Angst vor China Der letzte Kampf der europäischen Stahlriesen

Manager und Malocher gehen gemeinsam auf die Straße: Es muss schlimm stehen um die europäische Stahlindustrie. Die Branche protestiert gegen Billigkonkurrenz aus China - und fürchtet um das weltwirtschaftliche Machtgefüge.

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AFP

Stahlarbeiter in Europa fürchten um ihre Jobs. Darum sind Tausende von ihnen in Brüssel auf die Straße gegangen. Doch anders als sonst, richtet sich ihre Wut diesmal nicht gegen die Bosse der Konzerne. Vielmehr marschieren Manager und Arbeiter Seite an Seite. Denn sie haben zwei große gemeinsame Gegner ausgemacht: die Billigkonkurrenz aus China und die Klimapolitik der EU.

Über die günstigen Einfuhren aus China und die - im Vergleich zu anderen Regionen - strengen Emissionsregeln in Europa jammert die Branche bereits seit Jahren. Doch demnächst steht eine Entscheidung an, die das globale wirtschaftliche Machtgefüge grundlegend verändern könnte.

Bereits Ende des Jahres könnte China den Status einer Marktwirtschaft zugesprochen bekommen. Dann dürfte das Land nicht mehr anders behandelt werden als die übrigen großen Handelspartner - und die EU könnte die heimische Stahlbranche weniger gut schützen.

Wie es bisher läuft, ließ sich vergangene Woche beobachten, als sich die Stahllobby noch über eine Entscheidung der EU-Kommission freuen konnte: Zum Schutz der heimischen Industrie will die EU auf bestimmte Stahlprodukte aus China und Russland Anti-Dumping-Zölle erheben. Die Kommission brachte zudem drei neue Anti-Dumping-Untersuchungen gegen Stahllieferungen aus der Volksrepublik auf den Weg.

Sollte China aber demnächst als Marktwirtschaft anerkannt werden, dann wären solche Anti-Dumping-Maßnahmen schwerer zu verhängen und Einfuhren nach Europa wären leichter möglich. Dass die Volksrepublik gute Chancen hat, den Marktwirtschaftsstatus zu erhalten, hängt mit einer Entscheidung aus dem Jahr 2001 zusammen. Damals wurde China Mitglied der Welthandelsorganisation WTO, die der Führung in Peking versprach, dass ihr Land spätestens nach 15 Jahren als Marktwirtschaft anerkannt werde.

Nun pocht China auf die Einhaltung dieser Abmachung. EU-Juristen sind skeptisch, ob sich die damalige Zusage noch rückgängig machen lässt. Neben der Stahlindustrie fürchten auch die Solarbranche und die Textilindustrie eine noch stärkere Konkurrenz aus Fernost.

Dass die Stahlbranche nun so mobil macht, dürfte auch an ihrer sowieso schon schwierigen Lage liegen. In den vergangenen Jahren gingen in Europa laut EU-Kommission rund 40.000 Stahl-Arbeitsplätze verloren. Die Schwäche der Weltwirtschaft sorgt dafür, dass der globale Stahlbedarf nur moderat steigt. Experten zufolge sitzt China als weltgrößter Stahlproduzent auf einer Überproduktion von 340 Millionen Tonnen.

Laut einer aktuellen Prognose der Beratungsgesellschaft PwC kommt hinzu, dass infolge der Sanktionen auch in Russland der Stahlverbrauch schrumpft, der Rubelabsturz zugleich aber russische Stahlexporte günstiger macht.

Der Preisverfall schlägt sich auch in den Bilanzen der großen Hersteller nieder. So schloss Weltmarktführer ArcelorMittal Chart zeigen das vergangene Jahr mit einem Rekordverlust ab und braucht nun Finanzspritzen in Milliardenhöhe. Auch ThyssenKrupp Chart zeigen schrieb im vergangenen Quartal rote Zahlen.

Die Stahlbranche leide derzeit unter enormen Überkapazitäten, sagt der Handelsexperte Rolf Langhammer vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. "Vor diesem Problem können wir uns nicht retten, indem wir China den Marktwirtschaftsstatus verweigern." Die EU könne es auf eine Klage ankommen lassen und den Status an Bedingungen knüpfen, sagt Langhammer. Dann aber seien Vergeltungsmaßnahmen aus Peking wahrscheinlich - zumindest aber eine Streitschlichtung mit dem Risiko für die EU zu unterliegen.

Der Experte plädiert deshalb für Verhandlungen mit den chinesischen Unternehmen, um sie zur kostengerechten Preisgestaltung zu bewegen. Je mehr die EU-Kommission Einsicht in chinesische Preissetzung gewinne, desto mehr seien die Unternehmen motiviert, Dumping zu unterlassen, sagt Langhammer.

Und selbst wenn China den Marktwirtschaftsstatus erhalte, habe die EU noch alle Instrumente, um gegen Dumpingpreise vorzugehen. Nur dass dann Anti-Dumping-Zölle niedriger ausfallen dürften. Die Kommission dürfe zudem nicht nur die Interessen der Stahlhersteller, sondern müsse auch die der Verarbeiter im Blick haben, sagt Langhammer. Diesen Unternehmen, etwa in der Autoindustrie, nütze der niedrige Stahlpreis.

Die Beratungsgesellschaft PwC fordert von den europäischen Herstellern, sich angesichts der Billigkonkurrenz aus China auf ihre Stärken zu besinnen. Ein reiner Preiskampf sei mittel- und langfristig nicht zu gewinnen, schreiben die Experten. Dafür könne vor allem die deutsche Stahlbranche mit qualitativ hochwertigen Produkten, einer engen Lieferkette zur Industrie und der Nähe zu Kunden punkten. Etwa wenn Abnehmer bereits früh in Produktionsprozesse miteinbezogen werden und selbst Liefertermine mitbestimmen können. Das Motto der europäischen Stahlhersteller müsste also lauten: Qualität schlägt Quantität.



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Seite 1
johannesraabe 15.02.2016
1.
Das nennt man Industrielle Revolution, Stahl ist ein unwürdiges Gut für eine Dienstleistubgsnation.
spontanistin 15.02.2016
2. Die Gesetze des Kapitalismus!
Erst erfinden und exportieren die Europäer den Kapitalismus und dann wollen sie dessen Regeln und unausweichlichen Konsequenzen nicht wahr haben. Irgendwie kurzsichtig.
fblars 15.02.2016
3. Massenware
Einfache Normstähle, dass können andere Regionen der Welt günstiger. Spezialstähle, etwas wo Know-How vergütet wird, dass ist etwas wo Europa punkten kann. Worüber der Artikel nichts aussagt, ist die Verteilung der Produktqualitäten und zu stemmenden Verluste in Europa. Es wurde nicht mit einem Satz erwähnt, wie es speziell der deutschn Stahlindustrie geht.
karlsiegfried 15.02.2016
4. Pech gehabt
Das ist derPreis tollen Globalisierung. Ers hurra schreien und dann jammmern
flipbauer 15.02.2016
5. gewusst?
Zitat von karlsiegfriedDas ist derPreis tollen Globalisierung. Ers hurra schreien und dann jammmern
Das Verfahren zur Stahlgewinnung kommt übrigens aus China.Haben wir, wie so vieles damals, geklaut.
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