Kaufkraftverlust Britische Firmen rechnen mit schwachem Wachstum

Die Preise steigen stärker als die Löhne - und die Briten können sich im Schnitt weniger leisten. Die Industrie in Großbritannien rechnet daher laut Umfrage Anfang 2018 mit nur mauem Wachstum.

Hafen von Liverpool
AFP

Hafen von Liverpool


Bis zum tatsächlichen Brexit dauert es noch mehr als ein Jahr, doch die britische Industrie rechnet damit, seine negativen Folgen bereits in den kommenden Monaten zu spüren. Die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes stellen sich auf eine Abschwächung des Wachstums zu Beginn des kommenden Jahres ein, wie eine Firmenumfrage des Branchenverbandes CBI ergibt.

Demnach dürfte die Produktion im ablaufenden Quartal in zahlreichen Sektoren zwar angezogen haben. Für die bevorstehenden Monate wird aber eine Abkühlung erwartet. Auch die Industrieländerorganisation OECD prognostiziert für das kommende Jahr ein vergleichsweise äußerst maues Wachstum.

Der Grund: Die hohe Inflation dämpfe die Ausgaben der britischen Verbraucher, erläuterte CBI-Expertin Anna Leach. Daher seien insbesondere konsumnahe Unternehmen und Einzelhändler von den Auswirkungen betroffen. Im November erreichte die Inflation in Großbritannien mit 3,1 Prozent ihren höchsten Stand seit fast sechs Jahren.

Nicht alle Bereiche leiden

Die relativ starken Preissteigerungen sind eine Folge des Brexit-Referendums. Seit der Abstimmung im Juni 2016 hat die britische Landeswährung Pfund stark an Wert verloren. Dadurch werden Importe teurer, was wiederum die Lebenshaltungskosten der Briten erhöht. Das wäre so lange kein Problem für den britischen Konsum, wenn die Löhne in gleichem Maße steigen würden. Das ist aber nicht der Fall, dadurch sinkt die Kaufkraft der Briten; im Schnitt können sie sich von ihren Löhnen also weniger leisten.

Nicht alle Bereiche der britischen Wirtschaft leiden allerdings unter der Pfund-Schwäche. So ist die Zahl der von EU-Bürgern gebuchten London-Reisen in diesem Jahr massiv gestiegen, sie lag bislang um 24 Prozent über der des Vorjahrs. Für die Touristen aus der EU ist Großbritannien attraktiver geworden, weil sie jetzt mehr für ihr Geld bekommen als früher. Wer vor der Volksabstimmung über den Austritt aus der EU Urlaub in Großbritannien machen wollte und Geld wechseln musste, bekam für 100 Euro im Schnitt gerade einmal 78 Pfund. Heute bekommen Touristen für die gleiche Eurosumme deutlich mehr, nämlich rund 88 Pfund.

fdi/Reuters



insgesamt 11 Beiträge
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ansv 28.12.2017
1. Gibt es unendliches Wachstum?
Warum ist 'weniger Wachstum" immer gleich eine solche Horrormeldung? Diese Mehr an Gewinn durch mehr Konsum bekommt ja nicht das Volk sondern der Investor. Ist das wirklich so lebenswichtig?
RenegadeOtis 28.12.2017
2.
Zitat von ansvWarum ist 'weniger Wachstum" immer gleich eine solche Horrormeldung? Diese Mehr an Gewinn durch mehr Konsum bekommt ja nicht das Volk sondern der Investor. Ist das wirklich so lebenswichtig?
Wer erhält denn den Konsum?
mkalus 28.12.2017
3.
Zitat von ansvWarum ist 'weniger Wachstum" immer gleich eine solche Horrormeldung? Diese Mehr an Gewinn durch mehr Konsum bekommt ja nicht das Volk sondern der Investor. Ist das wirklich so lebenswichtig?
So wie wir unsere Ökonomie strukturiert haben: Ja.
rechtsbelehrung 28.12.2017
4. Grundeis
Man kann es drehen und wenden wie man will - dem Tommy geht der Arsch auf Grundeis. Er merkt nun, dass er von den Nationalisten betrogen wurde und dass er für seine Torheit einen hohen Preis bezahlen muss. Wir wollen froh und dankbar sein, dass wir sein abschreckendes Beispiel Tag für Tag besichtigen dürfen. Und das Allerschönste: An seiner Haftung für alle Altschulden innerhalb der Union (einschließlich Griechenland, italienische Banken und sonstige PIIGS) ändert sein Austritt rein GAR NICHTS. Er hängt mit drin und darf zahlen, zahlen, zahlen. Die schönen Strukturhilfen für Schottland dagegen - fort sind sie. Eine Lehrstunde für alle AfD-Wähler.
spmc-12355639674612 28.12.2017
5. Wachstum
Zitat von ansvWarum ist 'weniger Wachstum" immer gleich eine solche Horrormeldung? Diese Mehr an Gewinn durch mehr Konsum bekommt ja nicht das Volk sondern der Investor. Ist das wirklich so lebenswichtig?
Das, was man gemeinhin unter Wachstum versteht, hat mit "wachsen" im wörtlichen Sinn nicht so viel gemein. Es ist erst einmal die Steigerung des BIP in eigener Währung, die man, um es mit anderen Staaten zu vergleichen, um den Währungseffekt korrigieren muss. Man muss aber das Wachstum mit der Teuerungsrate, mit der Änderung (normalerweise Erhöhung) der Produktivität usw. in Relation setzen. Eine Erhöhung der Produktivität kann z. B. zu weniger Arbeitsplätzen in bestimmten Bereichen führen. Wenn z. B. die Banken die Digitalisierung vorantreiben (Erhöhung der Produktivität), benötigen sie für dieselbe Menge an Aufgaben zwar einige Leute mehr in der Softwareentwicklung, aber viel weniger Personal in der Kundenbetreuung. Dadurch werden in der Branche Arbeitsplätze abgebaut. Bei Vollbeschäftigung und wachsendem BIP wäre das nicht so schlimm, da die früheren Mitarbeiter wahrscheinlich einen neuen Job finden. Ist dieser Effekt flächendeckend, kann es - bei fehlendem "Wachstum" - zu höherer Arbeitslosigkeit und stagnierendem bzw. geringerem BIP bei trotzdem steigenden Preisen führen, was für den Einzelnen keine gute Entwicklung ist. Also ist "Wachstum" gewissermaßen besser als "kein Wachstum".
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