Zinsskandal Ehemaliger Barclays-Chef fühlt sich als Opfer

Die Abgeordneten trauten ihren Ohren nicht: Einen Tag nach seinem Rücktritt erschien Ex-Barclays-Chef Bob Diamond bei der ersten Anhörung zum britischen Bankenskandal im Unterhaus - und präsentierte sich als Opfer. Die Behörden ermitteln wegen Zinsmanipulationen gegen zahlreiche Geldhäuser.

Zurückgetretener Barclays-Chef Diamond: "Ich kann nicht zurückgehen und es ändern"
DPA

Zurückgetretener Barclays-Chef Diamond: "Ich kann nicht zurückgehen und es ändern"


Von Zerknirschung oder Reue keine Spur: Am Tag nach seinem Rücktritt erschien der frühere Barclays-Chef Bob Diamond am Mittwoch gewohnt selbstbewusst vor dem Finanzausschuss des britischen Unterhauses.

Die Zinsmanipulationen seien ein branchenweites Problem, erklärte der 60-jährige Amerikaner in der mehrstündigen Anhörung. Barclays stehe nur deshalb im Mittelpunkt der Kritik, weil die Bank als erste gegen die illegalen Praktiken vorgegangen sei.

Der geschasste Spitzenbanker ließ durchblicken, dass er die öffentliche Aufregung für ungerechtfertigt hält. Zurückgetreten sei er nur, um den Druck von Barclays zu nehmen, sagte er. Und fügte hinzu: "Ich liebe Barclays." Die Abgeordneten wollten ihren Ohren nicht trauen: Der Ex-Chef hatte aus seiner Sicht also nicht die Verantwortung für Managementfehler übernommen, sondern sich zum Wohle seiner Firma geopfert.

"Verwerfliches Verhalten" von 14 Händlern

Seit Tagen dominiert der Libor-Skandal die Schlagzeilen auf der Insel. Die Banken in der Londoner City sollen jahrelang den Interbankenzins Libor manipuliert haben, zu dem sie sich untereinander Geld leihen. Auf beiden Seiten des Atlantiks laufen Ermittlungen gegen zahlreiche Geldhäuser. Barclays hatte vergangene Woche als erste Bank eine Strafe von 290 Millionen Pfund zahlen müssen.

Die Abgeordneten wollten nun von Diamond wissen, wie die Zinsmanipulationen seiner Händler von 2005 bis 2009 unbemerkt bleiben konnten. Und war dieses Verhalten nicht einer gewissen Kultur geschuldet, die der gelernte Investmentbanker Diamond in seinen 16 Jahren bei der Bank etabliert hatte?

Diamond sagte, es habe "verwerfliches Verhalten" von 14 Tradern gegeben. Alle seien entlassen oder suspendiert worden, sobald die Vorwürfe bekannt wurden. Ein Versagen des Top-Managements wollte er nicht erkennen. Im Gegenteil: Während der dreijährigen Untersuchung durch die britischen und amerikanischen Behörden habe Barclays alles getan, um zur Aufklärung beizutragen.

Ihm sei "übel geworden", als er zum ersten Mal von den Zinsmanipulationen gehört habe, sagte Diamond. Seine Empörung klang wenig überzeugend. Zwischen 2005 und 2009 fand bei Barclays eine besondere Form des Insiderhandels statt. Der Libor-Zins wird jeden Tag neu ermittelt: Vormittags teilen Händler von 18 Banken dem britischen Bankenverband mit, wie viel sie für Kredite mit unterschiedlicher Laufzeit zahlen müssen. Der Durchschnitt dieser Werte ist dann der Libor für den Tag. Am Libor orientieren sich Geldinstitute in der ganzen Welt - er legt den Zins für Immobilienkredite, Sparverträge und Anleihen fest.

Diamond entlastet die Bank of England

Einzelne Barclays-Trader hatten nun die für die Libor-Meldungen zuständigen Kollegen 127 Mal gebeten, einen höheren oder niedrigeren Zinssatz an den Bankenverband zu melden. Aus den winzigen Zinsschwankungen, die dadurch entstanden, schlugen sie dann Millionenprofite. Diamond bestritt, dass diese Mitarbeiter - und ihre Chefs - im Sinne des Managements gehandelt hätten. Sie hätten schlicht ihren Job nicht gemacht, sagte er. "Ich kann aber nicht zurückgehen und es ändern."

Die erwartete Abrechnung mit den Banken-Aufsehern blieb aus. Am Dienstagabend hatte Barclays eine explosive E-Mail veröffentlicht. Demnach hatte die Bank of England auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Oktober 2008 Barclays nahegelegt, die Zinsen zu manipulieren.

Es war daher erwartet worden, dass Diamond auch in seiner Aussage die Bank of England und die damalige Labour-Regierung in den Skandal mit hineinzieht. Doch verzichtete der Banker auf jegliche Konfrontation. Er sei von der Bank of England nicht angewiesen worden, die gemeldeten Libor-Werte zu senken, sagte er. Den plötzlichen Fall von Barclays' Libor-Werten in den Tagen danach erklärte er mit einer Kapitalspritze von außen, die Barclays' Position am Markt gestärkt habe.

Sollte die Zentralbank tatsächlich eine Bank dazu gedrängt haben, niedrigere Zinswerte als die tatsächlichen Marktwerte zu melden, damit das Bankensystem nach außen finanziell gesünder erscheint, dann wäre das britische Bankwesen in seinen Fundamenten erschüttert. Diamonds Aussage nimmt zwar etwas den Druck von der Bank of England, doch die Zweifel bleiben.

Behörden überprüfen zwei Dutzend Geldhäuser - auch die Deutsche Bank

Diamonds Befragung war die erste von vielen Anhörungen, die in den kommenden Monaten Licht in den Zins-Skandal bringen sollen. Zudem laufen noch die Ermittlungen der Bankenaufsichtsbehörden gegen zahlreiche Banken. Bis zu zwei Dutzend Geldhäuser sind im Visier der Behörden, darunter auch die Deutsche Bank.

Die konservative Regierung und die Labour-Opposition streiten noch darum, wie der Skandal aufgeklärt werden soll. Premierminister David Cameron will einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einsetzen. Nur so könnten die Vorkommnisse schnell bis Ende des Jahres aufgeklärt und gesetzliche Empfehlungen erarbeitet werden. Oppositionsführer Ed Miliband von der Labour-Partei fordert eine unabhängige Kommission unter Vorsitz eines Richters.

Eine Konsequenz der Affäre könnten härtere Strafen sein. "Die Regierung muss sicherstellen, dass solche Handlungen künftig mit Haftstrafen belegt werden", forderte John Longworth, Chef des britischen Handelskammerverbandes, der BBC. Sonst leide der Ruf der gesamten britischen Wirtschaft. Auch die Forderung nach einer Aufspaltung von Geschäfts- und Investmentbanken wird nun wieder laut.

Skeptiker verweisen darauf, dass das Problem nicht einzelne Banken oder einzelne Praktiken seien, sondern die Kultur in der Londoner City insgesamt. In den vergangenen 15 Jahren habe der Wettbewerb im Finanzsektor derart zugenommen, dass Banken mit allen Mitteln ihre Profitmargen zu verteidigen suchten, sagte IG-Händler David James. Es sei sehr schwierig, diesen Trend umzukehren.



insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zynik 04.07.2012
1.
Zitat von sysopDPADie Abgeordneten trauten ihren Ohren nicht: Einen Tag nach seinem Rücktritt erschien Ex-Barclays-Chef Bob Diamond bei der ersten Anhörung zum britischen Bankenskandal im Unterhaus - und präsentierte sich als Opfer. Die Polizei ermittelt wegen Zinsmanipulationen gegen zahlreiche Geldhäuser. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,842655,00.html
Soviel zum Thema Eigenverantwortung unserer "Leistungsträger".
kafka01 04.07.2012
2. Opfer...
Bei den Banken gibts immer nur Opfer - schuldig ist da nie jemand.Würde man diese Leute gemeinsam in einen Sack stecken und draufhauen würde man nie den Falschen treffen, soviel dazu...
DCWorld 04.07.2012
3. Die Medien wollen das so
Es ist schon seit Ausbruch der Finanzkrise zu beobachten, dass die Medien diesen Weg folgen. Die Schudigen werden als Opfer hingestellt. Im Grunde soll man mit Ihnen Mitleid empfinden. Nicht umsonst "leiden" die Staaten unter dem Schuldenberg. Es wird ein Bild des "armen Schuldners" gemalt. Schuldenkrise: Die Macht der Worte » Blog - start-trading.de (http://www.start-trading.de/blog/2012/07/04/schuldenkrise-die-macht-der-worte/) Daher ist es gar nicht abwägig, dass sich auch der Barclays-Chef als Opfer darstellt. Die Strategie hat schon oft funktioniert. Wenn jetzt auch noch ein paar Blätter diese Vorgehensweise unterstützden, indem sie ins gleiche Horn blasen, dann kann der Beschuldigte schon bald sich all seinen Verfehlungen entledigen.
Madir 04.07.2012
4.
Warum wird Banken, wenn sie nachweislich kriminell gehandelt haben, nicht die Lizenz entzogen und die Bank abgewickelt? Was einige Banken seit Jahren abziehen grenzt doch an organisierte Kriminalität.
suane 04.07.2012
5.
Und auch er wird nach dieser kleinen harmlosen Talkrunde nicht belangt werden...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.