Deutsche Unternehmerin in London "Vielen ist der Brexit peinlich"

Petra Braun betreibt in einem Londoner Vorort eine deutsche Bäckerei. Sie erzählt, warum sie seit der Brexit-Entscheidung schwieriger an Personal kommt - und wie sich ihre Sicht auf Großbritannien verändert hat.

Bäckerei "Hansel and Pretzel" im Londoner Vorort Richmond
SPIEGEL ONLINE

Bäckerei "Hansel and Pretzel" im Londoner Vorort Richmond

Ein Interview von


Die Deutsche Petra Braun führt gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten eine Bäckerei in Richmond, einem Vorort von London. "Hansel & Pretzel" heißt der Laden, sie backen und verkaufen dort seit mehr als zehn Jahren Laugenbrezeln, Franzbrötchen, Hefezöpfe. Die Kunden: Engländer und viele ausgewanderte Familien aus Deutschland, deren Kinder auf die deutsche Schule in der Nachbarschaft gehen.

Die Briten, sagt Petra Braun, seien ganz verrückt nach den "German Christmas Markets". Und nach Plätzchen und Stollen. Die liegen schon jetzt in der Auslage der Bäckerei, Ende November folgen dann Lebkuchen und Spekulatius. "So machen wir das jedes Jahr", sagt Braun. Aber nach Routine fühle sich im Moment gar nichts an. Das Chaos der entscheidenden Brexit-Phase bringe auch in ihrem Laden vieles durcheinander. Sie fühle sich ausgeliefert.

Die Inhaber Peter Wengerodt und Petra Braun
SPIEGEL ONLINE

Die Inhaber Peter Wengerodt und Petra Braun

SPIEGEL ONLINE: Frau Braun, Sie haben kurz nach dem Brexit-Referendum 2016 entschieden: "Jetzt erst recht" - sie haben damals Ihre Bäckerei ausgebaut und investiert.

Braun: Das stimmt. Aber der Umbau ist noch immer nicht fertig. Die zähen Brexit-Verhandlungen haben uns ganz schön ausgebremst. Wir mussten kämpfen, um unseren Laden am Laufen zu halten. Unser größtes Problem liegt beim Personal: Wir rekrutieren Bäcker aus Deutschland, die wissen, wie man deutsches Brot backt. Seit dem Brexit-Votum finden wir kaum mehr Leute, die nach England kommen wollen. Das Land ist für viele nicht mehr attraktiv - obwohl sich an den Bedingungen bis jetzt noch gar nichts geändert hat. Außerdem importieren wir alle Grundzutaten aus Deutschland. Je schlechter der Kurs beim britischen Pfund, desto teurer ist es für uns, die Rohstoffe einzukaufen. Da sind wir unheimlich abhängig.

SPIEGEL ONLINE: Theresa May hat in der vergangenen Woche einen Deal vorgestellt, den sie mit der EU ausgehandelt hat. Minister sind zurückgetreten, Brexit-Fanatiker wollen die Premierministerin stürzen. Wie erleben Sie als EU-Ausländerin den Showdown?

Braun: Kurz nach dem Referendum 2016 dachte ich: Das ist nicht mehr das Land, für das ich mich mal entschieden habe. Dieses Gefühl hat sich noch mal verstärkt. Ich kann gar nicht fassen, was hier in Großbritannien passiert. Man verzweifelt an dem Zustand der politischen Klasse in diesem Land. Da wächst auch die innere Distanz. Meine Tochter zum Beispiel hat sich gerade entschieden, nicht in England, sondern im schottischen Edinburgh zu studieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie sprechen die Leute an Ihrer Ladentheke über den Brexit?

Braun: Unser Laden steht in einer Gegend, in der 70 Prozent für "Remain" gestimmt haben, also für den EU-Verbleib. Die Leute sind hier offener gegenüber Europa als anderswo. Vielen ist der Brexit peinlich. Ich empfinde Großbritannien als ein tief gespaltenes Land. Wenn ich mit den Kunden rede, beobachte ich eine große Müdigkeit. Der Brexit zieht sich endlos lange hin. Die Leute haben keine Lust mehr, sich damit auseinanderzusetzen. Die EU-Ausländer im Land machen sich aber natürlich Sorgen: zum Beispiel diejenigen, die hier ein Haus gekauft haben und ein Darlehen zurückzahlen müssen. Panik herrscht nicht, eher ein gelähmter Dauerzustand.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte für Sie konkret besser laufen?

Braun: Mays Entwurf soll unter anderem einen vorläufigen Verbleib in der Zollunion vorsehen - damit könnten wir ganz gut leben. Aber wer weiß schon, ob es dabei bleibt? Im Moment ist wirklich alles möglich. Wir Unternehmer aus dem Ausland sind dem Brexit ausgeliefert, wir können nicht mitbestimmen. Es ist ein ständiges Auf und Ab. Ich würde mich freuen, wenn britische Politiker und Medien mal auf uns zukommen und fragen würden: Welche Konsequenzen hat denn der Brexit für euch als Nichtbriten? Wir haben ein Business aufgebaut, wir stellen Leute ein, wir zahlen Steuern, wir zahlen Mieten. Die Briten müssen sich klar machen: Wenn es hart auf hart kommt, sind wir weg.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich vorstellen, die Koffer zu packen und nach Deutschland zurückzukehren?

Braun: Die letzten Wochen und Monate dachte ich oft, oh weia, das kann tatsächlich auf einen harten Brexit hinauslaufen. Im schlimmsten Fall könnten wir dann unsere Waren aus Deutschland nicht mehr in den Hafen von Dover verschiffen. Und unser Geschäft nicht mehr betreiben. Das hätten wir kurz nach dem Referendum 2016 nie geglaubt. Trotzdem: Wir machen weiter. Wir haben zehn Jahre harte Arbeit in unsere Backstube gesteckt. Unsere Kunden sind froh, dass wir da sind. So einfach lassen wir uns nicht vertreiben.



insgesamt 63 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
at.engel 22.11.2018
1.
"...einer Gegend, in der 70 Prozent für "Remain" gestimmt haben, also für den EU-Verbleib." Nur unter diesen 70%, wählen eben auch eine ganze Reihe konservativ. Die haben Cameron gewählt und haben auch die aktuelle Regierung gewählt, haben Boris Johnson ins Rathaus gewählt, und auch ins Parlament... haben vielleicht auch Leute wie David Davis gewählt. Und ich frage mich immer, wie ganz normale Konservative solche Spielertypen wählen können. Ganz unabhängig jeglicher politischer Orientierung, gehört doch ein Teil der konservativen Abgeordneten zur Erholung nach Brighton oder sonst wohin geschickt - und damit meine ich nicht die Tatsache, dass sie für den Brexit sind, sondern die Art und Weise, wie da in GB teilweise Politik gemacht wird.
decathlone 22.11.2018
2. Diese Beispiele...
... werden auch den Austausch innerhalb Europas lähmen. Wenn man dies liest und mit dem Gedanken spielt, zum Beispiel eine Zeitlang in Italien zu arbeiten, dann stellt man sich doch die Frage, ob das Risiko angesichts der italienischen Regierung nicht zu hoch ist und nimmt eventuell davon Abstand. Wer garantiert mir, dass in ein paar Jahren in Frankreich nicht doch die Front National mit ihrem Hass auf Deutschland eine Rolle spielt? Das ist alles nicht gut. Die Betroffenen reagieren, indem sie munter die Staatsangehörigkeiten wechseln. Bisher musste man sich über sowas keine Gedanken machen.
Algol-Paradoxon 22.11.2018
3. Gejammer
" ...oh weia, das kann tatsächlich auf einen harten Brexit hinauslaufen. Im schlimmsten Fall könnten wir dann unsere Waren aus Deutschland nicht mehr in den Hafen von Dover verschiffen..." Mal davon abgesehen, daß der Lieferant verschifft und nicht der Empfänger, könnten sie natürlich weiterhin Ware importieren. Durch Zoll ggf. teurer als früher. Ja und? Dann werden die Teilchen ander Theke halt teurer. Die umliegenden Privatschulelteren werdens schon zahlen. Also bitte nicht so tun, als würde in Britannien nach einem harten Brexit kein Schiff mehr festmachen! Man kanns auch übertreiben mit dem Gejammer.
spon-facebook-10000640033 22.11.2018
4. Richmond ist Reich
Diese Backstube liegt in Richmond, eine der wohlhabendsten Ortsteile Londons. Die Kundschaft bezahlt bestimmt saftige Preise für die Erzeugnisse - wesentlich mehr als in Deutschland. Es ist ein Witz hier über Brexit zu reden ohne diese Leute zu fragen ob sie bereit sind Einkommenssteuer zu bezahlen um die 14 Millionen in Armut in UK zu unterstützen. A apropos - in Richmond hat man bestimmt Marie-Antoinette begegnet und danach gefragt ?
HerrPeterlein 22.11.2018
5. Preis spielt eine Rolle
Auch bei Waren die eher teurer sind spielt ein höherer Preis eine große Rolle. Wie soll sich so eine kleine Bäckerei mit dem Zollimport, längerer Lieferketten und einem größeren Lager auseinander setzen? Gleichzeitig bekommt man keine Spezialisten mehr, weil den die politische Lage zu unsicher ist. GB wird es überleben ob eine deutsche Bäckerei mehr oder weniger dort ist, aber die Summe zeigt welche Probleme auf das Land zu kommen. Ist die deutsche Bäckerei da raus, muss erstmal ein Ersatz Mieter her, genauso eine andere Firma die bei den Lieferanten bestellt, Angestellte einstellt, usw... Im Prinzip kann diese Rolle nur ein britisches Unternehmen übernehmen, dem Rest ist das Risiko zu hoch. Doch so sinkt neben den Einnahmen auch die Vielfalt vor Ort, damit der Standortvorteil.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.