Wirtschaftsreaktionen zum Brexit Lieber traurige Gewissheit als gar keine

"Der Deal ist gut für die Wirtschaft", sagt Theresa May über den Brexit-Vertrag. Daran gibt es bei den Betroffenen erhebliche Zweifel. Nach jahrelanger Unsicherheit sieht man die Einigung mit der EU dennoch als Fortschritt.

Teilnehmer der Jahreskonferenz des britischen Industrieverbands CBI
DPA

Teilnehmer der Jahreskonferenz des britischen Industrieverbands CBI

Von


Großbritannien verlässt die EU. Was lange nur als abstrakte Möglichkeit erschien, ist mit der Zustimmung der übrigen EU-Länder am Sonntag wieder etwas mehr zur Gewissheit geworden.

Aus der Politik mangelt es dazu nicht an betrübten Kommentaren. Von einer "Tragödie" sprach EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, von sehr "zwiespältigen Gefühlen" Bundeskanzlerin Angela Merkel. Deutlich positiver klingen im Vergleich dazu Stimmen aus der Wirtschaft.

So sprach der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) in einer ersten Reaktion von einem "fairen Angebot an Großbritannien", dem das Land zustimmen solle. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) teilte mit, die Zustimmung in Brüssel sei "ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einem geregelten Brexit". Und der Bundesverband deutscher Banken lobte, die vereinbarte Übergangsphase gebe "allen Beteiligten die Chance, die Details der künftigen wirtschaftlichen Beziehungen auszuarbeiten".

Weite Teile der Wirtschaft auf beiden Seiten des Ärmelkanals waren gegen den britischen EU-Austritt gewesen. Schließlich sind Unternehmen die größten Gewinner des europäischen Binnenmarktes. Viele profitierten auf die ein oder andere Weise auch von den so oft kritisierten EU-Subventionen. Doch am Ende nützten alle Warnungen nichts. Die britischen Bürger stimmten mit knapper Mehrheit für den Brexit.

Seitdem will die Wirtschaft vor allem eines: klare Ansagen. Gibt es künftig wieder Zölle und wie hoch fallen sie aus? Dürfen britische Banken weiter ihre Dienste auf dem Festland anbieten? Was wird aus Millionen Arbeitnehmern aus anderen EU-Ländern, die bisher auf der Insel arbeiten?

Die Unsicherheit schlägt sich in Großbritannien seit geraumer Zeit in Zahlen nieder: Unternehmen hielten sich mit Investitionen für die Zukunft zurück - weil die so ungewiss war. Schließlich schien selbst ein Rücktritt vom Brexit lange noch denkbar. Vor diesem Hintergrund dürfte vielen Firmen eine traurige Gewissheit nun lieber sein als gar keine. Wer als Firmenchef die Weichen für eine Zeit nach dem Brexit stellen will, kann seit Sonntag etwas sicherer sein, das Richtige zu tun.

"Abrissbirne für unsere Wirtschaft"

Dennoch bleibt noch vieles offen - besonders die Zustimmung des britischen Unterhauses zum Austrittsvertrag. Bis dahin gebe es "keine Entwarnung", hieß es vom VCI. Auch der VDMA rät seinen Mitgliedsunternehmen, "sich weiter auf einen chaotischen Brexit vorzubereiten".

Gegen einen sogenannten No-Deal-Brexit dürften in den kommenden Tagen und Wochen nicht zuletzt britische Unternehmensvertreter kämpfen. Solch ein Austritt ohne Vertrag wäre "eine Abrissbirne für unsere Wirtschaft", warnte John Allen, Chef des einflussreichen Industrieverbands CBI.

Auch deutsche Wirtschaftsvertreter appellieren an die britische Politik. "Nun ist das britische Parlament am Zug, es geht um alles oder nichts", sagte Holger Bingmann, Präsident des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel, dem "Handelsblatt". Auch Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, warnte gegenüber der Zeitung: "Der 'No Deal' ist noch nicht ausgeräumt".

Falls Premierministerin Theresa May den Vertrag durchs Parlament bringt, haben die Briten notfalls bis Ende 2022 Zeit, ein neues Handelsabkommen zu schließen. Damit werde man die engen Lieferketten zwischen Unternehmen in Großbritannien und auf dem Festland erhalten können, versprach May. "Der Deal ist gut für die Wirtschaft."

Das allerdings sehen die Betroffenen nach wie vor anders - zumindest hinter verschlossenen Türen. So sprach der Industrieverband CBI zwar offiziell von einem "Fortschritt", den man dank den Verhandlern auf beiden Seiten gemacht habe. Laut einer von ITV News veröffentlichten Email hatte der Chefverhandler des Verbands, Nicole Sykes, sich aber gegen solch eine Formulierung gewehrt. Es gebe "keinen Grund, die Verhandler zu loben, denke ich, denn es ist kein guter Deal".

Mit Material von Reuters

insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
theodtiger 25.11.2018
1. skuriler Artikel
SPON schreibt zum Schluss: "hatte der Chefverhändler des Verbands, Nicole Sykes, sich aber gegen solch eine Formulierung gewehrt. Es gebe "keinen Grund, die Verhandler zu loben, denke ich, denn es ist kein guter Deal". Was ist denn ein "Chefverhändler? Und was soll so eine wohl als Pointe gedachte, doch eher misslungene Schluss-sentenz eines Artikels über die wirtschaftlichen Aspekte des Brexits? Dass der Brexit aus wirtschaftlicher Sicht eine riesige Eselei ist, dürfte ja inzwischen hinreichend klar geworden sein. Der vorliegende Austrittsvertrag minimiert die Schäden für beide Seiten, was verbohrte Nationalisten allerdings wohl nicht sehen können. Lassen wir sie weiter träumen! - Aber warum gibt SPON die persönliche Meinung einer Person wieder, deren Funktion als "Chefunterhändler" völlig unverständlich ist? Den Brexit Deal haben Regierungsvertreter (Beamte) verhandelt.
Björn L 26.11.2018
2. Dank an die Briten für die Wiedervereinigung mit den verbliebenen EU-Staaten
Das mahnende Beispiel läßt uns alle näher rücken während wir alle die Spaltung innerhalb der britischen Gesellschaft beiwohnen dürfen. Der Deal wird nicht durch deren streitlustigen Politiker abgesegnet, sodass die Briten das perfekte Chaos ernten. Was anderes verstehen sie nicht. Die Brexiteers werden die Ersten sein, die darunter leiden werden. Karma
Nubari 26.11.2018
3. Die EU hat geliefert
Wer Zweifel hatte, dass die 27 Länder der Rest-EU uneinig sein werden, sah sich eines Besseren belehrt. Nun liegt der Ball in Britannien. Da nun der Austrittsvertrag auf dem Tisch liegt, sind die Chancen gestiegen, dass das Abkommen von Westminster angenommen wird. "Take it or leave it!" Wer nun gegen diesen Deal stimmt, muss die Verantwortung für die Folgen eines ungeregelten Austritts übernehmen. Ausgeschlossen ist dies jedoch nicht, denn DUP und die harten EU-Feinde müssen Kröten schlucken und über ihren Schatten springen. Doch einen besseren Deal wird es nicht geben, außer die ganze Sache abzublasen und in der EU zu bleiben.
Papazaca 26.11.2018
4. "Dennoch ist noch vieles offen?" Wie bitte?
Fast sicher ist es, das das Abkommen nicht durch das Unterhaus kommt. Also, klar ist fast gar nichts.
fatherted98 26.11.2018
5. Die Ablehnung des Deals...
....kommt nur etwas kurzfristig. Wer sich mit Zoll- und Einreisen auskennt, wird eine 3 Monats-Frist bis März recht kurz finden, um alle nötigen Zollschranken und Einreisemöglichkeiten zu etablieren. Vorbereitet ist jedenfalls nichts....man hatte ja immer den Deal im Blick. Immerhin....England ist eine Insel....außer zu Irland, Gibraltar und einigen kleinen Eilanden in der Karibik ist die Grenzziehung ja kein Problem. Mal sehen was passiert wenn die ersten Bauern merken, dass es keine Subventionen mehr aus Brüssel gibt....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.