Von Gustav A. Horn und Michael Hüther
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Gustav Horn ist Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung.
Die Finanzkrise ist vorbei, die jüngsten Konjunkturzahlen fallen gut aus, nun kann man erst mal aufatmen. Offensichtlich erholt sich die deutsche Wirtschaft sehr kräftig. Besonders stark ist – wieder einmal – der Export. War also was? Alles ist doch gut.
Wer so denkt, verkennt die tektonischen Verschiebungen, die durch die globale Finanzkrise ausgelöst wurden. Und er verkennt die bisherige Natur des Aufschwungs, der eigentlich noch gar keiner ist. Denn das Produktionsniveau hat noch nicht wieder das Vorkrisenniveau erreicht. Folglich geht es derzeit nicht darum, Kapazitäten zu erweitern, sondern darum, sie besser und effizienter auszulasten.
Dass sich die deutsche (Export-)Wirtschaft überhaupt in dieser komfortablen Lage befindet, ist den weltweiten Konjunkturprogrammen zu danken. Die massive Stimulanz der Wirtschaft vor allem in Asien hat den Volkswirtschaften dort rasch wieder auf die Sprünge geholfen. Von deren Nachfrage profitieren jetzt auch unsere Exportindustrien. Mit gehörigem Abstand gilt dies auch für Europa und die USA. Vor dem Hintergrund der tiefen Krise ist all dies ein Erfolg, aber das Ziel, ein selbsttragender Aufschwung, ist noch nicht erreicht.
Über Jahre wurden die Einkommen nach oben verteilt
Will man diesem Ziel in Deutschland näher kommen, muss man sich von den Rezepten der Vorkrisenzeit verabschieden. Dazu gehört das Mantra der Lohnmäßigung. Es war genau diese Lohnmäßigung, also das Zurückbleiben der Löhne hinter den mittelfristigen Produktivitätszuwächsen, die zum Entstehen der Krise beigetragen hat. Sie hat nämlich dazu geführt, dass über Jahre hinweg die Einkommen umverteilt wurden: von Arbeit zu Kapital, von der Mittel- und Unterschicht hin zur Oberschicht.
Erst auf diese Weise konnte jene Vermögensballung entstehen, die nach renditeträchtigen Anlagen auf den Finanzmärkten suchte - mit entsprechendem Risiko. Nur so konnte ein entfesselter Finanzmarkt sein gefährliches Wesen voll entfalten. Die Lohnmäßigung trug auch zur Entstehung der weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte bei: Sie führte zwar zu Wettbewerbsvorteilen für die Exportindustrien, belastete wegen ihrer negativen Nachfragewirkungen jedoch die binnenwirtschaftlich orientierten Unternehmen. Im Ergebnis hing das Wachstum in Deutschland am Außenhandelsüberschuss. Diese Welt ist in der Finanzkrise untergegangen.
Arbeit muss sich lohnen, nicht nur Kapitalbesitz
Denn unsere bis dato besten Kunden, die USA und vor allem viele europäische Länder, deren Verbraucher sich für ihren Konsum kräftig im Ausland verschuldeten, können sich das künftig nicht mehr leisten. China und andere asiatische Staaten können den Wegfall dieser Märkte rein quantitativ nicht ersetzen, zumal China selbst am meisten unter der amerikanischen Nachfrageschwäche leiden wird.
Deshalb muss Deutschland stärker auf seine Binnennachfrage setzen, und zu einer florierenden Binnennachfrage gehören leistungsgerechte Löhne, die sich endlich wieder an der Produktivität orientieren. Das heißt: Die Löhne müssen stärker steigen als in den vergangenen Jahren. Einen selbsttragenden Aufschwung wird man in Zukunft nur erreichen, wenn die Umverteilung von unten nach oben ein Ende hat. Wenn sich auch Arbeit wieder lohnt, und nicht nur Kapitalbesitz.
Michael Hüther ist Direktor des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln.
Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Halbjahr 2010 deutlich in Schwung gekommen, alle Industriebranchen sind auf Erholungskurs. Die Krise hat sich nicht als tiefer Strukturbruch erwiesen, sondern als Wachstumspause. Dies liegt vor allem daran, dass die Ursachen der Krise in der Finanzwirtschaft lagen - und nicht in der Realwirtschaft. Klar ist freilich auch, dass die gegenwärtig positive Entwicklung nicht einfach zum Selbstläufer wird. Denn für die Weltwirtschaft gibt es nach wie vor große Risiken.
Die gute Nachricht: Deutschland profitiert überproportional von der weltweiten Erholung. Das Land ist nicht mehr der kranke Mann Europas, sondern Wachstumslokomotive. Die hiesigen Unternehmen haben angemessen investiert - und stehen international gut da.
Nun kommt es darauf an, die Chancen für zusätzliche Produktionskapazitäten und zusätzliche Beschäftigung nicht zu verbauen. Hier ist entscheidend, welche künftigen Kosten die Unternehmen erwarten. Dabei geht es um Rohstoffkosten, Belastungen durch den Staat - und eben auch Arbeitskosten.
Die Löhne hätten theoretisch sinken müssen
Manche Ökonomen vertreten die These, höhere Löhne würden die Konjunktur beleben, weil sie die Kaufkraft stärken. Wer so argumentiert, ignoriert die Kostenseite. In der Krise hatten die Unternehmen einen starken Nachfrage- und Produktionseinbruch hinzunehmen, trotzdem hielten sie die Beschäftigung weitgehend stabil. Hätte es eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik gegeben (wie sie die Gewerkschaften jetzt im Aufschwung fordern), hätten die Löhne sinken müssen. Da dies nicht der Fall war, sind in der Industrie 2009 die Lohnstückkosten um 15,6 Prozent gestiegen.
Damit sollte klar sein: Die Wirtschaft muss erst wieder produktiver werden, bevor die Löhne stark steigen können. Nur so ist eine Rückkehr zur Normalität möglich, sonst drohen dauerhaft höhere Lohnstückkosten sowie ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätzen. Dieser Zusammenhang ist eigentlich nicht zu kompliziert, um ihn zu erkennen.
Der Hinweis, die Arbeitnehmer hätten ihre Lasten in der Krise getragen, ist zweifellos richtig, ändert aber nichts an dem skizzierten Befund und sollte vor allem nicht dazu führen, die Anpassungsleistungen der Unternehmen zu ignorieren.
Mehr Konsum und weniger Investitionen nützen niemandem
Trotzdem tragen Dauerkeynesianer erwartungstreu und unabhängig von der tatsächlichen Lage das Argument vor, Lohnerhöhungen seien aus gesamtwirtschaftlicher Sicht nötig, um die Konjunktur zu stützen. Doch diese Sichtweise verengt – wie üblich – die Zusammenhänge.
Zum einen besteht die Binnennachfrage nicht nur aus Konsum, sondern ebenso aus Investitionen. Wie viel die Unternehmen in neue Bauten und Ausrüstungen investieren, wird aber von der zu erwartenden Kostenentwicklung maßgeblich beeinflusst. Für die Gesamtnachfrage ist nichts gewonnen, wenn der Konsum steigt, die Investitionen aber sinken.
Zum anderen ist schon grundsätzlich die Vorstellung verfehlt, man könne über kräftige Lohnerhöhungen die Binnenkaufkraft dauerhaft stärken. Denn für die Entwicklung der Konsumnachfrage ist weniger die Lohndynamik als vielmehr die Beschäftigungsentwicklung entscheidend. Empirische Analysen zeigen: Steigt die Beschäftigung um ein Prozent, nimmt der private Konsum um 0,8 Prozent zu, steigt der Reallohn um ein Prozent, wächst der private Verbrauch hingegen lediglich um 0,2 Prozent.
Will man den privaten Konsum stärken, braucht man also vor allem eines: eine beschäftigungsorientierte Lohnpolitik.
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