Harter Brexit Airbus droht Großbritannien mit Stellenabbau

Airbus warnt die britische Regierung eindringlich vor einem harten Brexit. Der Konzern erwägt einen Rückzug aus Großbritannien, sollte es vor dem EU-Ausstieg keine Vereinbarung geben. Tausende Mitarbeiter wären betroffen.

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Mit einer deutlichen Drohung erhöht Airbus den Druck auf die britische Regierung bei den Brexit-Verhandlungen. "Weil jegliche Klarheit fehlt, müssen wir das schlimmste Szenario annehmen", sagte Tom Williams, Leiter der Airbus-Verkehrsflugzeug-Produktion, der britischen Zeitung "The Times". Demnach erwägt der europäische Flugzeugbauer, Investitionen in Großbritannien wegen der Brexit-Unsicherheit einzustellen und die Produktion in andere Länder zu verlagern.

Airbus hat im Vereinigten Königreich 25 Standorte mit etwa 14.000 Mitarbeitern. In seiner britischen Zulieferkette unterstützt der Konzern nach eigenen Angaben 110.000 Jobs. In den britischen Werken Filton und Broughton werden alle Flügel der Airbus-Verkehrsflugzeuge entworfen und hergestellt.

Der Konzern bereitet sich nun darauf vor, die Pläne zum Bau von Tragflächen in den britischen Werken aufzugeben und die Produktion stattdessen nach China, in die USA oder in ein anderes europäisches Land zu verlagern. Laut "Times" sollen bereits im Sommer die ersten Entscheidungen über künftige Investitionen fallen.

Airbus-Chef Enders warnt vor Brexit ohne Deal

Der Konzern veröffentlichte zudem ein Papier, das mit "Risikoeinschätzung" überschrieben ist. Darin warnt Airbus eindringlich vor den Folgen des Brexits - besonders vor einem Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) ohne eine gütliche Einigung. "Einfach ausgedrückt gefährdet ein Szenario ohne Deal direkt die Zukunft von Airbus im Vereinigten Königreich", erklärte Konzernchef Tom Enders.

Im Falle eines harten Brexits müsse der europäische Luftfahrtkonzern seine langfristige Präsenz im Königreich überprüfen, erklärte das Unternehmen. Falls das Land im März 2019 ohne Deal aus der EU aussteige und damit im kommenden Jahr Binnenmarkt und Zollunion sofort und ohne Übergangsphase verlasse, würde dies laut Airbus zu einer "schweren Störung und Unterbrechung" der Produktion führen. "Dieses Szenario würde Airbus dazu zwingen, seine Investitionen im Vereinigten Königreich und seinen langfristigen Fußabdruck im Land zu überdenken", teilte das Unternehmen mit.

In seiner Risikobewertung schreibt Airbus, dass die bisher angepeilte Übergangsfrist bis Ende 2020, in der die EU und Großbritannien die offenen Fragen regeln sollen, für den Konzern zu kurz sei, um seine Lieferkette anzupassen. Bei diesem Zeitplan würde Airbus deshalb davon absehen, sein Zulieferernetz in Großbritannien noch auszubauen. Derzeit hat Airbus dort 4000 Lieferanten.

Der offizielle EU-Austritt Großbritanniens soll am 29. März 2019 erfolgen. Schon jetzt bekommt die britische Volkswirtschaft die Begleiterscheinungen des bevorstehenden Brexits zu spüren. Großbritannien zählt derzeit zu den am langsamsten wachsenden Industriestaaten. Im ersten Quartal legte die Wirtschaft so schwach zu wie seit 2012 nicht mehr. Für das laufende Jahr hat die Handelskammer British Chambers of Commerce (BCC) ihre Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,4 auf 1,3 Prozent gesenkt. Es wäre das schwächste Wachstum seit der Krise 2009.

Video: Airbus-Fabrik Finkenwerder

mmq/Reuters/dpa



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NauMax 22.06.2018
1.
Bei einem Ausstieg aus dem gemeinsamen Binnenmarkt wäre dieser Schritt wohl schlicht und ergreifend notwendig, wenn Airbus wettbewerbsfähig bleiben soll.
whitewisent 22.06.2018
2.
Ein Problem, daß keiner laut ausspricht, aber auf das sich auch die EU im Interesse der eigenen Wirtschaft nicht vorbereitet. Wer soll diese Lieferketten in Zukunft eigentlich überwachen? Im Hamburger Hafen oder am Frankfurter Flughafen herscht jetzt schon Stress, Stau und Wartezeit, weil der Zoll teilweise wochenlang nicht hinterherkommt, Waren abzufertigen, Einfuhr wie Ausfuhrt. Gerade ein europäisches Großprojekt wie Airbus profitierte aber vom freien Warenverkehr, welcher erst viele Just in Time Lösungen ermöglichte. Mag es auch sein, daß an der bayrischen Grenze zu Tschechien oder von Brandenburg zu Polen noch die alten Grenzanlagen gibt, die schnell reaktiviert werden könnten. UK ist eine Insel, und wurde immer über die Häfen versorgt. Wenn dort in 2 Jahren der Großteil des Verkehrs abgefertigt werden soll, wer soll das wo machen? Die Freihäfen von Bremen, Hamburg oder Rotterdam boomen seit Jahren, ohne eingeplantes Potential für den UK-Verkehr. Das wird absehbar viel mehr Brüche verursachen, als viele Politiker bislang der Wirtschaft oder den Bürgern gegenüber eingestehen. Inklusive einer Teuerung, weil UK auf einmal wie die USA oder China behandelt wird. Was auch Waren aus Übersee betrifft, deren erster Anlaufpunkt bislang in UK lag, und die dann auch auf Häfen in der "Rest-EU" ausweichen werden wollen.
pommbaer84 22.06.2018
3. USA? China?
Airbus ist doch europäisch gefördert worden oder nicht? Zumal die Lage was Zölle angeht in den USA sicher nicht einfacher ist. In China droht zudem Spionage. USA und China bauen und fördern eigene Projekte in der Luftfahrt. Dazu die langen Transportwege aus Übersee.. Sollte Airbus sich nicht für ein europäisches Land entscheiden, wäre das Wohlwollen der EU hoffentlich dahin.
DerRömer 22.06.2018
4. Ist das nicht etwas spät?
Zu spät, würde ich sagen und zwar für Airbus, die sollten mal in die Puschen kommen. Das England nicht mehr am normalen Warenaustausch in der EU teilnehmen kann ist doch klar. Die Briten springen über die Klippe, warum soll Airbus darunter leiden. Ich hoffe er sagt nur das die Lieferkette von Airbus noch von den Briten abhängt aber es nicht so ist. Schließlich war ja abzusehen das die Briten dem schlimmstmöglichen Weg gehen werden. Was er da so weitsichtig beschreibt ist jetzt doch für jeden sichtbar. Hoffentlich laufen schon im Hintergrund Gespräche über neue Produktionsstandorte.
tulius-rex 22.06.2018
5. Nicht das letzte Unternehmen
Die Briten dürften ganz langsam realisieren welchen Unfug sie aufgrund der vorsätzlichen Lügen ihrer Tories und UKIP angerichtet haben. Cameron und May sind die Totengräber der britischen Wirtschaft. Sie schauen aus ihren Schlössern und Cottages zu wie die Bevölkerung verarmt. Ihr britischen Bürger und Freunde macht endlich Schluss mit diesen Unsinn, angezettelt von ein paar Quartalirren.
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