Europäische Steueroase Iren müssen Trump und Brexit fürchten

Mit niedrigen Unternehmensteuern hat Irland viele Konzerne angelockt. Bald könnte ihnen neben US-Präsident Trump auch Großbritannien Konkurrenz machen. Ein Bericht warnt vor "noch nie da gewesenen" Herausforderungen.

Finanzdistrikt in Dublin
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Finanzdistrikt in Dublin

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Als Irland vor einigen Jahren in den Strudel der Finanzkrise geriet, änderte sich vieles. Häuser verloren schlagartig an Wert, Banken wurden mit Milliarden gerettet, die Bürger mussten harte Einsparungen hinnehmen. An einem hielt die irische Regierung aber trotz scharfer Kritik über all die Jahre fest: Die irische Körperschaftsteuer liegt bei nur 12,5 Prozent. Schließlich haben die Iren mit einer der niedrigsten Raten in ganz Europa und anderen umstrittenen Vergünstigungen Großkonzerne wie Apple und Google ins Land gelockt.

Doch Irlands Stellung als europäisches Unternehmensteuerparadies ist durch den Brexit und die geplanten Steuerreformen von US-Präsident Donald Trump erheblich gefährdet. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht, den die deutsch-irische Industrie- und Handelskammer, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag und der Wirtschaftspolitiker Joachim Pfeiffer (CDU) am Dienstag vorstellen und der dem SPIEGEL vorab vorlag. Für den Bericht wurde neben anderen Experten auch der irische Regierungschef Enda Kenny interviewt.

"Die Herausforderung, der Irland in einem Post-Brexit-Großbritannien gegenübersteht, könnte durch die neue politische Ordnung in den USA noch verschlimmert werden", heißt es in dem Report. Die von US-Präsident Donald Trump geplante Senkung der Körperschaftsteuer auf 15 Prozent mache es "für Irland schwieriger, in Zukunft Investitionen aus den USA anzuwerben". Wenn zugleich Großbritannien nach dem Brexit die Unternehmensteuer senke, stehe der Sektor multinationaler Unternehmen in Irland vor "noch nie da gewesenen und wenig beneidenswerten Herausforderungen", und das Land verliere einen "seiner wesentlichen strategischen Vorteile".

Unterbietungswettbewerb mit den Briten

Die ungleiche Besteuerung von Unternehmen ist seit Langem ein Streitpunkt innerhalb der EU. Derzeit machen Deutschland und Frankreich einen neuen Vorstoß für eine Harmonisierung der Körperschaftsteuer. Ein Erfolg ist jedoch ungewiss, auch weil Länder wie Irland auf ihrer Autonomie in Steuerfragen beharren. Befeuert wird der Unterbietungswettbewerb neuerdings von der britischen Premierministerin Theresa May. Um die Folgen des EU-Austritts abzufedern, strebt sie den niedrigsten Körperschaftsteuersatz der großen Industrieländer an.

Erhöhte Steuerkonkurrenz durch den großen Nachbarn ist dem Bericht zufolge aber nur einer von vielen Nachteilen, die der Brexit für Irland mit sich bringen könnte. "Es ist anzunehmen, dass der Brexit zum Verlust zahlreicher Arbeitsplätze in Irland führen wird und zu negativem Wirtschaftswachstum", schreiben die Autoren. Als Risiken nennen sie unter anderem:

  • Mehr Hindernisse im Handel zwischen Irland und Kontinentaleuropa. Bislang werden Güter zu mehr als 80 Prozent als Straßenfracht über Großbritannien geschickt. Abhängig vom Ausgang der Verhandlungen habe der "Brexit das Potenzial, den Bestand dieser Handelsroute ernsthaft zu gefährden", heißt es in der Studie.
  • Gut zehn Prozent aller Arbeitsplätze in Irland hängen unmittelbar an Exporten nach Großbritannien. Sollten solche Ausfuhren teurer werden, habe der Brexit "das Potenzial, die Arbeitslosenzahl deutlich zu erhöhen". Je höher die Handelshindernisse werden, umso wahrscheinlicher sei es, dass irische Firmen ihren Sitz nach Großbritannien verlagern, um den dortigen Markt weiter zu bedienen. Allerdings ist diese Entwicklung auch umgekehrt möglich. Schon jetzt meldet die irische Wirtschaftsförderung zahlreiche Anfragen von Unternehmen aus Großbritannien, die einen Umzug erwägen.
  • Voraussichtlich am stärksten vom Brexit betroffen wird dem Bericht zufolge der Agrar- und Ernährungssektor sein. Nach Großbritannien ging bislang fast die Hälfte seiner Exporte. Die zuständige Behörde geht von jährlichen Verlusten zwischen 150 und 800 Millionen Euro aus.
  • Der Brexit sei eine "massive Bedrohung für den Tourismus in Irland", warnen die Autoren. Zuletzt besuchten fast fünf Millionen Briten pro Jahr die Insel und machten damit knapp 41 Prozent aller Besucher aus. Doch seit der Entscheidung für den Brexit hat das britische Pfund im Vergleich zum Euro deutlich an Wert verloren - und den Irlandurlaub für Briten entsprechend verteuert.
  • Irlands Versorgung mit Energie könnte durch den Brexit komplizierter werden. So beziehen die Iren bislang 95 Prozent ihres Gasbedarfs aus Schottland, auch ein Großteil der irischen Notfallölversorgung wird in Großbritannien gespeichert. Die irische Schuldenagentur bezeichnet Irland gar als eine "regionale Erweiterung des britischen Energiemarktes". Das dürfte sich ändern, wenn nach einem Brexit Energieeinfuhrzölle erhoben werden sollten.
  • Besondere Aufmerksamkeit schenkt die Studie Nordirland. Dort könnte mit dem Brexit wieder eine sichtbare Grenze zur Republik im Süden entstehen und den Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken neu anheizen. Bei dessen Befriedung haben den Autoren zufolge auch die EU-Fördermittel geholfen, die sich seit 1995 schätzungsweise auf eine Milliarde Euro summiert haben. Der Verlust dieser Finanzierung könnte den Verlust Tausender Jobs bedeuten. "Für eine Gesellschaft, die sich immer noch aus einem bitteren Konflikt entwickelt, stellt dies eindeutig ein erhebliches und ernstes Risiko dar."
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lesheinen 30.05.2017
1.
Diese bösen Engländer drohen nach dem brexit eines der Geschäftsmodelle Irlands zu untergraben. Muss ich jetzt traurig sein? Oder kann ich mich rachsüchtig klammheimlich freuen?
lazyfox 30.05.2017
2. Marktwirtschaft für Politiker
Hallo ihr Anfänger in den Parlamenten. Merkt ihr nicht langsam, dass der Wettbewerb um Firmenansiedlungen mit niedrigen Steuern, die Staatskassen leert. Saaten - eines Marktes - im Wettbewerb um Niedrigsteuern, um den Weltkonzernen größere Gewinne zu ermöglichen. Ich denke damit liegt ihr grundsätzlich falsch. Marktwirtschaft ist der Wettbewerb der Unternehmen mit Produkten und Dienstleistungen um die Gunst der Käufer. Nicht gemeint ist der Wettbewerb der Staaten zugunsten von Unternehmen. Ein Markt ist ein 'Spielfeld' auf dem natürlich an jeder Stelle die gleichen Regeln für alle gelten müssen - sonst ist es einfach kein Markt im Sinne der Marktwirtschaft. Die Unternehmen sollen sich ja abheben durch Leistung und nicht durch Lobbyarbeit - was aber leichter erscheint. Immer größere Steuergeschenke werden die Staaten zu mehr Krediten verleiten, um ihren Verpflichtungen nachkommen zu können. Aber schon Adam Smith war der Meinung, dass der Staat als wesentlicher Teilnehmer des Marktes die Marktwirtschaft zerstört. Recht hat er, denn die Finanzmärkte - haben mit Marktwirtschaft nicht mehr zu tun. Finanzmärkte sind eher Plan- als Marktwirtschaften. Hat nicht die Planwirtschaft den Kommunismus zerstört? Ach - das hattet ihr vergessen - gut, dass ich daran erinnert habe.
olli08 30.05.2017
3. Visit Ireland!
Wahrscheinlich kann man den meisten "Befürchtungen" dieser Studie zustimmen, leichter wird es für die Iren wohl nicht werden. Was allerdings Nordirland angeht: Alle neuen oder aufgewärmten Probleme dort gehen nicht nur auf das Konto von Ms. May und den Brexiteers, sie müssen diese Suppe hoffentlich auch auslöffeln! Mal sehen, ob in England in 10 Jahren noch jemand laut zu wagen sagt, dass er mal für den Brexit gestimmt hat ...
akmsu74 30.05.2017
4. Steueroase
Die Iren müssen vor allem Eines fürchten - ihren eigenen Verrat an der EU durch ihre Steuer-Politik! Irland hat dem restlichen Europa massiv geschadet und wenn man dort jetzt die Zeche dafür zahlen muss, hält sich mein Mitleid in allerengsten Grenzen. Davon abgesehen - dann gibts eben noch ein Rettungspaket, was solls? Seit wann tragen die EU-Mitglieder (oder deren banken oder deren Unternehmen) ihre Schulden selbst, wo kämen wir denn da hin?! *Ironie OFF* Tatsache ist, Irland war einer der größten Profiteure des unregulierten Marktes - und der frisst seine Kinder, wie die Zeit. Wenn die Iren schlau sind, machen sie es wie die Isländer und schwenken auf Tourismus um. Die Insel ist schön und da ja kein vernünftiger Mensch mehr in die Gegenden südlich des Mittelmeeres fährt, hätte das viel Potenzial. Bei dem satten Grün ist Irland doch prädestiniert für Golfer, Wanderer, Natur- und Bio-Urlauber. Das wäre dann auch ein "ehrliches" Geschäftsmodell.
zensurgegner2017 30.05.2017
5.
Haben denn Autoren Scheuklappen? Irland vergibt seit Jahrzehnten Dumpingsteuerbescheide, handelt Sonderdeals aus, und Konzerne, die in Deutschland und Frankreich.... die Infrastruktur abnutzen, die die Sozialstrukturen nutzen, die erwirtschaften die Gewinne auf dem Papier in Irland, obwohl 98% aller Gewinne NICHT in Irland erwirtschaftet werden. Irlands schmutzigen und dreckigen Steuerdeals kostet die EU dutzende von Milliarden Steuereinnahmen, es vernichtet Fortschritt (siehe Studie EY zur Auswirkung von Steueroasen), und nun wird hier tatsächlich damit argumentiert, dass das so "arme" Irland eventuell Konkurrenz bekommt, die noch schamloser Steuerdumping betreibt? Wo bleibt die Aufrechnung , ob es nicht billiger wäre, Irland die Milliarden zu schenken, die die Dumpingsteuerbescheide enbringen, wenn im Gegenzug dafür die Dumpingbesteuerung fällt Wieviele Milliarden spart nur Apple durch diese dreckige Steuerabzocke im Jahr? 2 Milliarden? Wieviele Milliarden gaunert sich Irland durch schmutzige Steuerbescheide zusammen? 7 Milliarden? Es wäre ein gutes Geschäft, Irland die kompletten Steuermilliarden zu schenken, die diese dank Dumpigsteuer einnehmen, wenn im Gegenzug die Konzerne im Rest Europas normal Steuer bezahlen würden
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