Britische Großbank Barclays Chef-Banker versetzt Analysten in Sorge

Barclays überrascht mit einem Wechsel an der Spitze: Der bisherige Leiter der Investmentbanking-Sparte, Bob Diamond, übernimmt ab Oktober den Chefposten. Experten glauben , dass Englands zweitgrößte Bank wieder stärker auf riskante Geschäfte setzt.

Der designierte Barclays-Chef Bob Diamond: Sorgen um Casino-Kurs der Bank
REUTERS

Der designierte Barclays-Chef Bob Diamond: Sorgen um Casino-Kurs der Bank


London - Er ist noch keinen Tag im Amt, da versetzt er schon die britische Finanzwelt in Aufruhr: Bob Diamond, bisher Präsident und Leiter der Investmentbanking-Sparte wird neuer Chef der Großbank Barclays.

Diamond ist seit 14 Jahren bei Englands zweitgrößtem Institut. Seine Meriten hat sich der Amerikaner beim Aufbau der Investmentbanking-Sparte Barclays Capital verdient. Außerdem war er maßgeblich an der Übernahme der US-Investmentbank Lehman Brothers beteiligt, die sich für Barclays trotz des Zusammenbruchs als Gewinnbringer erwiesen hat. Auch die von ihm geleitete Investmentbanking-Sparte ist erfolgreich: Sie trägt am meisten zu den Gewinnen des gesamten Instituts bei.

Der Wechsel an der Führungsspitze wirft Fragen über die künftige Strategie von Barclays auf. Sein Vorgänger John Varley hatte sich zum Ziel gesetzt, die Abhängigkeit des Instituts von Barclays Capital zu reduzieren. Bislang hat Diamond keine Erfahrung im Privatkunden- oder Kreditkartenggeschäft, einem wichtigen Teil des Geschäfts von Barclays in den USA und Europa. Erst kürzlich hatte er die Leitung des Firmenkundengeschäfts und der Vermögensverwaltungssparte übernommen.

Finanzexperten gehen deshalb davon aus, dass mit seiner Wahl die Bedeutung des Investment-Geschäfts weiter steigt. Doch genau das ist riskant. Der Analyst Arturo de Frias von Evolution Securities geht davon aus, dass der Führungswechsel "eine der Hauptschwächen weiter betont - nämlich zu viel Investment-Banking und zu wenig Einzelkundengeschäft", sagte er dem "Wall Street Journal".

Auch englische Politiker sorgen sich. Obwohl Barclays im Gegensatz zu Konkurrenten auch ohne Staatshilfe durch die Finanzkrise kam, wurde seine Abhängigkeit vom riskanten Investment-Geschäft von der Politik oft gerügt. Wie die BBC berichtete, kommentierte ein Politiker den Wechsel als "Casino-Übernahme". Das Institut selbst versuchte die Bedenken zu zerstreuen. Ihr gegenwärtig verfolgtes Bankenmodell werde sich durch den Wechsel nicht ändern, teilte die Bank mit.

Mit der Übernahme des Vorstandsvorsitzes Diamond auch beim Gehalt an die Spitze treten: Sein Jahresgehalt wird von 250.000 Pfund auf 1,35 Millionen Pfund steigen. Wenn es für Barclays gut läuft, kann er außerdem mit bis zu 10 Millionen Pfund an Bonuszahlungen und Anreizprämien rechnen. Varley, der zurzeit 1,1 Million Pfund pro Jahr erhält, soll nach Angaben eines Sprechers keine Abfindung bekommen.

kim/AP/Reuters



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