Britisches Pfund unter Druck Crash-Wette auf das verwundete Königreich

Erst der Euro, jetzt das Pfund? Die britische Währung gerät massiv unter Druck. Spekulanten setzen darauf, dass die Regierung in London ihre Schulden bald nicht mehr im Griff hat. Tatsächlich herrschen in dem Land griechische Verhältnisse - und das Königreich hat keine Euro-Partner im Rücken.

Von , London

Londons Finanzdistrikt Canary Wharf: Schwächeanfall der Währung
REUTERS

Londons Finanzdistrikt Canary Wharf: Schwächeanfall der Währung


Mit einiger Schadenfreude blickten die Briten in den vergangenen Monaten gen Süden. Die finanziellen Probleme der Pigs-Staaten Portugal, Italien, Griechenland und Spanien bestätigten sie in ihrer Meinung, dass es richtig war, dem Euro fernzubleiben. Heilfroh sind sie auf der Insel, dass sie nicht wie die Deutschen nun für griechische Haushaltssünden geradestehen müssen.

Dabei steht es um die britischen Finanzen selbst alles andere als gut: Nach dem Euro haben Spekulanten nun auch das Pfund ins Visier genommen - und den Briten gezeigt, wie verwundbar die eigene Währung ist. Anfang der Woche rutschte das Pfund auf ein Zehnmonatstief von 1,4781 Dollar. Seither hat es sich zwar leicht erholt - am Mittwoch stieg es wieder über die 1,50-Dollar-Marke. Aber der Druck der Märkte hält an.

Der Anlass für den neuesten Schwächeanfall der Währung waren die jüngsten politischen Umfragen, die den erwarteten Sieg der Konservativen bei der Unterhauswahl (voraussichtlich am 6. Mai) in Zweifel ziehen. Die Märkte reagierten alarmiert, weil bei einem Patt im Parlament der politische Willen zu einem harten Sparkurs fehlen könnte.

Die politische Unsicherheit ist jedoch nur ein vorübergehender Sturm. Die Konservativen sind weiterhin die Favoriten bei der Wahl. Eine Reihe von Besonderheiten des Mehrheitswahlrechts macht einen eindeutigen Sieger wahrscheinlich - allen Unkenrufen zum Trotz. Auch ist nicht gesagt, dass eine Minderheitsregierung keinen Sparkurs durchziehen könnte.

Den Staatsfinanzen geht es schlecht - egal, wer die Wahl gewinnt

Den eigentlichen Grund zur Sorge bieten die fundamentalen Faktoren, die das Pfund verwundbar machen und die den Abwärtstrend der Währung seit Oktober 2008 beschleunigen. Diese blieben bestehen, egal wer die Wahl wie hoch gewinnt.

Es beginnt mit dem Ausmaß des Haushaltslochs. Die Briten sind mit Abstand die Schuldenmeister der G-20-Staaten. Das Defizit liegt in der gleichen Größenordnung wie das griechische - rund 13 Prozent in diesem Jahr. Nominell herrschen also griechische Verhältnisse an der Themse. Nur ist die britische Wirtschaft deutlich dynamischer und wettbewerbsfähiger als die griechische, daher wurde dem Land bislang zugetraut, selbst das Loch zu schließen. Auch hat die britische Regierung das Glück, dass ihre Schulden durchschnittlich erst in 14 Jahren fällig werden. Das gibt ihr viel Zeit zum Luftholen.

Trotzdem verlieren die internationalen Kapitalgeber zunehmend die Geduld. Seit Jahresbeginn ist der Anteil ausländischer Inhaber britischer Staatsanleihen von 35 auf 29 Prozent gesunken. Die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen, ein Ausdruck des Risikos, ist auf über vier Prozent geklettert. Die Zahl der Short-Kontrakte an der Terminbörse von Chicago, die auf den Wertverlust des Pfunds spekulieren, ist sprunghaft gestiegen. Die Zahlen spiegeln das neue Misstrauen der Märkte.

Das wahre Ausmaß der Krise wird verschleiert

Die Briten haben in den vergangenen Monaten stets stolz auf die Vorteile einer eigenen Währung in der Krise verwiesen. Durch die Abwertung des Pfunds wurden Exporte billiger und Investitionen auf der Insel attraktiver. Die heimische Wirtschaft hat davon profitiert: Im ersten Quartal 2010 soll sie zum ersten Mal seit 2008 wieder wachsen, in der Größenordnung von gut einem Prozent.

Auch konnte die Bank von England in großem Stil intervenieren und die Zinsen niedrig halten, so dass Regierung und Verbraucher weiter günstig an Geld kommen. Attraktive Hypothekenzinsen haben dazu geführt, dass der Immobilienmarkt wieder angezogen hat, was wiederum die Stimmung im Land hebt.

Die Kehrseite dieser Geldpolitik ist jedoch, dass das wahre Ausmaß der Krise verschleiert wird. Die jüngsten Anleihenverkäufe der britischen Regierung waren allesamt verzerrt, weil die Bank von England den Großteil dieser Anleihen gekauft hat. So konnte die Regierung zwar zu günstigen Konditionen ihr Defizit finanzieren, aber gleichzeitig wurde Vertrauen an den Märkten verspielt.

Ebenso wurde die verheerende Verschuldung der britischen Verbraucher übertüncht. Mit 170 Prozent des Jahreseinkommens sind die britischen Haushalte noch höher verschuldet als die Amerikaner. Die von der Bank von England niedrig gehaltenen Zinsen nähren diese Blase noch. Früher oder später wird eine Anhebung der Zinsen jedoch unvermeidlich - die Binnennachfrage droht dann einzubrechen.

Als relativ kleines Land ist das Königreich verwundbar

Wäre Großbritannien seinerzeit der Eurozone beigetreten, hätte ein Teil dieser Exzesse wohl verhindert werden können. Dafür hätten die fiskalpolitischen Vorgaben der Gemeinschaftswährung schon gesorgt. Im Durchschnitt beläuft sich das Defizit der Euroländer nur auf sechs Prozent. Auch hätte Großbritannien sich nun hinter der Reputation der solideren Euroländer verstecken können, wie es die Griechen tun. Als relativ kleines Land mit einer eigenen Währung ist das Königreich leichter verwundbar.

Trotzdem überwiegt auf der Insel weiter die Meinung, man stehe allein besser da. Die Hoffnung auf den Aufschwung wird durch eine Reihe positiver Indikatoren genährt. Zuletzt stieg am Mittwoch der Markit-Service-Index, der die Stimmung der britischen Dienstleister misst, auf den höchsten Stand seit über zwei Jahren. Darauf zog auch das Pfund wieder an.

Die Währung bleibt jedoch labil. Die Herabstufung der britischen Bonität durch die Rating-Agenturen gilt zwar als unwahrscheinlich, kann aber nicht ausgeschlossen werden. Standard and Poor's hatte die britischen Anleihen im Mai 2009 bereits auf "Ausblick negativ" gesetzt. Sollte Großbritannien sein Triple-A-Rating tatsächlich verlieren, dürfte dies katastrophale Auswirkungen auf das Pfund haben: Für die Spekulanten gäbe es kein Halten mehr.



Forum - Wie bedroht ist der Euro?
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Seite 1
günter1934 10.02.2010
1.
Zitat von sysopMega-Defizite in Griechenland, Spanien und anderen Ländern bringen den Euro-Kurs unter Druck, das Krisenmanagement der Politik schwankt zwischen Aktionismus und Hilflosigkeit - steht der Euro vor dem Crash?
Der steht nicht mehr und nicht weniger vor dem Crash wie der Dollar. In den USA gibt es ja auch Bundesstaaten, die vor der Pleite stehen, Terminator lässt grüssen. Das wird dort sicher auch solange geregelt, wie es nur geht. Bis das ganze System crasht, dort wie bei uns.
Nutu 11.02.2010
2.
och nöööööööö ... nich schon wieder ne währungsumstellung. Ich weiss nich woher die griechen es langfristig nehmen wollen. Ihre Touristen haben sie jedenfalls vergrault.
tylerdurdenvolland 11.02.2010
3. Tolles Signal!
Zitat von sysopMega-Defizite in Griechenland, Spanien und anderen Ländern bringen den Euro-Kurs unter Druck, das Krisenmanagement der Politik schwankt zwischen Aktionismus und Hilflosigkeit - steht der Euro vor dem Crash?
Heissa! Da freut man sich in Irland Spanien und Portugal & Co, wenn man Griecheland mit Beram aushilft,dann kann man ja andetrswo getrost geauso weiter machen. Das "too big to fail" schreitet fort in eine andere Dimension. Steuerzahler und Wähler, wie dumm seid ihr doch...
amarildo 11.02.2010
4. Urlaub
Zitat von sysopMega-Defizite in Griechenland, Spanien und anderen Ländern bringen den Euro-Kurs unter Druck, das Krisenmanagement der Politik schwankt zwischen Aktionismus und Hilflosigkeit - steht der Euro vor dem Crash?
If hoffe das der Euro abrutscht. Ich will nach DE und andere EU Staaten in Urlaub fahren und hoffe auf eine gute Umtausch rate.
mexi42 11.02.2010
5. Der Crash ...
Zitat von sysopMega-Defizite in Griechenland, Spanien und anderen Ländern bringen den Euro-Kurs unter Druck, das Krisenmanagement der Politik schwankt zwischen Aktionismus und Hilflosigkeit - steht der Euro vor dem Crash?
war für jeden denkenden Menschen zu erkennen. Die Inhomogenität aller Mitgliedsstaaten begründet das Problem. Französischer Zeitungskommentar: Maastricht ist wie Versailles ohne Krieg. Die Deutschen müssen zahlen.
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