enterprises gearbeitet hat." Deshalb sei es schwierig, Ansprüche geltend zu machen: "Die Provinzregierung hat uns gesagt, wir sollten unsere Papiere vorzeigen, um Geld zu bekommen. Aber welche Papiere? Wir haben nie welche bekommen."

Bezahlt wurden die Mitarbeiter pro Jeans, die sie fertigten. Es war Fließbandarbeit. Jeder Arbeiter vollzog immer denselben Arbeitsschritt, manchmal bis zu 14 Stunden am Tag. Eine Frau erzählt, wie sie tagein, tagaus Gesäßtaschen annähte. Ein Mann berichtet, er sei für Gürtelschlaufen zuständig gewesen. Pro Hose bekamen die Arbeiter ein paar Rupien, das entspricht wenigen Cent. "Wir verdienten pro Tag, je nach Auftragslage, zwischen 1,50 und fünf Euro", sagt einer. Im Monat kam kaum ein Arbeiter auf mehr als 7000 Rupien, umgerechnet nicht einmal 60 Euro.

38 Prozent aller Arbeitskräfte sind in der Textilbranche beschäftigt

Der pakistanische Textilindustrieverband PRGMEA hält die Kritik an Ali Enterprises für unfair. In Bangladesch erhielten Arbeiter nicht einmal die Hälfte dieser Summen, sagt Verbandspräsident Shehzad Salim. Einer der Besitzer der Fabrik sitzt in Haft. "Ihm wird Mord vorgeworfen, das ist doch absurd", sagt Salim. "Natürlich muss man den Fall aufklären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Aber Mord?"

Die Katastrophe belaste die gesamte Textilindustrie in Pakistan, beklagt Salim. "Das Feuer hat viele Unternehmen im Westen verängstigt. Unsere Mitglieder bekommen allein aus Deutschland jeden Tag Anfragen von besorgten Auftraggebern, ob denn alle Sicherheits- und Sozialvorschriften eingehalten würden. Dabei arbeitet der größte Teil sehr ordentlich", betont er. "Natürlich" seien die Sicherheitsstandards aber "nicht überall so hoch wie im Westen".

Die Textilindustrie ist der bedeutendste Wirtschaftszweig des Landes. Mehr als die Hälfte der Exporte sind Textilprodukte, 38 Prozent aller Arbeitskräfte in Pakistan sind in dieser Branche beschäftigt. Die wachsende Konkurrenz aus Ländern wie Vietnam und Kambodscha macht Pakistan aber zu schaffen.

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insgesamt 125 Beiträge
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1. ..........
janne2109 23.10.2012
warum muss/sollte Kik zahlen? Die Fabrik gehört ihnen doch gar nicht. Sehr wohl sollten sie sich die Fabriken in denen sie produzieren lassen, anschauen. Aber das tut scheinbar keine Westeuropäische Firma.
2.
Dumpfmuff3000 23.10.2012
Zitat von sysopDer deutsche Textildiscounter Kik will zahlen. Die Familien der mehr als 250 Todesopfer, die bei einem Feuer in einer pakistanischen Textilfabrik ums Leben kamen, sollen insgesamt 500.000 Dollar erhalten. Zu wenig, finden die Überlebenden - und drohen, das Unternehmen zu verklagen. Brand in pakistanischer Fabrik: Textildiscounter Kik will zahlen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/brand-in-pakistanischer-fabrik-textildiscounter-kik-will-zahlen-a-862695.html)
Unter sklavereiähnlichen Bedingungen in Drittweltländern produzierte Billigwaren nach Europa einzuführen, ist legal. Gegen einen Hersteller wie KIK zum Boykott aufzurufen, ist illegal. Komisches Rechtssystem.
3. schade...
mrpalme 23.10.2012
schade, dass wohl ein Großteil der KIK-Kunden diesen Artikel niemals lesen wird...
4. Kik
juan777 23.10.2012
Zitat von sysopDer deutsche Textildiscounter Kik will zahlen. Die Familien der mehr als 250 Todesopfer, die bei einem Feuer in einer pakistanischen Textilfabrik ums Leben kamen, sollen insgesamt 500.000 Dollar erhalten. Zu wenig, finden die Überlebenden - und drohen, das Unternehmen zu verklagen. Brand in pakistanischer Fabrik: Textildiscounter Kik will zahlen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/brand-in-pakistanischer-fabrik-textildiscounter-kik-will-zahlen-a-862695.html)
Kik.."Besser als man denkt"...so billig so gut so geil". Eigentlich muss so ein Artikel auf die erste Steite von der Bild-Zeitung. Die Firmen müssen doch wie kleine Kinder erzogen werden, damit sie endlich verantwortungsvoll handeln.
5. Shell Brent Spar 1998
braunmd 23.10.2012
den Öltank (keine Plattform) wollte Shell still und heimlich in der Nordsee versenken. Ein Boykott in D hat Shell dann letztlich zu einer Entsorgung gezwungen. Darüber sollten die KIK Käufer mal nachdenken. Die Opferfamilien sollten eine Entschädigung bekommen um eine eigene Existenz gründen zu können. Dann hat Herr "KIK" statt vielleicht 300 Mio € Vermögen nur noch 200Mio €. Da kann er einem wirklich leid tun. Armer Kerl...
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