Bürgerprotest gegen Stromleitungen: Die Trassen-Brecher

Von , Bad Gandersheim

Neue Leitungen braucht das Land, daran gibt es seit der Energiewende keinen Zweifel. Doch gegen Tausende Kilometer Stromtrassen bildet sich Widerstand. Nirgendwo fällt der Protest so heftig aus wie im niedersächsischen Bad Gandersheim. Ein Besuch bei den Blockierern.

Bürger gegen Stromleitungen: Die Trassen-Brecher Fotos
DPA

Weil er ein Mann der Tat ist, knallt Peter Gosslar zur Begrüßung einen Stoß Papier auf den Tisch. "Ist ein bisschen kompliziert", sagt er, "aber lesen Sie sich das mal durch." Der Titel der 16-seitigen Ausarbeitung lautet: "Datenblatt ROV 380-kv-Höchstpannungs-Drehstrom-Freileitung Wahle-Mecklar". Wer Wutbürger ist, muss ein bisschen auch Masochist sein.

Gosslar, 63, groß, schwer, Gemütsmensch, ist "Pressebeauftragter" der Bürgerinitiative gegen die neue 380.000-Volt-Stromtrasse, die zwischen dem niedersächsischen Wahle und dem 190 Kilometer entfernten Mecklar in Nordhessen gebaut werden soll.

"Pro Erdkabel" nennt sich dieses Bündnis der Besorgten, weil man sich nicht als Verhinderer versteht, sondern als Vordenker neuer Technologien. Ginge es nach Gosslars Truppe, müsste die Leitung auf der gesamten Strecke unterhalb der Grasnarbe verlegt werden. Slogan: "Unter der Erde muss die Freiheit wohl grenzenlos sein."

Beide Parteien wollen die Umwelt schützen

Nicht nur in Bad Gandersheim, überall in Deutschland tobt ein heftiger Streit über Stromleitungen. Zwei Gruppen prallen aufeinander, die im Prinzip dasselbe Ziel haben: den Umweltschutz. Auf der einen Seite stehen Politik und Industrie, auf der anderen Rentner, Lehrer, Einzelhändler, Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die verhindern wollen, dass in ihrer Heimat bis zu 80 Meter hohe Masten aufgestellt werden.

Dabei braucht das Land neue Leitungen, nach dem Atomausstieg dringender denn je. Soll der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung bis zum Jahr 2025 auf rund 40 Prozent verdoppelt werden, müssten in Deutschland nach einer Berechnung der Deutschen Energie-Agentur weitere 3600 Kilometer Trassen gebaut werden.

Bislang durchziehen über 1,7 Millionen Kilometer Stromleitungen die Republik, was etwa viermal der Strecke von der Erde bis zum Mond entspricht. Doch reicht das nicht, um immer mehr Energie von Windparks und Solaranlagen in die Ballungszentren zu verteilen. Zudem liegt das Durchschnittsalter der Höchstspannungsmasten inzwischen bei 32 Jahren. Mancher Stahlträger wurde bereits zu Zeiten der Weimarer Republik aufgestellt. Eine Erneuerung des Netzes ist dringend nötig.

"Die Politiker lügen doch, wenn sie das Maul aufmachen"

Die Bürgerinitiativen in Süd-Niedersachsen und anderswo wollen deshalb auch keine Totalblockade nach dem Motto "Alles Neue verhindern". Die meisten Aktivisten wissen, dass Deutschland neue Leitungen braucht und dass diese am Ende auch gebaut werden. Die Fragen, über die sich streiten lässt und an deren Antworten sie mitwirken wollen, lauten: Wo werden die neuen Leitungen gebaut - und wie?

An einem Mittwochabend, es geht gegen halb neun, kochen in einem Vereinsheim der Freiwilligen Feuerwehr in der Nähe von Bad Gandersheim die Emotionen hoch. Ein Dutzend Herren sitzt an einem großen Holztisch, die Männer tragen karierte Hemden und haben bunte Mappen mitgebracht, aus denen sie immer wieder Papiere hervorziehen. "Die Politiker lügen doch, wenn sie das Maul aufmachen", empört sich einer. Ein anderer schwärmt von der ersten gemeinsamen Demonstration in Hannover: "Hut ab, Kameraden, das war eine tolle Sache!"

Keine andere Bürgerinitiative hat es bislang geschafft, derart viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wie "Pro Erdkabel". Im bundesweiten Ringen um umweltfreundliche Technologien, unangetastete Landschaften und anhaltenden Komfort sind sie zur politischen Größe avanciert - was vor allem daran liegt, dass sie sich reinhängen: "Wir reißen uns den Arsch auf", sagt Sprecher Gosslar, der einmal Unternehmer war und noch immer nichts von seiner Schaffenskraft verloren hat. Seine Devise: "Nicht reden, machen!" Und so gibt es im äußersten Südosten Niedersachsens seit Monaten Kundgebungen, Infotische, Anstecknadeln und Flugblätter.

Kein elektromagnetisches Feld, kaum Elektrosmog

Spricht man mit Peter Gosslar über den Trassenausbau, fällt immer wieder das befremdliche Kürzel "HGÜ", Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung. Es ist das Zauberwort der Bad Gandersheimer Bürgerinitiative. HGÜ bedeutet, dass die Energie nicht wie sonst üblich als Wechselstrom übertragen wird. Die Leitung erwärmt sich daher weniger, hat geringere Verluste, und es entsteht kein elektromagnetisches Feld, also kaum Elektrosmog. Gosslar und seine Mitstreiter wollen HGÜ-Kabel als unterirdische Stromleitungen einsetzen und damit Masten überflüssig machen.

Das Problem: Gleichstrom lässt sich nicht einfach in das Wechselstromnetz integrieren. "Zurzeit eignen sich die Kabel nur für Hunderte Kilometer lange Strecken ohne Abzweig, keinesfalls um konventionelle Höchstspannungsleitungen zu ersetzen", sagt Heinrich Brakelmann von der Universität Duisburg-Essen im SPIEGEL. Um den Strom ins Netz einspeisen zu können, seien riesige Konverterstationen notwendig, 25 Meter hohe Betonklötze mit Elektroinstallationen auf Flächen von bis zu 70 Fußballfeldern.

Außerdem gilt die HGÜ-Technik als sehr teuer. Nach Angaben des Netzbetreibers Tennet Deutschland kosten die unterirdischen Leitungen etwa vier- bis siebenmal so viel wie die Variante über der Erde. Gosslar hält diese Zahlen für übertrieben und rechnet mit einer zusätzlichen Belastung für einen Vier-Personen-Haushalt von nur einem Euro im Monat.

Mitreden und mitgestalten

Neben dem Widerstand der Bürger verzögern aber auch die komplizierten Genehmigungsverfahren den Ausbau. Für die Strecke zwischen Wahle und Mecklar hat Tennet gleich sieben verschiedene Varianten vorgeschlagen. Allein die Behörden in Niedersachsen mussten deshalb die Auswirkungen der Leitungen auf fünf verschiedene Flugplätze und mehrere Landschaftsschutzgebiete prüfen. In den kommenden Wochen könnte es zum Showdown kommen, wenn die tatsächliche Streckenführung bekannt wird.

Fragt man Protestführer Gosslar, warum er denn so vehement gegen die Stromtrasse kämpfe, zögert er einen Augenblick. Es scheint, als habe er über diese Frage, die doch der Anfang war, schon lange nicht mehr nachgedacht. Die Antwort hat sich zwischenzeitlich verselbständigt.

Doch dann beginnt Gosslar zu erzählen - vom Wirtschaftsfaktor Tourismus, der Abwanderung vieler junger Leute, der Angst einer ganzen Region, noch mehr zu verlieren, und sei es nur ihre landschaftliche Idylle. Fürchtet er selbst auch Nachteile? Er schüttelt den Kopf. Dafür wohne er zu weit weg von der Trasse.

Am Ende sagt Peter Gosslar dann den Satz, der so etwas wie das Geleitwort der neuen Bürgerwut sein könnte, in Stuttgart, in Athen oder eben in Bad Gandersheim: "Wir wollen mit unserem Engagement zeigen, dass wir nicht alles hinnehmen, sondern mitreden wollen und auch mitgestalten."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 527 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
Olaf 18.07.2011
Zitat von sysopNeue Leitungen braucht das Land, daran gibt es seit der Energiewende keinen Zweifel. Doch gegen Tausende Kilometer Stromtrassen bildet sich Widerstand. Nirgendwo*fällt der Protest so heftig aus wie im niedersächsischen Bad Gandersheim. Ein Besuch bei den Blockierern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,772586,00.html
Na und, war doch immer das Ziel von der 68er: Das Land unregierbar zu machen. Jetzt nicht rumheulen, weil es die eigenen Projekte trifft. Sonst wäre sicherlich auch von "Aktivisten" die Rede und nicht von "Blockierern".
2. getreu dem St. Florians Prinzip...
earl grey 18.07.2011
---Zitat--- Die meisten Aktivisten wissen, dass Deutschland neue Leitungen braucht und dass diese am Ende auch gebaut werden. Die Fragen, über die sich streiten lässt und an deren Antworten sie mitwirken wollen, lauten: Wo werden die neuen Leitungen gebaut - und wie? ---Zitatende--- getreu dem St. Florians Prinzip... Irgendwie haben in diesem Land zu viele Leute zu viel Zeit und Langeweile... ach ja, stand ja in dem Artikel "Renter, Lehrer..."
3. Stromleitung vor der Haustüre
gandalfthegreen 18.07.2011
Also ich habe so ein Teil vor der Haustüre. Stören tut mich das nicht. Die Miete ist sagenhaft günstig, und irgendwoher muss der Strom ja kommen :D
4. Richtig...
Der zu spät geborene 18.07.2011
Zitat von earl greygetreu dem St. Florians Prinzip... Irgendwie haben in diesem Land zu viele Leute zu viel Zeit und Langeweile... ach ja, stand ja in dem Artikel "Renter, Lehrer..."
...allerdings muss man schon sagen dass hier der Grat ein schmaler ist, ich wollte auch keine 380kV Leitung DIREKT vor der Nase. Habe mehrere in ein paar Kilometer entfernung und über das WE Grundstück meiner Schwiegereltern führt eine genau hinweg. BGibt schon prickelnderes. OTOH habe ich natürlich auch ganz gerne Strom....
5. Unvermögen oder Absicht?
kelukelu 18.07.2011
Zitat von earl greygetreu dem St. Florians Prinzip... Irgendwie haben in diesem Land zu viele Leute zu viel Zeit und Langeweile... ach ja, stand ja in dem Artikel "Renter, Lehrer..."
Neben derartigen Kommentaren muss man vor allem über die Lobby-hörigen SPON Beiträge staunen. Wie kann man so viel Text erstellen ohne die Substanz zu berühren. Bei den heutigen Grundstückspreisen und der Bevölkerungsdichte ist Erdverkabelung eine glatte Selbstverständlichkeit - auch aus wirtschaftlicher Sicht. Die Ignoranz und Schadenfreude der deutschen Mehrheit über die Vermögensbeeinträchtigung einer Minderheit, die Grundstücke in den betroffenen Bereichen haben, ist wirklich ein charakterliches Armutszeugnis, insbesondere deswegen, weil sich darüber eine noch kleinere Gruppe von Großaktionären freuen darf! Die Rechnung wird dem deutschen Volk später präsentiert, wenn man einsehen wird, dass man es besser gleich richtig gemacht hätte.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Energiewende
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 527 Kommentare
  • Zur Startseite


Energiewende im Praxistest