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24. Juni 2016, 13:01 Uhr

Absturz an Finanzmärkten

Schwarzer Freitag für Europas Börsen

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Das Austrittsvotum der Briten schockiert Investoren an den Finanzmärkten. Nicht nur in London stürzen die Kurse ab - auch deutsche Aktien geraten ins Taumeln. Droht eine neue Krise?

Damit hatten die wenigsten gerechnet. Noch am Donnerstag schienen sich die Investoren sicher, dass die Briten für einen Verbleib in der EU stimmen würden. Doch am frühen Freitagmorgen kam der Schock - und die Panik an den Finanzmärkten.

Ob Aktien oder Währungen - die Investoren verkauften alles, was irgendwie durch einen Brexit belastet werden könnte. Und das gilt nicht nur für Großbritannien, sondern auch für Kontinentaleuropa. An der Frankfurter Börse brach der Dax gleich zu Handelsbeginn um zehn Prozent ein, für den Londoner Leitindex FTSE 100 ging es zeitweise um acht Prozent nach unten. Solche Verluste gab es zuletzt auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008. Im Laufe des Tages verkleinerte sich das Minus etwas. Am Ende schloss der Dax mit einem Verlust von 6,8 Prozent.

Wie damals 2008 trifft es auch diesmal die Banken besonders hart. Der Aktienkurs der Royal Bank of Scotland brach um bis zu 28 Prozent ein, bei der spanischen Santander waren es ebenfalls mehr als 20 Prozent. Die Deutsche Bank lag zeitweise knapp 17 Prozent im Minus, am Ende waren es noch rund 13 Prozent. Für die ohnehin angeschlagene Branche ist der Brexit ein Schock auf den sie zwar vorbereitet war, mit dem viele aber eigentlich nicht gerechnet hatten.

Nun stehen die Notenbanken bereit, um die angeschlagenen Institute mit ausreichend frischem Geld zu versorgen, falls es zu Engpässen kommt. Viel umstellen müssen sie dazu nicht. Die Europäische Zentralbank (EZB) etwa agiert bereits seit 2008 im Krisenmodus. Das heißt, die Banken bekommen so viel billiges Geld, wie sie wollen.

Dennoch ist die Finanzbranche in heller Aufregung. Rund um den Globus müssen Kunden beruhigt und die eigenen Investoren getröstet werden. "Es sieht so aus, als ob Europas schlimmster Alptraum Wahrheit geworden ist", kommentierte Carsten Brzeski, Chefökonom der Bank ING-Diba. Die wirtschaftlichen und politischen Folgen würden noch lange zu fühlen sein. "Die erste Marktreaktion gibt schon einen guten Vorgeschmack."

Das Kapital flieht in den Dollarraum

Die Richtung, in die es dabei geht, ist eindeutig: Raus aus Großbritannien, aber auch raus aus der Eurozone. Das lässt sich unter anderem am Devisenmarkt ablesen. Nicht nur der Wechselkurs des Pfunds stürzte ab und markierte zeitweise den niedrigsten Stand seit 1985. Auch der Euro wurde im Vergleich zum US-Dollar erheblich geschwächt.

Experten rechnen damit, dass dies so weitergehen wird. "Die Kapitalströme werden in der nächsten Zeit vermehrt in den Dollarraum umgeleitet werden", sagt Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock. Er rechnet damit, dass das Pfund deshalb insgesamt um 15 bis 20 Prozent an Wert verlieren könnte.

Profitieren dürften neben dem Dollar dagegen auch Währungen wie der japanische Yen und der Schweizer Franken. Wobei das Wort profitieren bei solch starken Kursbewegungen nicht ganz treffend ist: Die Schweizer Notenbank SNB etwa musste am Freitag bereits am Markt intervenieren, um die eigene Währung nicht zu stark steigen zu lassen. Denn das wäre schlecht für die Schweizer Exportwirtschaft. Und auch die Amerikaner dürften nicht allzu erfreut darüber sein, wenn der Kurs des Dollar enorm zulegt.

Das Geld, das die Investoren aus dem riskanten Aktienmarkt rausziehen, stecken sie gerne in Anlagen, die als sicher gelten. Dazu gehört etwa Gold. Der Preis für eine Feinunze sprang am Freitag bereits um mehr als sechs Prozent nach oben. Aber auch viele Staatsanleihen vermeintlich sicherer Länder waren gefragt. Entsprechend sanken die Renditen auf Tiefststände. In Deutschland brachte eine Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit am Vormittag eine Rendite von minus 0,17 Prozent. Das heißt: Wer dem Staat Geld leiht, muss draufzahlen. Für Schweizer Papiere sind es sogar minus 0,57 Prozent.

Ein Effekt des Brexits dürfte deshalb sein, dass auch die Sparer in Europa weiter mit Mini- oder gar Nullzinsen rechnen müssen.

Wie verzweifelt viele Anleger derzeit auf der Suche nach Rendite sind, zeigt sich daran, dass sie auch nach dem Austrittsvotum sogar britische Staatsanleihen kauften. Die Rendite sank am Freitagmorgen auf einen historischen Tiefstand von etwas mehr als einem Prozent - und das obwohl die Rating-Agentur Standard & Poor's bereit ankündigt hat, das Land im Falle eines Brexits herabzustufen und ihm die Bestnote AAA zu entziehen.

Stefan Kaiser im Video:

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