Bürger-Zoff in Oldenburg Konsumtempel bringt ganze Stadt in Rage

Deutschlands Innenstädte sollen wieder mehr Kunden anlocken - überall im Land entstehen daher neue Shopping Malls. In Oldenburg wehren sich die Bürger mit aller Macht gegen ein Einkaufszentrum, doch die Stadtverwaltung zieht das Projekt durch. Geschichte einer Provinzposse.

Aus Oldenburg berichtet Martina Scheffler

Bauarbeiten am ECE-Center in Oldenburg: Massiver Widerstand der Bürger
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Bauarbeiten am ECE-Center in Oldenburg: Massiver Widerstand der Bürger


Elvira Precht hat nur darauf gewartet, dass man sie fragt. "Das ist eine Katastrophe", empört sie sich, "für die Innenstadt und auch architektonisch." Man ahnt, wäre sie keine Dame, sie würde schreien. Elvira Precht besitzt ein Modegeschäft in der Oldenburger Innenstadt. Was sie auf die Palme bringt, ist ein Einkaufszentrum, wie es in vielen deutschen Städten steht, eines der Marke ECE.

Doch Oldenburg ist anders als viele deutsche Städte. Das ECE-Center - die "Schlosshöfe" -, das hier gebaut wird, stößt auf massiven Widerstand. Einen Konsumtempel, so scheint es, will hier niemand.

Dabei feiern Shopping Malls überall im Land Erfolge. Mit ihren vielen kleinen Fachgeschäften sollen sie die altbackenen Warenhäuser à la Karstadt ablösen. Sie gelten als das Mittel gegen Konsumflaute und verödende Innenstädte. Angeblich ist auch die Architektur der Einkaufszentren viel schöner als die der Warenhäuser. Nur in Oldenburg will man das nicht so recht glauben.

Die Provinzposse um die "Schlosshöfe" hat sich mittlerweile zum Politikum entwickelt. Ein Oberbürgermeister hat seinen Job verloren, eine Ratskoalition ist zerbrochen, eine Flut von Klagen beschäftigt die Gerichte.

Alles fing damit an, dass Oldenburg einen der zentralen Plätze der Stadt, den Schlossplatz, aufwerten wollte. Dort stand ein leerstehendes Hallenbad, ein verkommener Betonklotz. Der musste weg, aber was dann? Erste Kontakte zu dem Projektmanagement-Unternehmen ECE aus Hamburg gab es 2001, drei Jahre später beschloss der Stadtrat den Verkauf des Grundstücks an die ECE.

Einzelhändler organisierten den Widerstand

Damit begann der Streit, in Bevölkerung und Kaufmannschaft formierte sich breiter Widerstand. "Stopping Center" - diesen Stoppschild-Aufkleber konnte man an fast jedem inhabergeführten Geschäft der Innenstadt finden.

Doch der Oberbürgermeister der 160.000-Einwohner-Stadt, Dietmar Schütz von der SPD, ließ sich durch die Proteste nicht beirren und hielt an dem Projekt fest. Er sah im ECE-Center eine Chance, die Innenstadt zu beleben. Unter Schütz' Regentschaft waren schon ein neues Freibad und eine Sportarena für den Basketballverein EWE Baskets entstanden, das ECE-Center hätte diese Bauten noch übertreffen können - was es auch tat, jedoch nicht wie geplant. Im Rat wollte eine Mehrheit aus SPD, FDP und einer kleineren Partei das Projekt durchpeitschen, die anderen Fraktionen fühlten sich zur Seite gedrängt. ECE-Gegner prangerten angebliche Zurückhaltung von Dokumenten an, sie warfen dem Bürgermeister selbstherrlichen Stil vor, und sie wollten mehr Bürgerbeteiligung.

Doch die Maschinerie war bereits in Gang gesetzt. Ein Architektenwettbewerb brachte einen Gewinner hervor, man begann mit der konkreten Planung. Die einen hofften auf eine Belebung der Innenstadt durch das ECE-Center, die anderen - vor allem kleine Einzelhändler - fürchteten den Tod derselben. Auch die Ausmaße der Shopping Mall, direkt neben dem großherzoglichen Schloss, riefen heftige Kritik hervor. Dann kam die Kommunalwahl 2006, und auf einmal sahen alle Gegner des Centers die ultimative Lösung des Problems: Weg mit dem Oberbürgermeister, weg mit ECE.

Nur: Wer sollte in der eher links geprägten Stadt, die als eine der ersten in Niedersachsen eine rot-grüne Ratsmehrheit hatte, gegen das Oldenburger SPD-Urgestein Schütz antreten? Am besten jemand, der alle Gruppen ein bisschen anspricht, der in vielen Bereichen Zuhause ist.

Hauptsache, der Kandidat war gegen das Center

Die CDU als zweitstärkste Partei im Rat sah die Chance, wieder einen der ihren in das oberste Amt der Stadt zu hieven. Der Herausforderer allerdings war keiner der "ihren", jedenfalls kein Oldenburger. Die einzige Verbindung des Kandidaten Gerd Schwandner zu Oldenburg bestand in der Tatsache, dass seine Frau im niedersächsischen Wissenschaftsministerium arbeitete, und das wurde geleitet vom Oldenburger CDU-Vorsitzenden Lutz Stratmann. Aber in der Not erschien es egal, ob Oldenburger oder nicht, Hauptsache, der Kandidat sprach sich gegen das vermaledeite Center aus und schöpfte so die Stimmen der erregten ECE-Gegner ab.

Schwandner, parteiloser promovierter Ex-Chirurg, Ex-Landtagsabgeordneter für die baden-württembergischen Grünen, Ex-Staatsrat beim Bremer Kultursenator und Ex-Marketingprofessor in Karlsruhe, verkaufte auf einem CDU-Ticket den Oldenburgern nun sein Wahlprogramm, das im Wesentlichen beinhaltete: kein ECE-Center.

Tatsächlich machten die geringe Wahlbeteiligung, die Unterstützung der in Oldenburg traditionell starken Grünen und ein Vorsprung von ein paar hundert Stimmen Schwandners Wahl möglich. Da war es nun, das "Wunder von Oldenburg", wie Niedersachsens CDU selbst überrascht bemerkte.

Der Jubel währte aber nicht lange: Es ging um mögliche Entschädigungszahlungen an ECE, falls sich die Stadt von den bereits beschlossenen Bebauungsplänen wieder verabschieden würde. Der neue Oberbürgermeister sah sich vor allem mit der örtlichen IHK konfrontiert, die der geplanten Ansiedlung eines schwedischen Möbelhauses nur dann zustimmen wollte, wenn auch das ECE-Center käme. Denn sonst verlöre die Innenstadt weiter Kaufkraft an die Stadtränder, und dies solle das Center verhindern.

Von allen Seiten schrie es "Wahlbetrug"

Und auf einmal war auch der neue Oberbürgermeister für das geplante Center - trotz seines Wahlversprechens. Es sollte zwar etwas niedriger ausfallen (17,5 statt 18,8 Meter), der Abstand zum Schloss etwas größer (42 statt 40 Meter) und die Verkaufsfläche geringer (10.000 statt 15.300 Quadratmeter). Fertig waren die "Schlosshöfe", wie sich der abgespeckte Koloss seitdem nannte.

Und da standen nun die Grünen, da standen die Bürgerinitiativen, als ihnen der neue Oberbürgermeister zu Weihnachten 2006, drei Monate nach seiner Wahl, ein neues Einkaufszentrum schenkte und mit ECE handelseinig wurde. Dafür der ganze Aufwand - damit doch alles beim Alten blieb?

Von allen Seiten schrie es "Wahlbetrug" - was Schwandner selbst natürlich nicht so sah. Die Entwicklungen nach seiner Wahl und die Einmischung der IHK habe er nicht vorhersehen können. Vor allem jedoch versprach Schwandner "1000 neue Arbeitsplätze", die durch das Center zusammen mit dem Möbelhaus-Neubau entstehen würden. Würde man das ECE hingegen ablehnen, müsse man weiter mit den Resten des Hallenbades leben - und mit einem unternehmerfeindlichen Ruf.

Die Grünen kündigten daraufhin die Koalition mit der CDU auf. Zweimal wollten sie Schwandner sogar abwählen lassen, scheiterten aber. Im Februar dieses Jahres gab es erneut Scharmützel im Stadtrat: Der Oberbürgermeister wollte wegen der ECE-Bauarbeiten Veranstaltungen auf den Marktplatz verlegen, die Händler fürchteten um ihre Umsätze. Fünf Ratsfraktionen stellten sich gegen Schwandners Beschluss. Zahlreiche Klagen wurden gegen die Schlosshöfe eingereicht, bis jetzt wurden alle abgelehnt. Kürzlich hatte man Risse am Schloss entdeckt, neben dem inzwischen die Baugrube klafft. Da schöpften einige Hoffnung, den Bau doch noch stoppen zu können - vergeblich, die Risse sind alt.

Der dritte Douglas, das vierte H&M

Nun scheint die Sonne auf den Oldenburger Schlossplatz, die riesige Baustelle ist abgesperrt, hohe Kräne ragen in den norddeutschen Himmel. Das ECE wird kommen, das scheint klar. Ende September ist Grundsteinlegung. Die "Stopping Center"-Aufkleber sind von den Schaufenstern verschwunden. Doch Freude will sich keine einstellen, die Mall ist so unbeliebt wie eh und je.

"Hier stehen doch schon drei Passagen leer", schimpft der Apotheker aus der Ratsapotheke, der ältesten der Stadt. "Keine Passage in Oldenburg funktioniert, die 'Schlosshöfe' sind völlig überdimensioniert." Die Sorge des Pharmazeuten: Auch im ECE-Center soll eine Apotheke eröffnen, "und die hat dann vielleicht rund um die Uhr auf". Aber es geht auch um das Erscheinungsbild der Stadt: "Oldenburg hatte mal eine individuelle Innenstadt, das sind inzwischen alles Filialisten, und was wird ins Center kommen? Der dritte Douglas, das vierte H&M."

Ein paar Straßen weiter in einem Geschäft für Wohnaccessoires ist die Stimmung ebenfalls gedrückt. "Oldenburg hat doch genug Geschäfte", sagt die Verkäuferin, "die 'Schlosshöfe' graben uns die Kundschaft ab."

Auch Elvira Precht ist immer noch aufgebracht, selbst wenn sie um ihre Kunden nicht bangen muss. Sie führt Mode für große Größen, hat viele Stammkunden. "Der Oberbürgermeister hat sich den Wahlsieg ergaunert", schimpft sie. "Der hat doch gesagt, mit mir kein ECE, und was ist?"

Die verkleinerte Version des Centers kann sie nicht versöhnen. "Unser schönes Schloss", klagt sie, "und die alte Schlosswache, da passt doch kein Center dazwischen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 183 Beiträge
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Seite 1
OlafKoeln, 20.09.2009
1. -...
Zitat von sysopDeutschlands Innenstädte sollen wieder mehr Kunden anlocken - überall im Land entstehen daher neue Shopping Malls. In Oldenburg wehren sich die Bürger mit aller Macht gegen ein Einkaufszentrum, doch die Stadtverwaltung zieht das Projekt durch. Geschichte einer Provinzposse. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,649802,00.html
Bürgerbeteiligung wird i.R. doch nur als störend empfunden - ob Petition oder Volksentscheid - die Regierenden folgen dem Motto "Störed unsere Kreise nicht ."
archie, 20.09.2009
2. An künftige Fälle denken
Wenn denn die Mehrheit der Oldenburger gegen das Schoppingzenter ist, sollten sie es boykottieren, als Signal an alle, die sowas in Zukunft gegen den Willen der Bürger durchziehen wollen.
Hovac 20.09.2009
3. Normal
Gibt es Innenstädte über 50.000 Einwohner bei denen es nicht einen ähnlichen Verlauf genommen hat. In Großstädten sind die Filialen auch dieselben. Da kann halt einer viel verdienen im Gegensatz zu vielen mit ordentlichen Einkommen.
Sveto 20.09.2009
4. ???
Zitat von sysopDeutschlands Innenstädte sollen wieder mehr Kunden anlocken - überall im Land entstehen daher neue Shopping Malls. In Oldenburg wehren sich die Bürger mit aller Macht gegen ein Einkaufszentrum, doch die Stadtverwaltung zieht das Projekt durch. Geschichte einer Provinzposse. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,649802,00.html
Wo ist das Problem? Wenn wirklich "keiner" das Center will, werden die dort eingerichteten Geschäfte doch schnell in die Insolvenz gehen (weil "keiner" dort einkauft). Dann können die Gegner die Investitionsruine billig aufkaufen und abreißen. Oder sollte es nicht doch so sein, dass bloß eine lautstarke Minderheit das Center ablehnt, weil ihre Anführer um ihre eigenen Pfründe fürchten?
Nanthan 20.09.2009
5. Ist ja wie daheim...
Schreckliche Erinnerungen an meine Heimatstadt Würzburg! Dort das gleiche Theater. Wenn sich die Provinzler erst einmal festgebissen haben, wächst dort kein Gras mehr. Dabei veröden die Innenstädte auch ohne die verfemten Shopping Mals, wenn man die zunehmende Ausbreitung von Drogerie oder Modeketten und Coffee-to-go-Bars so nennen will. Wie macht man Stadte wie Oldenburg oder Würzburg attraktiver? Mit z. B. ausgefallener Gastronomie und Events vielleicht. Auf jeden Fall ist Einfallsreichtum und Aufgeschlossensein für neue Ideen sehr hilfreich. Nicht Augen zu und Kopf in den Sand, immer fest dagegen!
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