Arbeitsplätze in Gefahr Jaguar erwägt Wegzug wegen Brexit

Nach BMW nun auch Jaguar: Bei einem harten Brexit will der traditionsreiche britische Autohersteller die Insel verlassen. Laut einer Studie sehen drei Viertel aller Firmen den EU-Ausstieg kritisch.

Jaguar-Fabrik in Großbritannien
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Jaguar-Fabrik in Großbritannien


Der größte britische Autohersteller Jaguar Land Rover droht im Falle eines harten Brexits, Großbritannien zu verlassen. "Ein schlechter Brexit-Deal würde Jaguar Land Rover jedes Jahr mehr als 1,2 Milliarden Pfund Gewinn kosten", sagte Konzernchef Ralf Speth. "Infolgedessen müssten wir unser Ausgabenprofil drastisch anpassen."

Das Unternehmen habe in den vergangenen fünf Jahren rund 50 Milliarden Pfund in Großbritannien ausgegeben. In den kommenden fünf Jahren seien weitere 80 Milliarden Pfund geplant. Speth warnte: "Dies wäre in Gefahr, sollten wir mit dem falschen Ergebnis konfrontiert werden."

"Herz und Seele" von Jaguar Land Rover seien in Großbritannien, sagte Speth. "Doch wir und unsere Partner in der Lieferkette stehen vor einer unvorhersehbaren Zukunft, wenn die Brexit-Verhandlungen nicht freien und reibungslosen Handel mit der EU und unbeschränkten Zugang zum Binnenmarkt erhalten."

In Großbritannien arbeiten rund 40.000 Menschen für Jaguar Land Rover. Der größte britische Autohersteller hatte jedoch bereits im April angekündigt, wegen sinkender Verkaufszahlen rund tausend Stellen zu streichen. Anders als auf den anderen europäischen Märkten gehen in Großbritannien die Autoverkäufe zurück. Ein Grund dafür dürfte die gesunkene Kaufkraft vieler Briten sein, nachdem das Pfund infolge der Brexit-Entscheidung stark an Wert verloren hat.

Dem Verband der britischen Autohersteller und -händler (SMMT) zufolge sind in der Branche die Investitionen in dem Land um fast die Hälfte gesunken. SMMT-Chef Mike Hawes sagte, die derzeitigen widersprüchlichen Positionen der Regierung gingen "direkt gegen die Interessen der Automobilbranche in Großbritannien, die vom Binnenmarkt und der Mitgliedschaft in der Zollunion profitiert hat."

Finanzchefs der Firmen bangen

Wie Jaguar hatte erst vor wenigen Wochen auch der Autobauer BMW vor den Folgen eines harten Brexits gewarnt. "Wenn wir in den nächsten Monaten keine Klarheit bekommen, müssen wir damit beginnen, Alternativpläne zu entwickeln", sagte der BMW-Repräsentant im Vereinigten Königreich, Ian Robertson. Das Münchner Unternehmen fertigt auch die Marken Mini und Rolls-Royce und hat rund 8000 Beschäftigte in Großbritannien.

Der Luftfahrt- und Rüstungskonzern Airbus wiederum hatte mit einem Teilrückzug aus Großbritannien und Stellenabbau gedroht, sollte das Land die EU ohne Abkommen verlassen. (Lesen Sie hier mehr zu den verschiedenen Brexit-Szenarien.)

Auch in den anderen Führungsetagen von Firmen auf der Insel macht sich rund neun Monate vor dem geplanten Austritt aus Zollunion und Binnenmarkt zusehends Skepsis breit. In einer am Montag veröffentlichten Umfrage des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte äußerten sich 75 Prozent der Finanzchefs mit Blick auf den Brexit pessimistisch. Sie befürchten, dass ihr Geschäftsumfeld Schaden nehmen wird.

Das britische Kabinett will sich am Freitag bei einer Sondersitzung auf dem Landsitz Chequers auf einen Plan für die Nach-Brexit-Zeit einigen. Doch es ist weiterhin tief zerstritten. Die einen fordern einen klaren Bruch mit Brüssel. Die anderen wollen so eng wie möglich an die EU und ihre Institutionen gebunden bleiben.

"Über die beiden vergangenen Jahre hinweg war die Wirtschaft geduldig", sagte der Chef des britischen Handelskammerverbands BCC, Adam Marshall. Jetzt sei jedoch das Fass am Überlaufen. Auch die Finanzbranche wird ungeduldiger. Die Bank of America kündigte kürzlich an, sie werde drei führende Mitarbeiter nach Paris versetzen, 125 sollen nach Dublin gehen. Barclays will laut Medienberichten 50 Jobs nach Frankfurt verlegen. Insgesamt wird befürchtet, dass bis zu 75.000 Arbeitsplätze bei Banken und Versicherungen in Großbritannien verloren gehen könnten.

Der Regierung von Premierministerin Theresa May zufolge gibt einen Mittelweg - doch wie der aussehen soll, ist noch geheim. Spekulationen, May könnte nun doch eine enge Anbindung an die EU suchen, haben das Brexit-Lager misstrauisch gemacht.

Sollte das Land am 29. März 2019 ohne Abkommen aus der EU scheiden, wäre auch die bereits verabredete Übergangsphase von knapp zwei Jahren hinfällig. Chaos könnte ausbrechen. Zölle würden eingeführt, Warenkontrollen an den Grenzen wahrscheinlich. Dafür sind weder die britischen noch die Zollbehörden in anderen europäischen Staaten gerüstet.

apr/Reuters/dpa

insgesamt 142 Beiträge
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der IV. Weg 05.07.2018
1. Volksabstimmungen
sind echte Demokratie. Nur muss das Volk (bzw. die Abstimmungberechtigten) dafür auch fähig genug sein. Leider nutzen die Populisten diese Unfähigkeit gnadenlos aus - siehe Brexit !
wokri 05.07.2018
2. Nun wird es Ernst
In dem Artikel wurden nur diejenigen genannt die sich bereits geäußert haben. Die ganzen anderen werden es einfach machen! Investitionen in ein solch unsichere Lage hinein, verbietet schon allein das Riskmanagement.
dwg 05.07.2018
3.
Zitat von wokriIn dem Artikel wurden nur diejenigen genannt die sich bereits geäußert haben. Die ganzen anderen werden es einfach machen! Investitionen in ein solch unsichere Lage hinein, verbietet schon allein das Riskmanagement.
Richtig. Und sie werden es nach Kräften unauffällig machen, da "der Populist" in solchen Fällen gleich mit der "Patriotenkeule" um die Ecke kommt.
jotha58 05.07.2018
4. Nun
ist es zu spät, da hätten die Firmen vor dem Bürgerentscheid aufwachen müssen. Wg. Pläne zu Ersatzszenarien, die gibt es doch längst.
eisenfuss66 05.07.2018
5. Vorher klar
Ehrlicherweise muss man sagen, dass die Reaktion der Wirtschaft auf einen Brexit schon vor jedem klar war, der sich mit der Materie auseinander setzte. Trotzdem wurde in einer Volksabstimmung für den Brexit gestimmt. Insofern hat jeder, der für den Brexit gestimmt hat, beim Abzug von großen Unternehmen aus Großbritannien sein Ziel erreicht. Das sind die Opfer, die gebracht werden müssen. Es ist also alles gut.
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